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Familienleben

Entschleunigung – jetzt ist jetzt

Wo einst die Natur unseren Rhythmus bestimmte, geben heute ökonomische Zwänge den Takt vor. Menschen sehnen sich nach mehr Langsamkeit. Wie werden wir gelassener? Sicher ist: Entschleunigung beginnt damit, dass wir uns auf das Wesentliche besinnen. Unsere Kinder können uns dabei Vorbild sein – wenn wir sie denn lassen.
Text: Virginia Nolan
Fotos: Raffael Waldner / 13 Photo
Schneller, höher, weiter, so lautet die Maxime des modernen Lebens. In den Achtzigerjahren, als die Geburtsstunde der Yuppies schlug und die Weltwirtschaft in Fahrt kam, war es der Wahlspruch einer erfolgshungrigen Generation, die auf der Überholspur durchs Leben sauste. Heute sind sie Mittfünfziger und schwelgen in Erinnerungen an die fetten Jahre, als auf dem Arbeitsmarkt noch alles möglich war, solange man es nur genug wollte. Mit der wirtschaftlichen Talfahrt in den Neunzigerjahren verflog diese Leichtigkeit. Was blieb, ist Geschäftigkeit, diesmal im bitteren Ernst. Stress wurde zur Volkskrankheit – und zum Statussymbol: Wer etwas auf sich gibt, ist im Schuss. Dann erhöhte in den Nullerjahren die digitale Revolution das Tempo noch einmal: Warum eines nach dem anderen erledigen, wenn alles in einem Wisch geht?

