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Digital Detox für die ganze Familie

Lesedauer: 4 Minuten

Die ständige Erreichbarkeit setzt uns allen kräftig zu. Darum sollten Familien sich ­bewusst gemeinsame Auszeiten vom digitalen Zeitalter nehmen.

Text: Thomas Feibel
Illustration: Petra Duvkova / Die Illustratoren

Hand aufs Herz: Wann haben Sie das letzte Mal nichts getan? Und ich meine wirklich nichts. Für uns alle stellt das eine der schwierigsten Übungen überhaupt dar. Kein Wunder: Wir leben, lernen und arbeiten in einer Leistungsgesellschaft.

Internet und mobile Geräte haben das Tempo sogar noch drastisch erhöht. Heute dreht sich das Hamsterrad schneller und schneller, obwohl uns die digitale Welt fortwährend Optimierung verspricht. Wenn wir jedoch damit tatsächlich wertvolle Zeit einsparen würden, wo steckt dann bitte diese gewonnene Zeit?

Wenn wir dank Digitalisierung und mobiler Geräte tatsächlich wertvolle Zeit einsparen würden, wo steckt dann bitte diese ­gewonnene Zeit?

Es stimmt schon, digitale Errungenschaften haben uns zu mehr Unabhängigkeit verholfen. Mit dem Handy sind wir selbst im Tram oder beim Einkaufen in der Lage, berufliche Absprachen zu treffen.

Kinder und Jugendliche wiederum können im Notfall zügig ihre Eltern erreichen und bis in den späten Abend mit Freunden in Kontakt bleiben. Allerdings zahlen wir alle dafür auch einen Tribut: Die ständige Erreichbarkeit setzt uns kräftig zu. Auf eingehende Anrufe und Nachrichten nicht zu reagieren, fällt schwer.

Ähnlich ambivalent verhält es sich mit dem Thema Homeoffice. Einerseits ist die neue Akzeptanz der Vorgesetzten für die Verlagerung des Arbeitsplatzes in heimische Gefilde durchaus begrüssenswert. Andererseits kann so der Feierabend in unbestimmte Ferne rücken.

Und büsst nicht so das Zuhause nach und nach seinen Status als privater Rückzugsort ein? Was macht das mit der Familie? Und wie können wir dem entgegenwirken? Vielleicht, indem wir gemeinsam mal auf die Bremse treten. Ein wichtiger Baustein zur Entschleunigung kann dabei der zeitweilige Verzicht auf digitale Medien sein.

Bewusster mit der Digitalwelt umgehen

Das passende Stichwort dazu heisst Digital Detox. Für diese Entgiftungsform dienen ayurvedische ­Entschlackungsmethoden für den menschlichen Körper als Vorbild.

Keine Sorge, bei Digital Detox muss niemand dickflüssige Gemüsesäfte herunterwürgen und basische Tees einnehmen. Vielmehr soll freiwilliger Verzicht auf Smartphone und andere Geräten dazu führen, künftig bewusster und gesünder mit der Digitalwelt und achtsamer mit sich selbst umzugehen.

Die Sache hat nur einen Haken: Sobald es um Auszeiten des Medienkonsums geht, sehen wir vor allem unsere Kinder in der Pflicht, da uns ihre sehr aktive Nutzung ohnehin regelmässig in Rage versetzt. Zur gleichen Zeit sind wir Erwachsenen wahre Meister der Verdrängung, wenn wir mal das eigene Medienverhalten reflektieren sollen. Frei nach der Bergpredigt: Warum siehst du den Splitter im Auge deines Kindes, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht?

Aus Erfahrung wissen wir doch längst, dass auch wir Erziehenden das Smartphone nur schwer aus der Hand legen können. Es unterbricht sogar alles. Und haben wir nicht alle schon mal unser Kind wegen eines eingehenden Anrufs mit einem zugeraunten «Das ist wichtig» einfach stehen gelassen?

Auch ich gebe – wenn auch nur ungern – zu, selbst bloss unzureichend als gutes Vorbild zu taugen. Wenn wir aber tatsächlich einen besseren Umgang mithilfe der digitalen Entschlackung erlernen wollen, kann das nur gemeinsam als ganze Familie gelingen. Doch wie soll das genau vonstattengehen?

