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Schule

«Auch Schulen wollen das Beste für das Kind»

Bernard Gertsch ist der oberste Schulleiter des Landes. Ein Gespräch über Macht, die Frage, was eine gute Schule ausmacht – und wie Lehrpersonen mit Druck umgehen. 
Interview: Nik Niethammer 
Herr Gertsch, was zeichnet eine gute Schule aus?
Lebendigkeit. Eine Schule ist gut, wenn die Schüler* sagen, «wir gehen in eine gute Schule», wenn Lehrer* und Eltern mit Stolz von „unserer guten Schule“ sprechen.

Und was ist ein guter Schulleiter*?
Er passt zu seinem Team und zu seiner Schule. Er hört gut zu. Er ist achtsam und nimmt wahr, was an seiner Schule läuft. Ein guter Schulleiter weiss, wie er Dinge anstösst und wo er intervenieren will. Und wann er die Dinge so belässt wie sie sind, weil sie nicht mit einem vernünftigen Aufwand veränderbar sind.

Schulleiter haben Macht. Ein Schulleiter ist quasi der Geschäftsführer der Schule. Sind Schulleiter Macht-Menschen?
Ein Schulleiter muss gerne Verantwortung übernehmen. Wenn er nur nach Macht strebt und sich selber verwirklichen will, wird es nicht funktionieren. Er muss präsent sein. Und er braucht eine Vision, die er mit allen Beteiligten erarbeitet und umsetzen will.

Macht der Schulleiter-Job einsam?
Ja, das ist leider öfters so. Es betrifft vor allem die, die vorher Lehrpersonen waren und aus dem Team heraus Schulleiter wurden. Man muss sich in dieser Rolle an einiges gewöhnen. Zum Beispiel, dass ein Gespräch abgebrochen wird, wenn man ins Lehrerzimmer kommt. Nicht wegen der Person, sondern wegen der Rolle, die man hat. Das Gefühl, nicht wirklich zum Team dazu zugehören, macht einsam. Man muss als Schulleiter auch immer wieder unbequeme Entscheidungen treffen, teilweise gegen die Meinung des Lehrerteams. Deshalb ist es wichtig, eine Linie zu haben, transparent und verlässlich zu sein. So ist auch die Einsamkeit besser zu ertragen.

Sie sind seit sechs Jahren als Schulleiter in Egnach TG tätig. Was unternehmen Sie gegen die Einsamkeit in Ihrem Job?
In bin selber schon sehr lange in Leitungsfunktionen. Daher ist dieses Gefühl der Einsamkeit nicht  neu für mich. Mein Bedürfnis nach Nähe im Team suche ich in meiner Freizeit oder in der Geschäftsleitung des Schulleiterverbandes. Man kann die Einsamkeit dadurch verringern, indem man ein Kernteam aufbaut. Als Schulleiter muss man nicht alles allein machen. Ich habe an meiner Schule einen ausgezeichneten und sehr engagierten Stellvertreter. Ein anderer Lehrer plant sehr gut. Also setze ich ihn als Stundenplan-Planer ein. Die Entscheidungen im Bereich Gesamtschule treffe dennoch ich als Schulleiter.

«Ein guter Lehrer ist nicht automatisch ein guter Schulleiter.»
Bernd Gertsch
Was waren ihre wichtigsten Entscheidungen als Schulleiter?
Wir hatten den Auftrag, die durchlässige Sek im Thurgau zu realisieren. Und zwar mit zwei Schulhäusern, eines unten im Dorf und eines oben auf dem Hügel. Die bisherige starre Aufteilung in Real- und Sekundarschule sollte verschwinden. In der neuen Sekundarschule haben wir zwei Typen eingeführt, die Stammklasse G mit grundlegenden Anforderungen für leistungsschwächere Schüler und die Stammklasse E mit erweiterten Anforderungen für leistungsstärkere Schüler. Der Schüler ist also nicht mehr permanent in derselben Klasse sondern besucht den Unterricht entsprechend seinen Kompetenzen. Damit die Schüler nicht laufend zwischen den Schulhäusern wechseln mussten, haben wir es so gelöst, dass die ersten beiden Sek-Jahre oben auf dem Hühel absolviert werden und das dritte Jahr unten im Dorf.  Das bedeutete letzlich eine ziemlich starke Veränderung vor allem auch für die Lehrpersonen.

