Psychologie

«Funkstille ist schlimmer
als der schlimmste Streit»

Wenn das eigene Kind den Kontakt abbricht, bleiben verzweifelte Eltern mit der Frage nach dem Warum zurück. Claudia Haarmann forscht seit vielen Jahren zum Thema Kontaktabbruch. Er bahne sich schon lange vorher an, weiss die Psychotherapeutin – und habe eine klare Botschaft.
Interview: Irena Ristic 
Bilder: Thekla Ehling

Frau Haarmann, wieso bricht ein Kind den Kontakt zu seinen Eltern ab? 

Das kann viele verschiedene Gründe haben. Grundsätzlich lässt sich sagen: Ein Mensch, der den Kontakt zu seinen Eltern abbricht, empfindet eine tiefe Not. Er fühlt sich in seiner Person, in seinem Kern nicht wahrgenommen. Er hat lange versucht, seinen Eltern deutlich zu machen, was ihn bewegt, ist dabei aber nie auf Verständnis gestossen. Wenn ein Kind sieht, dass es nicht mehr mit seinen Eltern zusammenkommt, kann es sein, dass es diesen Schritt macht. 

Sie kennen solche Fälle aus Ihrer therapeutischen Praxis. Was erleben Sie in Ihrem Arbeitsalltag?

Ich möchte ein Beispiel erzählen: Die Eltern einer jungen Frau machten Karriere im Ausland. Nannys kümmerten sich um die Kinder, als diese klein waren. Kamen die Eltern müde nach Hause, empfanden sie die Kinder, die viel Tamtam machten, oft als Störung. Beide Elternteile wuchsen in einer emotional sehr kalten Familie auf. Sie hatten nie erfahren, wie sich Nähe anfühlt und wie man sie herstellt. Sie hatten nur gelernt, zu funktionieren …
Claudia Haarmann ist als Psychotherapeutin in eigener Praxis in Essen tätig. Ihre Arbeit fokussiert sich auf die Bindungs- und Beziehungsdynamiken in Familien und deren Auswirkungen im Erwachsenenalter. www.claudia-haarmann.de
Claudia Haarmann ist als Psychotherapeutin in eigener Praxis in Essen tätig. Ihre Arbeit fokussiert sich auf die Bindungs- und Beziehungsdynamiken in Familien und deren Auswirkungen im Erwachsenenalter. www.claudia-haarmann.de

… und als sie selbst Eltern wurden, waren sie emotional abwesend für ihre Kinder?

Ja. Über die Jahre hat sich viel Leid angestaut. Die junge Frau fragte sich: Wollten mich Mama und Papa überhaupt? Sie konfrontierte die Mutter mit vielen Vorwürfen. So gab es etwa Nannys, die die Kinder nicht gut behandelten, was die Mutter offenbar nicht bemerkt hatte. Die Konfrontation mit diesen Erlebnissen führte zu einem grossen Konflikt zwischen den beiden Frauen.

Wie reagierte die Mutter auf die Vorwürfe ihrer Tochter?

Total fassungslos. Das ist das Verrückte daran. Subjektiv meinte die Mutter, alles für das Kind getan zu haben: Sie hatte gearbeitet, um den Kindern alles zu ermöglichen, die tollsten Spielzeuge gekauft, teure Ferien ermöglicht und das Studium finanziert. Die Eltern verstanden die Vorwürfe nicht, weil sie ehrlich das Gefühl hatten, alles richtig gemacht zu haben. Auch schockierte sie die Tatsache, dass sie nicht mitbekommen hatten, wie es der Tochter wirklich ergangen ist.
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Nach einer dieser Konfrontationen kam es zum Kontaktabbruch?

Ja. Der Kontaktabbruch ist übrigens das Massivste, was ein Kind tun kann. Dafür braucht es aber eine gewisse Reife.