Lieber kleine Ziele

Kürzlich berichtete die «Neue Zürcher Zeitung» über ein amerikanisches Internat: Seitdem dort ein knallhartes Smartphoneverbot herrsche, würden die Zöglinge sozial aufblühen. Das hört sich besser an, als es ist. Denn so verheissungsvoll das in unseren Ohren auch klingen mag, wirklich zielführend sind radikale Massnahmen nie. So werden diese Schüler jedenfalls keinen gesunden und ausbalancierten Umgang mit dem Handy erlernen. Damit Erfahrung und Erkenntnisgewinn nicht auf der Strecke bleiben, eignen sich meiner Meinung nach besser kleine als ambitionierte Ziele.

Darum ist ein zaghafter Beginn nicht nur ratsam, sondern für Erwachsene und Kinder deutlich realistischer umzusetzen. Für den Anfang könnten wir zum Beispiel gemeinsam mit unseren Kindern zunächst einen Samstag oder Sonntag im Monat festlegen. Ganz ehrlich: Leicht wird es trotzdem nicht.

Medienkonsum fördert Stress

Auch Kinder und Jugendliche sind gestresst: Der Druck in der Schule, Streit mit Freunden, Reibereien mit den Eltern oder auch die Covid-Zeit gehen nicht spurlos an ihnen vorüber. Das belegt zumindest die Stress-Studie von Pro Juventute aus dem Jahr 2021. Sie kam auch zu einem überraschenden Ergebnis: Um sich von den Strapazen des Alltags zu erholen, suchen Kinder und Jugendliche bekanntlich die Entspannung in den Angeboten von Netflix, Social Media oder der Playstation. Doch das ist ein Trugschluss, wie die Studie festhält: «Je mehr Zeit die Kinder und Jugendlichen mit dem Konsum ­elektronischer Medien ­verbringen, desto häufiger sind sie auch gestresst.»

Denn ein umfassend medienfreier Tag für die ganze Familie bedeutet nicht nur den Verzicht auf Smartphones, Tablets und Computer, sondern schliesst auch Fernsehen, Radio, Hörspiele und in der extremen Version sogar Zeitungen, Zeitschriften und Bücher mit ein. Und was bleibt dann noch übrig? Ganz einfach: Zeit!

Beim Digital Detox geht es vielleicht gar nicht so sehr um Verzicht, sondern vielmehr gewinnen wir wertvolle Familienzeit zurück. Quality Time lautet der dazu passende englische Fachausdruck, was sich frei mit «Zeit für ungeteilte Aufmerksamkeit» übersetzen lässt.

Aus Langeweile wird Produktivität

Ein Detox-Tag ist die wunderbare ­Chance auf einen Tag ohne ständige Unterbrechungen. Anfangs läuft das bestimmt noch etwas steif ab und fühlt sich etwas ungewohnt an. Und Kinder finden diesen Zustand schnell langweilig und megaöde.

Aber das ist doch fabelhaft, da bekanntlich aus Langeweile etwas Neues entstehen kann. Schon nach wenigen Minuten erwacht die gemeinsame Kreativität und die Langeweile schlägt in kollektive Produktivität um: Es wird gemeinsam gekocht, gebacken, gemalt, gebastelt, gespielt, gelacht und vor allem miteinander geredet. Auf einmal sind alle ähnlich entspannt und gelöst wie sonst am dritten Ferientag.

Digtal Detox ist keine Entscheidung gegen digitale Geräte, sondern für unsere gemeinsame Zeit.

Mehr noch: Sobald Kinder und Jugendliche spüren, dass wir uns wirklich Zeit für sie und ihre Interessen nehmen, fördert das die gemeinsame Beziehung und Bindung. So erfahren wir, was unsere Mädchen und Jungen gegenwärtig an Sorgen, Hoffnungen oder Zielen umtreibt. Auch wir Eltern dürfen freiheraus erzählen, was uns gerade beschäftigt, belustigt oder plagt.

Und: Digital Detox ist keine Indoor-Angelegenheit. Solche Tage eignen sich auch wunderbar dazu, gemeinsam mit Kindern etwas zu unternehmen, wobei ein Smartphone nur stören würde: raus in die Natur gehen, Schwimmbäder oder Eisbahnen besuchen, Ausflüge mit dem Velo starten oder Bowling spielen.

Fazit: Digtal Detox ist keine Entscheidung gegen digitale Geräte, sondern für unsere gemeinsame Zeit.

Thomas Feibel
ist einer der führenden ­Journalisten zum Thema «Kinder und neue Medien» im deutschsprachigen Raum. Der Medienexperte leitet das Büro für Kindermedien in Berlin, hält Lesungen und Vorträge, veranstaltet Workshops und Seminare. Zuletzt erschien sein Elternratgeber «Jetzt pack doch mal das Handy weg» im Ullstein-Verlag. Feibel ist verheiratet und Vater von vier Kindern.

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