Fällt Ihnen ein weiteres Beispiel ein?
Ich habe eine Klassensprecher-Runde eingeführt. Mit dem Ziel, dass die Schüler ein Mitspracherecht erhalten. Das stiess bei den Lehrkräften zunächst auf Skepsis. Man fragte sich, was haben die ohne uns zu besprechen. Nun treffe ich mich mit den Klassensprechern einmal im Quartal, zusammen mit einer Lehrkraft. Mich interessiert zu erfahren, wie sie die Schule als Gesamtes erleben und was sie für Verbesserungsideen haben.

Der Beruf des Schulleiters wurde vor 20 Jahren eingeführt. Haben sich eigentlich alle Lehrer darüber gefreut?
Nun, am Anfang stiessen die neuen Vorgesetzen teilweise auf Widerstand, weil die Lehrer es seit jeher gewohnt waren, selbstständig zu agieren. Inzwischen ist allen klar, dass der Schulleiter für die Lehrer da ist. Er unterstützt und qualifiziert sie, sorgt für ihre Weiterbildung. Er muss sich aber auch um die strategische Führung kümmern, um Jahresziele im Auftrag der Schulbehörde. Man steckt als Schulleiter in diesem Spannungsfeld zwischen Behörde, Lehrer, Eltern und Schüler. Schulleiter müssen mit vielfältigen Interessen und Ansprüche umgehen können.

In jedem vierten Schulhaus sind die Lehrer unzufrieden mit der Schulleitung, ergab die Berufszufriedenheitsstudie 2014. Worauf führen Sie diesen schlechten Wert zurück?
Wie in jedem Beruf gibt es gute und weniger gute Mitarbeiter. So gibt es auch hervorragende Schulleiter und solche, die ihre Arbeit weniger gut machen. Ein Lehrer fühlt sich mal mehr, mal weniger unterstützt vom seinem Chef. Natürlich ist es aber unser Ziel, dass noch mehr Lehrer mit unserer Arbeit zufrieden sind. Dafür bietet unser Verband auch Vernetzungsmöglichkeiten und gezielte Schulungen an.

Kritisiert wird vor allem die fehlende Führungskompetenz und die Ausbildung der Schulleiter.
Ich finde die Ausbildung grundsätzlich gut. Seit der Beruf des Schulleiters auch ohne Lehrpatent möglich ist, braucht es für diese Studierende zusätzliche pädagogische Grundlagen. Diesen Teil kann und muss man verbessern. Und wir müssen in der Schulleitungsausbildung besser differenzieren. Ist jemand als Schulleiter Teil eines Teams und unterrichtet gleichzeitig, hat er andere Bedürfnisse als der Rektor einer Schule, der Chef mehrerer Schulleiter ist. Im Moment machen alle dieselbe Ausbildung. Ich kann mir gut vorstellen, dass  in Zukunft Wahl- und Ergänzungsmodule für die unterschiedlichen Funktionen angeboten werden.

Warum können heute auch Quereinsteiger Schulleiter werden?
Der Markt ist ziemlich ausgetrocknet. Wir wären froh, wir hätten mehr Auswahl.  Ein guter Lehrer ist nicht automatisch ein guter Schulleiter. Es ist fatal, einen guten Lehrer zum Schulleiter zu berufen, nur um ihm Wertschätzung zu zeigen. Umgekehrt gibt es Leute, die zwar kein Lehrerpatent haben, aber über eine grosse Affinität zur Schule verfügen. Die spüren, dass man Lehrer anders führen muss als beispielsweise Banker oder Verkaufspersonal. Eine Lehrperson hat im Klassenzimmer eine hohe Gestaltungskomptenz. Ein guter Schulleiter tut gut daran, dem Lehrer diese Freiheiten zu lassen. 

Gesucht ist ein Pädagoge mit Managerfähigkeiten – oder ein Manager mit pädagogischen und kulturellen Fähigkeiten. Was ist Ihnen lieber?
Grundsätzlich suchen wir Leute, die sich für die Schule interessieren, die bereit sind, sich auf die Schule einzulassen. Schulleiter sind Fachleute für das Führen, Gestalten und Weiterentwickeln ihrer Schule. Sie sind für das Qualitätsmanagement zuständig. Es melden sich glüchlicherweise Personen, die bereits diese Kompetenzen mitbringen. Ich kenne einen Schulleiter, der war vorher Schulsozialarbeiter. Der kennt die Schule aus Sicht der Schulsozialarbeit. Dies ist eine gute Ausgangslage. Früher hätte so jemand nicht Schulleiter werden können.
 
Wieviele Quereinsteiger scheitern in ihrer neuen Funktion?
Zahlen habe ich hierzu keine zur Verfügung. Mir ist persönlich ein Fall bekannt. Dieser Quereinsteiger aus der Versicherungsbranche hat den Schritt nicht geschafft. Ihm wurde zum Verhängnis, dass er sich bei den Unterrichtsbesuchen und –beurteilungen angemasst hatte, alleine die didaktische Arbeit der Lehrpersonen zu beurteilen – ohne eigene pädagogische Grundlagen. Vor allem erfahrene Lehrer konnten das nicht akzeptieren.