Knapp bei Kasse, reich an Zeit

Und jetzt das: Wer vor Kurzem noch für den Börsengang betete, flüchtet sich zur Auszeit ins Kloster. Manager wollen auf der Alp «herunterfahren», und Yogastudios, die zum Abschalten einladen, schiessen wie Pilze aus dem Boden. Junge Menschen interessieren sich immer weniger für schnelle Autos und steile Karrieren, viele wollen Teilzeit arbeiten und proben, unterschiedlich erfolgreich, das Leben nach dem Lustprinzip. «Menschen sehnen sich nach mehr Langsamkeit», sagt der Soziologe Fritz Reheis, «weil sie unter einem Zeitregime leiden, das sich von unserem natürlichen Rhythmus abgelöst hat. Früher bestimmten unsere biologische Uhr, Tages- und Jahreszeit, wann gearbeitet und geruht werden sollte. Jetzt geben ökonomische Sachzwänge den Takt vor.» Reheis ist Professor an der Universität Bamberg, seine Bücher tragen Titel wie «Die Kreativität der Langsamkeit: Neuer Wohlstand durch Entschleunigung». Gemeinhin gilt Entschleunigung als Bestreben, sinnloser Hast und Hektik in unserem Alltag entgegenzuwirken.
Wer etwas auf sich gibt, ist im Schuss. Was für ein Trugschluss!
Eltern scheinen, ähnlich den Managern, eine besonders stressgeplagte Spezies zu sein. In den Buchläden findet sich eine schier endlose Auswahl an Literatur, die Abhilfe schaffen soll. Auf die zündende Idee scheint aber noch kein Ratgeber gekommen zu sein. Anders lässt es sich nicht erklären, dass Eltern im Dauerfokus der Stressforscher sind. In der Analyse «Familien und Stress» der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaft gab 2013 die Hälfte der 362 befragten Mütter und Väter an, von Stress geplagt zu sein. Eine Studie des Marktforschungsinstitutes Forsa aus dem aktuellen Jahr mit 1000 Personen kommt zum Schluss, dass über 60 Prozent der deutschen Eltern Eile, Hetze und Zeitdruck im Alltag verspüren. Wenn die Befragten einen Wunsch frei hätten, wären 40 Prozent von ihnen gerne wohlhabender, bereits auf Platz zwei (38 Prozent) folgt der Wunsch nach mehr Gelassenheit. Wie gelingt es uns, gelassen zu werden? «Wir sollten mehr auf das achten, was uns wirklich wichtig ist. Und das heisst für viele Menschen, materiellen Wohlstand gegen Zeitwohlstand einzutauschen», sagt Soziologe Reheis. Damit dies kein Luxus für wenige bleibe, brauche es von der Politik entsprechende Rahmenbedingungen. Reheis plädiert etwa für ein bedingungsloses Grundeinkommen, das es den Menschen ermöglichen würde, einen Grossteil ihrer Zeit dem zu widmen, was ihnen am Herzen liegt – dem Partner, den Kindern, einem Hobby.
Wer nicht auf die Politik warten will, muss selbst handeln. Dann führt der Weg zu mehr Entspannung, Zeitwohlstand, wie Reheis es nennt, nur über kleinere Ansprüche. Wie das gelingen kann, zeigt das mittlerweile prominente Beispiel eines ehemaligen Software-Ingenieurs aus Colorado. Pete, seinen Nachnamen behält er für sich, arbeitete beim Software-Riesen Cisco und hatte eine vielversprechende Karriere vor sich. Mit 30 kündigte er – und trat in den Ruhestand. Auf seinem Blog «Mr. Money Mustache», der es auch in die deutschsprachigen Medien schaffte, gibt der Familienvater Finanz- und Lebenstipps, wie der Traum vom einfachen, aber entschleunigten Dasein Realität wird. Im Forum fragen Follower aus der ganzen Welt um Rat. So unkonventionell der Autor, so handfest sind seine Rezepte: sparen, bescheiden leben, Biss zeigen. Er habe, sagt Pete, schon früh darauf geachtet, nichts zu verschwenden. Und er habe viel gearbeitet – ein paar Jahre lang. «Wir fuhren Fahrrad, assen zu Hause, gingen nicht in die Ferien.» Mehr als die Hälfte ihrer Einnahmen sparten Pete und seine Frau. Das Paar investierte einen Teil seines Geldes am Aktienmarkt und kaufte mit dem anderen ein billiges altes Haus in bar, das es in Eigenregie renovierte und später vermietete. «Irgendwann erreichte unser passives Einkommen durch die Aktiendividenden und Mieteinnahmen einen Betrag, der für unser tägliches Auskommen genügt. Für eine Familie mit einem Kind sind das 25 000 Dollar pro Jahr.» Einen Teil der Gewinne aus dem Aktiengeschäft reinvestiert Pete als Rücklage für den Notfall. Sein Familienauto ist praktisch, aber nicht schick, Möbel, Haushaltsgeräte und Spielsachen bestellt sich die Familie online und aus zweiter Hand. Trotzdem sagt Pete: «Unser Lebensstil ist ziemlich normal. Es liegen ein Haus, vier Computer und Bio-Lebensmittel drin.»
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Wie werden wir gelassener? Wir sollten mehr darauf achten, was uns wichtig ist.
Sicher: In dieser Geschichte ist der Hauptprotagonist überdurchschnittlich gebildet, er verdiente höchstwahrscheinlich sehr gut und hat ein Händchen für Finanzgeschäfte. Das lässt sich nicht beliebig auf Otto Normalbürger übertragen. Ist Müssiggang etwas für Privilegierte? Wir fragen Mark Riklin, St. Galler Soziologe und Schweizer Landesvertreter im «Verein zur Verzögerung der Zeit». Dem internationalen Netzwerk gehören rund 700 Mitglieder aus verschiedenen Berufsgruppen an, sie alle wollen zu einem achtsamen Umgang mit der Zeit anregen. «Es wäre unfair, zu behaupten, Müssiggang könne sich jeder im gleichen Ausmass leisten», sagt Riklin. Alleinerziehenden oder Geringverdienern zu sagen, sie sollen ihr Leben etwas entspannter angehen, käme einer Ohrfeige gleich. «Es gibt Menschen, die in dieser Hinsicht keine Wahl haben. Bedeutend grösser aber ist die Gruppe jener, die ihren Stress reduzieren könnten – wenn sie sich bewusst dafür entscheiden.»

Müssiggang - ein Luxus für Begüterte?

Das Zauberwort heisst «Selbstbeschränkung». Riklin erklärt: «Zugunsten von mehr Lebensqualität können anderswo Abstriche gemacht werden.» Riklin, zweifacher Vater, macht sie bei materiellen Gütern. Er ist nebst einem Pensum als Dozent Freiberufler. Seine Frau gibt an einem Nachmittag pro Woche Schule, sonst ist sie für die beiden Töchter da. Die Familie lebt in einem Mehrfamilienhaus, tauscht Kinderkleider im Freundeskreis und teilt ein Auto mit den Nachbarn. Die Töchter holen ihr Spielzeug gelegentlich in der örtlichen Ludothek, wohin sie es zurückbringen, wenn sie etwas Neues wollen. «Entschleunigung beginnt damit», glaubt Riklin, «dass wir uns nicht zum Sklaven unseres Lebensstandards machen.»
Selbstbeschränkung heisst: Abstriche machen zugunsten von mehr Lebensqualität.
Nun muss nicht gleich Frührentner werden oder ein karges Leben führen, wer seinen Alltag etwas entspannen möchte. «Entschleunigung bedeutet vor allem, Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden», so Riklin. Im Alltag könne dabei die «Not-do-Liste», eine Erfindung des Vereins zur Verzögerung der Zeit, eine Hilfestellung sein. «Bei allem, was wir uns vornehmen, hilft es, sich hin und wieder gründlich zu überlegen, was davon wirklich nötig ist. Der Rest kommt auf die Liste.» Auf Riklins eigener Liste stehen viele Kleinigkeiten, und, sozusagen als Dauervertreter, der Newskonsum. Der Familienvater liess sich dabei vom St. Galler Schriftsteller und Unternehmer Rolf Dobelli inspirieren, der in einem Essay «für eine gesunde Nachrichtendiät» plädiert und erklärt, warum er keine News konsumiert: «News sind für den Geist, was Zucker für den Körper ist. News sind triviale Leckerbissen, die unseren Hunger nach Wissen nicht wirklich stillen. Anders als bei Büchern und guten Magazinartikeln stellt sich beim Newskonsum keine Sättigung ein. Wir können Unmengen von Nachrichten verschlingen, sie bleiben billige Zuckerbonbons für den Geist.» Von der Entscheidung, keinen Fernseher anzuschaffen, habe vermutlich vor allem seine Partnerschaft profitiert, sagt Riklin. «Wenn immer möglich treffen meine Frau und ich uns spätabends am Küchentisch. Bei einem Glas Wein lassen wir den Alltag Revue passieren. Das entspannt und verbindet.» Früher habe er zu dieser Zeit oft ferngesehen, «für ein Gespräch», sagt Riklin, «wäre ich danach zu müde gewesen».

