Kontaktabbruch erwachsene Kinder erzählen
Familienleben
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Diese innere Einsamkeit beschreibt eine andere junge Frau:

«Ich bin viele Jahre immer mit dem Wunsch zu meinen Eltern gefahren, es möge doch ein netter, freundlicher, lustiger Tag werden. Der erste Kommentar von meiner Mutter war dann so: <Wie läufst du denn wieder rum?> Oder noch abfälliger: <Wie siehst du denn aus?>. Das reichte eigentlich schon. Dann kam von meinem Vater: <Wann bist du endlich fertig mit dem Studium oder willst du uns noch weiter auf der Tasche liegen?> Spätestens wenn mein Vater Äusserungen von mir kommentierte mit: <Sei doch ruhig, du hast doch keine Ahnung, rede doch nicht so dumm daher!>, bin ich fluchtartig weg, habe auf der Rückfahrt vor Herzschmerz geheult oder getobt vor Wut.

Und bin nach drei Monaten trotzdem wieder hingefahren mit dem Wunsch, es möge doch endlich ein netter, freundlicher, vielleicht sogar lustiger Tag werden. Meine Sehnsucht nach Anerkennung – von Liebe spreche ich schon gar nicht – hat mich immer wieder hinfahren lassen, um dann voller Frust zu fliehen. Irgendwann war für mich klar: Ich fühle mich von meinen Eltern nicht geliebt, und es gab keine Möglichkeit, mit ihnen darüber zu reden. Sie hätten es nicht verstanden.»
«Ja, meine Eltern meinen es immer gut, aber dieses <gut> ist zu viel für mich!» 
Nicht nur ein Zuwenig an Sicherheit, emotionaler Kälte, Lieblosigkeit oder Vernachlässigung  lässt junge Erwachsene an ihrer Ursprungsfamilie zweifeln und die gemeinsame Familientür zuschlagen, sondern auch das Gegenteil. Seit wenigen Jahren beobachtet Claudia Haarmann in ihrer Praxis ein neues Familienszenario: Es sind Familien mit übergrosser Nähe, bei denen es zur Zerreissprobe kommt. 
 
Wie kommt es zu dieser übergrossen Nähe? Meist wurden die Eltern autoritär erzogen, Disziplin, Gewissenhaftigkeit und Selbstbeherrschung waren gross geschrieben. In diesem Befehlshaushalt durften Kinder sich nicht schmutzig machen, mussten sich unterordnen, wurden häufig getadelt und manchmal auch geschlagen. 

Diese Generation schwor sich, als Eltern es anders zu machen, ihre Kinder ohne Gewalt und Disziplin zu erziehen. Im Vordergrund stehen Nähe, Geborgenheit, Ich-Stärkung und ein partnerschaftliches Miteinander ohne Hierarchien. Man zeigt den Kindern rückhaltlos, dass und wie sehr man sie liebt. Und erzählt: «Wir waren wie Freundinnen, haben uns alles erzählt und sind zusammen shoppen gegangen.» oder: «Mein Kind war mir so nah wie niemand sonst.»
 
Manchen Kindern aber ist diese Liebe, dieses Behüten zu viel. Sie erleben sie als «Überlieben» und «Überbehüten», das sie erdrückt. Sicherlich gibt es keinen Zweifel daran, dass das Zusammenleben damals, als die Kinder noch klein waren, sehr harmonisch war, man war sich nah. Nun aber, als Erwachsene, wenden sich diese Töchter und Söhne ab.

Die Beziehung ist ihnen zu eng, sie fühlen sich nicht als Person wahrgenommen, sie unterbrechen den Kontakt, um sich selbst zu finden. Sie äussern sich dann so: «Ja, meine Eltern meinen es immer gut, aber dieses <gut> ist zu viel für mich! Das ist mir zu nah. Ihre Dauerliebe ist wie eine Dauerbeobachtung und das macht mich fertig.» 
 
Ein 20-jähriger Mann sagt: «Ihre Liebe und Aufmerksamkeit ist zu viel. Gäbe es eine weltweit funktionierende <Aufpass-Behüte-App>. Meinen Eltern wäre kein Preis zu hoch dafür ... Totale Kontrolle! Aber sie verstehen gar nicht, wovon ich spreche, wenn ich ihnen erkläre, dass ich mal Abstand brauche, oder wenn ich ihnen sage, dass sie mich doch einfach mal lassen oder mir zuhören sollen. Auf meinen Wunsch folgt dann prompt der Einwand: <Aber Kind, wir meinen es doch nur gut, das tun wir doch nur aus Fürsorge. Wir lieben dich doch so sehr> Ihr <gut gemeint> ist für mich zu viel, und ihr <aber Kind> zeigt, dass sie nichts verstehen. Sie wissen immer, was für mich gut ist, als sei ich ein Erstklässler im Leben.»

Nähe und Autonomie müssen einander gleichwertig sein

Eine 34-Jährige äussert sich so: «Meine Mutter und ihr Partner haben grosse Wünsche an mich, und meine Mutter spricht ständig über unser Familienglück. Aber ihre Vorstellung von Glück macht mich unglücklich. Sie hat mich immer beschützt, und wenn sie könnte, würde sie das bis heute tun, obwohl ich einen Partner habe und meinen Job und ein eigenes Leben führe. Ich weiss nicht mehr, was ich tun soll, ich kann mich nur mit brachialen Mitteln daraus lösen, denn ich erlebe das nicht nur als eine Vereinnahmung, ich fühl mich von ihnen einverleibt.»
 
Was hier fehlt, was Eltern nicht sehen, ist laut Haarmann das, was Liebe idealerweise ausmacht: Nähe und Autonomie sind einander gleichwertig: «Nähe gibt Geborgenheit und Halt, Autonomie bestärkt die Eigenständigkeit und innere Freiheit. Menschliche Entwicklung findet im Wechsel zwischen den Nähe- und Autonomiebedürfnissen statt.» 

Diese Kinder unterbrechen dann den Kontakt zu den Eltern, gerade weil dieser zu eng ist, denn sie fühlen sich nicht als Person mit all ihren Bedürfnissen wahrgenommen. Sie müssen den Kontakt unterbrechen, um durchzuatmen und um sich selbst zu finden. «Die jungen Erwachsenen entziehen sich dem engen Kontakt zur Mutter und/oder Vater, weil sie sie selbst sein wollen. Was für ihre Eltern überschmerzlich sein kann, denn die fühlen sich verlassen.»
 
Nicht nur zu wenig Nähe und Geborgenheit spielen also eine Rolle, sondern auch zu viel Nähe – von zu wenig selbst erfahrener Fürsorge geht es in Richtung zu Überfürsorge. Die «gesunde Mitte», so Haarmann, fehle. Das Tragische dabei sei: «In dem Überbehüten, dem Alles-Geben, dem Ganz-nah-sein geht es wieder nicht um das Kind. Bei dieser Überfürsorge wird etwas Wesentliches der kindlichen Bedürfnisse übersehen, vielmehr geht es um die Angst der Eltern, um ihre Angst, diese Liebe wieder zu verlieren.»

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