Was unternimmt Ihr Verband, um die besten Leute für das Amt des Schulleiters zu gewinnen?
Kürzlich haben wir ein attraktives «Berufsleitbild Schulleitungen» herausgegeben. Damit wollen wir das Profil der Schulleitung stärken und besser kommunizieren. Als Verband haben wir nicht direkt Einfluss auf die Auswahl der Schulleiter. Das ist Sache der Schulbehörde. Die Lehrer haben ein Mitspracherecht. Meist wird ein Wahlausschuss, eine Wahl- oder Ernennungskommission gegründet. Hier sollen alle wichtigen Player vertreten sein. Als Verband versuchen wir über Pressearbeit aufzuzeigen, wie anspruchsvoll, aber auch faszinierend der Job des Schulleiters ist.

Soll ein Schulleiter nebenbei unterrichten oder sich ausschliesslich auf seine Tätigkeit als Geschäftsführer der Schule konzentrieren?
Der Schulleiter soll vor allem Schulleiter sein. Schulleitung ist eine Profession. Damit man diesen Beruf auch wirksam ausüben kann, muss man das als Hauptjob machen. Als Verband empfehlen wir eine Anstellung von mindestens 50 Prozent. Ob man nebenbei noch Schule geben soll oder nicht, ist individuell verschieden. Es gibt Schulleiter, die problemlos im selben Team als Lehrer arbeiten können. Das ist allerdings anspruchsvoll. Oft ist es so, dass jemand ein 60 bis 80 Prozent-Pensum als Schulleiter ausübt und die Anstellung mit Familienarbeit oder einer anderen Tätigkeit verbindet. 
«Eltern wollen für ihr Kind den besten Lehrer, die beste Lehrerin. Das ist verständlich»
Bernd Gertsch
Worauf achtet ein Schulleiter, wenn er einen neuen Lehrer einstellt?
Die Begeisterung für den Beruf ist entscheidend. Das kann jemand sein, der direkt von der pädagogischen Hochschule kommt und findet, er habe den schönsten Beruf der Welt. Oder ein älterer Kollege, der immer noch das Feuer in sich spürt, als Lehrer den Lebensweg von Kindern mitgestalten zu wollen. Daneben sind die menschlichen Aspekte sehr wichtig. Humor, mit den Kindern lachen zu können, auf sie einzugehen. Jedes Kind als Individuum wahrzunehmen, einzeln zu fördern.

Schulleiter kümmern sich auch um die Sorgen von Lehrpersonen. Wo drückt sie der Schuh am meisten?
Das Schwierigste für einen Lehrer ist, den vielfältigen Ansprüchen, auch den eigenen, gerecht zu werden. Im Lehrberuf gibt es viele Erwartungshaltungen, von Eltern, den Behörden, der Schulleitung. Und selbstverständlich von den Schülern. In Kombination mit den Ansprüchen, die von aussen an sie herangetragen werden, kann das Druck aufbauen und als Belastung wahrgenommen werden.

Üben Eltern heute mehr Druck auf Lehrer aus als früher?
Das hat eindeutig zugenommen und ist ein gesellschaftliches Phänomen. Eltern fordern heute das ein, was sie wollen. Jede Mutter, jeder Vater will für das eigene Kind den besten Lehrer, die beste Lehrerin. Das ist nachvollziehbar, das Kind geht nur einmal auf dieser Stufe zur Schule. Es gibt nun aber verschiedene Lehrpersonen im Team, wir haben ganz junge, die gerade aus der Ausbildung kommen, die selber noch nicht Eltern sind. Die spüren dann den Druck der Eltern die sagen: für mein Kind will ich keinen Anfänger.

Wie kann ein Schulleiter einen Lehrer unterstützen, der unter Druck steht?
Indem man Präsenz zeigt und im Gespräch miteinander versucht, die Probleme zu analysieren und gemeinsam Lösungen zu finden. Wichtig ist, dass Unterrichtsbesuche als Unterstützung wahrgenommen werden, nicht als Kontrolle. Diese Besuche sind angemeldet, man verständigt sich im Vorfeld, worauf man besonders achtet.