Von den Kindern lernen

Entschleunigung heisst nicht nur, es ruhiger anzugehen, sondern auch, sich an den schönen Dingen im Leben zu erfreuen, Überstunden auch einmal in die Liebe statt in den Job zu investieren. Gerade Kinder sind hervorragend darin, uns die Schönheit im Alltäglichen vor Augen zu führen. Sie sind, wenn wir sie denn lassen, von Natur aus gemächlicher unterwegs. Ihr Staunen gilt den einfachen Dingen: dem Rauschen des Baches, einem Tier, das lustige Geräusche macht. Wir reagieren mit Kopfschütteln, wenn Jugendliche «Chillen» als Hobby angeben, neiden ihnen aber insgeheim die Fähigkeit, ganz im Augenblick zu versinken. Kinder sind Meister in dem, was sich Monotasking nennt. Es bedeutet, sich mit Hingabe einer einzigen Sache oder Person zu widmen. Unsere Gesellschaft kennt derweil vor allem das Gegenteil, Multitasking. Es ist die zweifelhafte Kunst, mehrere Dinge auf einmal zu erledigen. Einst zur Schlüsselkompetenz hochgejubelt, gerät Multitasking heute zunehmend ins Fadenkreuz der Kritik. Studien legen nahe, dass es nicht nur zu schlechteren Arbeitsresultaten führt, sondern auch unserem Gehirn schadet. So erzeuge es Druck, der Persönlichkeitsstörungen fördere. In seinem Buch «Multitasking. Zur Ökonomie der Spaltung» vergleicht Stefan Rieger, Professor für Mediengeschichte und Kommunikationstheorie an der Universität Bochum, das menschliche Gehirn mit einem Flaschenhals, der sich nicht beliebig erweitern lässt: Mehrere Sachen gleichzeitig gehen einfach nicht durch. Rieger fordert Entschleunigung: «Tun wir fortan also weniger – und tun wir es vor allem langsam.»
Einfach mal nutzlos rumhängen dürfen - das wünschen sich viele Kinder!
Einfach mal nutzlos rumhängen dürfen - das wünschen sich viele Kinder!
Kinder können uns dabei ein Vorbild sein – aber nur, wenn wir auch dazu bereit sind, ihrem Rhythmus mit Respekt zu begegnen. «Jedes Kind hat seinen ganz eigenen inneren Fahrplan, den es zu achten gilt», sagt Riklin. Eindrucksvoll habe ihm das letzthin die siebenjährige Tochter demonstriert, als sie nach der üblichen Stunde Mittagsruhe noch nicht aus dem Zimmer kommen mochte. «Sie meinte, sie sei noch nicht fertig mit Ausruhen.»

Zeit zum Träumen, Trödeln, Nichtstun: In unserer beschleunigten Gesellschaft ist sie ein rares Gut. Und eines, von dem wir unseren Kindern nie genug schenken können – ganz anders als bei teuren Kleidern und Spielsachen.

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Virginia Nolan
ist seit Geburt langsam unterwegs. Ein Glück, dass es auch Mann und Kind gemütlich mögen. Wenn trotzdem Stress aufkommt, helfen Waldspaziergänge, die Gartenliege oder ein Schluck Wein. Den gibts natürlich nur für die Grossen.

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1 Kommentar

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Von Irmgard am 02.05.2017 18:34

Sehr guter Artikel!

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