Schule

«Herr Minder, weshalb fehlen so viele geeignete Schulleiter?»

Seit dem 1. August ist Thomas Minder der oberste Schulleiter  der Deutschschweiz. Der Thurgauer über akuten Schulleitermangel, Quereinsteiger ­im ­Lehrberuf­ und­ sein­ Ziel,­ grösseren ­Einfluss ­auf­ die Politik zu nehmen.
Interview: Evelin Hartmann und Nik Niethammer
Bilder: Anne Gabriel-Jürgens / 13 Photo
Wer sich am Bahnhof Eschlikon verabredet, findet sich schnell. Nur wenige Fahrgäste steigen aus dem Zug. Thomas Minder winkt seinen Besuchern zu, führt sie zum nahe gelegenen Parkplatz. «Wir führen das Gespräch am besten in der Schulverwaltung. Das ist nicht weit», sagt der neue Präsident des Dachverbands Schulleiterinnen und Schulleiter VSLCH. Dort angekommen staunen Fotografin und Journalisten nicht schlecht: Thomas Minders Arbeitsort ist eine 130 Jahre alte elegante Villa mit toskanischen Formen und aufwändigem Dekor. Nach einer kurzen Besichtigungsrunde kann das Interview beginnen.

Herr Minder, was macht einen guten Schulleiter aus?

Ganz einfach, der- oder diejenige muss die eierlegende Wollmilchsau sein. Nein, im Ernst, Gesprächsführung, Geduld, Empathie, Konfliktlösefähigkeit sind wichtige Eigenschaften eines Schulleiters. Darüber hinaus muss er oder sie sich auch abgrenzen können, Probleme nicht zu sehr an sich heranlassen. Dann kommen noch betriebswirtschaftliche Aspekte hinzu und Führungskompetenzen.
Thomas Minder: Der heute 43-Jährige begann nach der Matur ein Studium der Ingenieurwissenschaften und arbeitete danach als Flugbegleiter bei der Swissair, bevor er in St. Gallen das Studium als Sekundarlehrer phil II. abschloss und Lehrer wurde. Seit 12 Jahren leitet Thomas Minder die Volksschulgemeinde Eschlikon auf Stufe Kindergarten und Primarschule, viereinhalb Jahre lang präsidierte er den Thurgauer Verband der Schulleitenden VSLTG. Seit August ist er Präsident des Verbands VSLCH, in dem rund 2200 Schulleiterinnen und Schulleiter organisiert sind. Thomas Minder ist verheiratet und Vater dreier Kinder im Alter von 11 bis 14 Jahren.
Thomas Minder: Der heute 43-Jährige begann nach der Matur ein Studium der Ingenieurwissenschaften und arbeitete danach als Flugbegleiter bei der Swissair, bevor er in St. Gallen das Studium als Sekundarlehrer phil II. abschloss und Lehrer wurde. Seit 12 Jahren leitet Thomas Minder die Volksschulgemeinde Eschlikon auf Stufe Kindergarten und Primarschule, viereinhalb Jahre lang präsidierte er den Thurgauer Verband der Schulleitenden VSLTG. Seit August ist er Präsident des Verbands VSLCH, in dem rund 2200 Schulleiterinnen und Schulleiter organisiert sind. Thomas Minder ist verheiratet und Vater dreier Kinder im Alter von 11 bis 14 Jahren.

Würden wir Ihre Kollegen fragen, was Sie als Schulleiter auszeichnet, welche Antwort bekämen wir?

Ich bin einer, der sein Kollegium unterstützt, ein offenes Ohr für die Anliegen der Lehrpersonen hat. Einer, der dazu stehen kann, wenn er Fehler gemacht hat und das Gespräch sucht.

Sagen wir, an Ihre Schule kommt eine neue Schülerin, mit der es an ihrer vorhergehenden Schule schwierig war. Auch die neuen Lehrpersonen haben Probleme mit dem Mädchen. Welche Aufgabe kommt Ihnen als Schulleiter zu?

Meine Aufgabe bestünde darin, ein Netzwerk aufzubauen, damit es nicht zur Eskalation kommt. Vor allem auf der Belastungsseite der Lehrpersonen. Denn obwohl die Situation unheimlich belastend ist, sollen sie gesund ihre Arbeit machen können. Auch wenn das bei uns im Schulhaus sehr selten vorkommt: Es gibt diese Kinder, die einfach ausflippen. Und das ist für Lehrpersonen extrem anspruchsvoll.
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Verstehen Sie sich als eine Art Schlichtungsstelle?

Es gibt Situationen, in denen ich mich mit Eltern und Lehrpersonen an einen Tisch setze. Dann höre ich den Eltern zu und nehme ihre Anliegen auf, aber ich fühle mich eher der Organisation Schule verpflichtet. Ich kenne die Lehrpersonen und ihre Stärken und Schwächen, und wenn Eltern Kritik anbringen, dann geht es oft um etwas, woran wir sowieso schon arbeiten. Es wäre unprofessionell, dies öffentlich zu kommentieren. Und nur weil Eltern in dieser Sache nichts weiter von mir hören, heisst das nicht, dass wir intern nicht daran arbeiten.

Ist der Beruf des Schulleiters im Vergleich zu früheren Zeiten anspruchsvoller geworden?

Im Bereich Kommunikation mit Sicherheit. Die Geschwindigkeit, mit der sich Nachrichten verbreiten, nimmt zu, ebenso wie die Taktung. Eltern hören ein Gerücht und tauschen sich darüber mit anderen Eltern via Whatsapp aus.

Eltern sind heute besser vernetzt.

Aber diese Vernetzung nutzen sie nicht, um ihre Kinder besser zu begleiten.

Wie meinen Sie das?

Ich halte es in dieser Sache mit dem israelischen Psychologen Haim Omer, der sagt: Wenn es Probleme mit dem Kind gibt, sollten Mütter und Väter das ganze Unterstützungssystem nutzen, das die Institution Schule anbietet, Lehrpersonen, Schulleiter, Schulsozialarbeiter und Psychologen, aber auch die Peers und deren Eltern.

Und das tun Eltern zu wenig? 

Grundsätzlich machen es die meisten Eltern sehr gut. Es gibt aber Mütter und Väter, die dieses Unterstützungsnetz nicht oder zu wenig in Anspruch nehmen, die regen sich lediglich gemeinsam mit anderen Eltern auf.

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