Und wie gehen Sie mit den Kritikern, Schüler, Eltern, um?
Ich höre genau hin. Und mache dem Schüler oder den Eltern klar, dass es mir wichtig ist, auch die Sicht des Lehrers einzuholen. Meist verändert diese Anhörung dann das Bild. Allenfalls berufe ich eine Runde zu dritt ein oder schalte die Schulsozialarbeit ein. Sehr oft aber versuche ich Schüler oder Eltern darin zu bestärken, sich direkt an die Lehrperson zu wenden.

Wir haben von den Sorgen der Lehrer gesprochen. Wie sehr machen Ihnen schwierige Schüler zu schaffen?
Wir stellen immer wieder fest, dass die Probleme von Klasse zu Klasse sehr unterschiedlich sind. Es sind häufig Konstellationen von Kindern die schwierig sind. Temporäre Versetzungen einzelner Schüler können die Situation entspannen. 

Ein Beispiel?
Ein hervorragender Lehrer geriet vor einem Jahr mit den Eltern seiner Schüler in einen massiven Konflikt. Es ging um den Lernstoff. Die Eltern fanden den Stoff zu schwierig und warfen dem Lehrer vor, die Schüler zuwenig zu unterstützen. Der Lehrer ist sehr erfahren. Aber es hat ihn erschüttert, mit welcher Heftigkeit die Eltern auf ihn los gingen. Ich übernahm als Schulleiter die Aufgabe, ein Konfliktgespräch zu moderieren. Es wurde sehr schnell persönlich. Die Eltern argumentierten aus der Not heraus, sie sahen die Aufnahme ihrer Kinder ans Gymi gefährdet. Der Lehrer war dafür bekannt, dass er fähige Schüler in die Kanti bringt, die Sorge war also  unbegründet. Nachdem die Kanti-Prüfungen erfolgreich waren, war das Thema auch gleich vom Tisch.

Wie oft geht es im Streit zwischen Eltern und Leher auch um die Benotung?
Oh, das ist ein Dauerbrenner. Es gibt immer wieder Eltern, die das Zeugnis ihres Kindes nicht unterschreiben wollen. Dabei bedeutet die Unterschrift nur: eingesehen, nicht: einverstanden. Es braucht dann oft viel Beharrlichkeit und Geduld, diesen Unterschied zu erklären. In besonderen  Fällen schaut man sich als Schulleiter gemeinsam mit den Eltern und dem Lehrer die Noten nochmals an.

Was wünschen Sie sich für Ihre Schülerinnen und Schüler?
Dass sie in der Rückschau finden, sie hätten eine gute Schulzeit gehabt. Dass sie von Lehrpersonen unterrichtet wurden, die ihnen Vorbilder waren. Ich stelle immer wieder fest, dass das Soziale für die Schüler enorm wichtig ist. Gemeinsame Lager und Projektwochen, spannende neue Zugänge zum Lernen. Das bleibt ganz stark in der Erinnerung.

Und Ihr Wunsch an die Eltern?
Dass Eltern anerkennen, dass auch die Schule das Beste für das Kind will. Ich wünsche mir Eltern, die sich einbringen zum Wohl der Schule. Es gibt viele Schulen, wo das hervorragend funktioniert. Ich bin mir allerdings bewusst, dass Eltern heute mit ihren Kindern sehr vielfältig engangiert sind. Es gilt Freizeitaktivitäten zu koordinieren, an Elternabend und Elterngesprächen teilzunehmen. Ich verstehe deshalb Eltern, die sich zeitlich nur bedingt für die Schule ihrer Kinder engagieren können.

Im neuen Leitbild Ihres Verbandes formulieren Sie eine Vision, wie der Beruf des Schulleiters gewinnbringend für alle – Behörden, Eltern, Schüler – und natürlich für ihn selbst ausgeübt werden kann. 
Eine Schule führen und gestalten ist eine Herausforderung. Schulleiter handeln im Rahmen eines geklärten Auftrages und nutzen Gestaltungsräume. Sie haben eine zentrale Rolle in derEntwicklung der Volksschule. Der Schulleiter muss ein Unterstützer und Ermöglicher sein. Wenn ihm dies gelingt, ist er ein guter und erfolgreicher Schulleiter.   


*Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Es sind immer beide Geschlechter gemeint.
Bild: Fotolia

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Bernard Gertsch 
62, gelernter Primarlehrer undHeilpädagoge war Schulleiter im Wagerenhof Uster, Rektor der Hochschule für Soziale Arbeit in Rorschach und Hochschulexperte. Seit 2009 ist er Schulleiter Sek in Egnach TG (50 %) und seit 2012 Präsident des Verbandes Schulleiterinnen und Schulleiter der Schweiz VSLCH (40%). Gertsch wohnt in Sommeri TG, ist verheiratet und Vater einer erwachsenen Tochter.


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