8 Kommentare

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Von Ulrike am 28.03.2019 17:39

Dankeschön für diesen sehr interessanten Artikel!
Unsere Tochter (heute 24) hat vor zwei Jahren den Kontakt zu uns eingestellt (nachdem sie sich noch mal Geld fürs Studium abgeholt hatte). Ich kann sagen, dass ich sie nicht vermisse. Ich bin nicht verzweifelt (wie offensichtlich viele Eltern), sondern eher wütend, da ich sie nur als Abzockerin erlebt habe.
Schon als kleines Mädchen hat sie sich quer gestellt und war auf ihren Vorteil bedacht. Später, als ich selbst an einer Schule gearbeitet habe, sprach eine Kollegin zu mir immer von den sogenannten AKs (Arschkinder, davon hatte ich noch nie gehört, ordne meine Tochter jedoch heute bei dieser Klientel ein).
Ja, es ist traurig, dass der Kontakt abgebrochen ist, doch mir persönlich geht es damit sehr gut. Ich möchte auch all den Eltern Mut machen, die ewig ihren Kindern hinterhertrauern und hinterherrennen. Lasst es sein! Genießt Euer Leben und vergesst die Kinder, sie danken es Euch eh nicht, ganz im Gegenteil!
Es gibt so viele junge Menschen, die gerne von den Erfahrungen der Älteren profitieren, warum sich mit der eigenen fiesen Brut belasten? Ja, es ist schlimm und traurig, solche Loser-Kinder in die Welt gesetzt zu haben, doch wir können es nicht mehr ändern. Einfach nur nach vorne schauen.

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Von Isolde am 16.09.2018 18:28

Ich glaube nicht das es sooooo einfach ist. Dazu ist das Thema sehr weitreichend. Jeder Abbruch ist ein Individueller Abbruch aus der Familie mit vielen Facetten. Wo bleibt da die Hilfe vom Traumatherapeuten....es ist "Inn" geworden, Patienten die in einer Traumatherapie gehen zu erklären daran Schuld hat nur die Mutter oder das Elternhaus. Ist es nicht zu einfach..? Und gibt es nicht doch den sogenannten Mittelweg aus dem Muttertrauma herauszufinden. Ich weiß, das man davon spricht...das Alte muss erst zerstört werden, dann kann wieder neues Wachsen...Das heißt für mich das es an der Zeit wäre wiedermal Krieg zu spielen,damit wieder eine bessere Gesellschaft entstehen kann. Wie schlimm ist denn diese Ansicht.
Nein, diese Form von Therapie kann ich nicht akzeptieren, die nur zerstörend ist. Meine mahnende Bitte ist, doch das Alles zu einmal zu Überdenken.....

Lösungen sind gefragt....
Es stimmt die Sozialen Medien zeigen uns einen neuen Weg mit unliebsamen Ereignissen umzugehen....wir löschen,blockieren,kündigen( denn Arbeit bekommt man ja immer),und brechen einfach den Kontakt ab. Wo bleibt da die eigentliche Kommunikation, ich meine das gesprochene Wort und die Diskussion mit dem gegenüber. Machen wir es uns nicht zu einfach...

Von corinne am 18.02.2019 08:45

Liebe Frau Isolde
Es geht doch gar nicht um Schuld. Ich verstehe meinen Vater. Ich verstehe mittlerweile die Geschichte meiner Eltern. Ich kenne ihre Kindheit, ihre Nöte, ihre Schmerzen ihre Minderwertigkeitsgefühle besser als meine. Seit ich ich 14 bin, muss ich mich damit beschäftigen und versuchen, ihre Last mitzutragen. Aber ich kann ihnen nicht helfen. Und ich kann nicht das Mädchen sein, das sich mein Vater wünscht. Ich bin eine Enttäuschung für ihn. Ich wollte ihm gefallen, aber ich wollte auch gesehen werden als die, die ich bin. Die ich geworden bin. Es zerreisst mich fast, ich will seinen Wünschen entsprechen aber ich will ihn auch verurteilen können dafür, wie er mit mir umgegangen ist. Ich habe das Beste gegeben was mir in meinem Minderwertigen Sein möglich war, um in Frieden mit ihm Leben zu können. Aber was nützt es, zu vergeben, wenn er dann nur wieder neuen Frust auf mich lädt? Zögerliche, tief empfundene Liebesbemühungen wurden immer wieder Gewaltsam missachtet. Manchmal sogar genüsslich erniederigt. Denkst du, es tut nicht mega weh zu akzeptieren, das man seine Eltern nicht glücklich machen kann? Bezieheung zwischen Eltern und Kinder sind nunmal lange Zeit nicht auf Augenhöhe, Kinder sind Abhängig. Man kann ihnen nicht die selbe Verantwortung aufhalsen wie den Eltern, wenn sie heranwachsen. Wenn wir gross sind müssen wir dann die Verantwortung für uns selber übernehmen. JA.

Von Dick am 01.01.2019 23:18

Ich glaube Frau Isolde, Sie liegen da nicht soooo richtig.

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Von Fernande am 27.08.2018 10:22

Kontakt abbrechen hat viele Fasetten,
Im Kind tuts manchmal viel mehr weh, dass es das tun muss. Gezeichnet für das ganze Leben.

Wenn da nichts von den Eltern kommt....

Kann da ganz viel erzählen....

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Von M L am 16.08.2018 21:50

Der Artikel spricht mir aus der Seele. Seit ich auf der Welt bin geht es meiner Mutter nur um sich selber. Meinen Bruder hat sie vorgezogen nun kann sie das nicht mehr weil er tot ist. Nun plötzlich kommt sie wieder zu mir. Sie hört mich nicht, sie sieht mich nicht auch mein Mann und die Kinder passen ihr nicht. Ich habe schon zig Mal versucht diese Funkstille durchzuhalten denn reden kann ich mit ihr nicht mehr zu festgefahren sind unsere Positionen. Früher hatte ich keinen Familien Vergleich heute arbeite ich an mir in einer Traumatherapie. Schade aber je länger ich meine Mutter nicht sehe desto besser geht es mir. Wenn sie doch mal kommt krieg ich Angstzustände. Am traurigsten ist es wohl für mich nun in der Lebensmitte zu merken dass ich ihr einfach NIE UND NICHTS werde richtig machen können.

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Von Heike am 02.12.2017 21:49

Es ist immer wieder das selbe. Im Grunde haben immer die Eltern Schuld. Warum? Es gibt auch Situationen, in denen die Mutter den Forderungen ihres Kindes, weil es erwachsen ist, nicht mehr erfüllen möchte. Sie kann nicht das Leben ihrer Tochter führen. Sie hat ein Recht auf ein eigenes Leben und eigene Entscheidungen. Aber genau dann, wenn sie es tut, viel zu spät tut, drehen sich Kinder um gehen. Ohne Rücksicht auf Verluste. So lange ich dem Kind jeden Wunsch erfüllt habe, meine Entscheidungen immer im Sinne der Tochter getroffen habe, war alles gut. Auch Kinder müssen lernen, dass sich die Welt nicht nur um sie dreht. Ich habe es bitter bezahlt. Mir wird dieses Thema einfach immer zu einseitig gesehen. Leider.

Von Romy am 18.02.2018 03:24

Einverstanden, Kinder müssen lernen, dass sich die Welt nicht um sie dreht. Jedoch muss das von klein auf gelernt werden. Erziehung beginnt bei der Geburt, nicht mit Volljährigkeit. Wenn Sie jahrelang nach der Pfeife Ihrer Tochter tanzten, ist es nicht verwunderlich, dass sie nicht so leicht akzeptiert, dass dies nun vorbei sein soll. Aber natürlich haben auch die Eltern das Recht, sich zu distanzieren.

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