«Sich selbst zu reflektieren, ist der Schlüssel, um Konflikte zu lösen» - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
Merken
Drucken

«Sich selbst zu reflektieren, ist der Schlüssel, um Konflikte zu lösen»

Lesedauer: 2 Minuten

Michelle Burgener-Oehri, 39, lebt mit ihrer Patchworkfamilie in Winterthur. Dazu ­gehören Pascal, 34, Gian, 13, Lena, 7, und ­Finan, 1. Um Streit zwischen Gross und Klein zu vermeiden, achtet die Lehrerin und Kinesiologin auf ihre eigenen Grenzen. 

Aufgezeichnet von Kristina Reiss
Bild: Filipa Peixeiro / 13 Photo

«Bei uns in der Familie gibt es aufgrund der Alters­differenz zwischen den Kindern eine grosse Spannweite an Themen und somit auch an möglichen Konflikten. Wenn es knallt, dann meist, weil verschiedene Bedürfnisse aufeinandertreffen: der 13-Jährige, der sich langsam ­abnabeln will, der Einjährige, der an einem ganz anderen Punkt steht. Diesen unterschiedlichen Bedürfnissen gerecht zu werden, finde ich manchmal schwierig.

Die zwei Grossen stammen aus meiner früheren Ehe, sie verbringen jedes zweite Wochenende und einen Teil der Ferien bei ihrem Vater. Mit Pascal zusammen habe ich den Kleinen. Gian und Lena gegenüber ist Pascal von Anfang an bewusst nicht als Konkurrenz zum Vater aufgetreten, sondern eher als Kollege, als weitere Begleitperson. Regeln besprechen wir gemeinsam, schlussendlich aber kommuniziere ich sie. Das hat schon immer gut geklappt.

Bin ich mal laut geworden, finde ich es wichtig, mich beim Kind zu entschuldigen. Und nicht zu hart mit mir selbst ins Gericht zu gehen.

Kommt es zum Streit mit einem Kind, versuche ich im ­Idealfall zuerst zu verstehen, was dahintersteckt. Gleichzeitig hinterfrage ich mich selbst: Was ist bei mir im Moment los?, Wo stehe ich? Was ich gelernt habe: Bei Konflikten, gerade in der Familie, geht es vor allem darum, seine eigenen Grenzen zu spüren und klar zu ­kommunizieren, aber auch die der anderen zu erkennen.

Eine Zeit lang bin ich zum Beispiel mit meiner Tochter abends oft aneinandergeraten. Bis mir klar wurde: Lena ist ein Abendmensch, sie dreht dann erst so richtig auf, während ich spätestens ab 20 Uhr mein Limit erreicht habe und dann viel schneller gereizt bin. Mittlerweile ­kommuniziere ich offen: ‹Das hat nichts mit dir zu tun, ich bin einfach müde und mag nicht mehr.› Ich lasse ihr vielleicht noch ein Hörspiel laufen; aber Lena weiss, dass von mir dann nicht mehr zu erwarten ist. Seit ich besser auf meine eigenen Grenzen achte und diese auch klar anspreche, haben wir viel friedlichere Abende.

Sich selbst reflektieren zu können, ist für mich der Schlüssel, um Konflikte zu lösen. Nur zu sagen, das Kind sei schwierig, greift zu kurz. Doch obwohl ich mir vieler Dinge bewusst bin, reagiere ich im stressigen Alltag natürlich ab und zu trotzdem nicht so, wie ich es gerne würde. Hier finde ich zwei Dinge wichtig: sich beim Kind zu entschuldigen – zum Beispiel, wenn man in einer ­Situation unbeabsichtigt laut geworden ist – und gleichzeitig mit sich selbst nicht so hart ins Gericht zu gehen. Fehler gehören dazu. Es kommt nur darauf an, wie man mit ihnen umgeht.»

Hotline Fritz+Fränzi

Gehört in Ihrer Familie Streit zum Alltag? Fühlen Sie sich als Eltern manchmal hilflos und ohnmächtig? Wünschen Sie sich konkrete Tipps, wie man richtig streitet und Konflikte löst? Dann wenden Sie sich an den Elternnotruf. Am Dienstag, 14. Juni 2022, stehen Ihnen drei Fachleute exklusiv zur Verfügung. Sie können Ihre Fragen auch schriftlich einreichen: 24h@elternnotruf.ch. Sie erhalten innerhalb von 24 Stunden eine Antwort. Martina Schmid, Matthias Gysel und Rita Girzone freuen sich auf Sie!

Tel. 044 365 34 00
Dienstag, 14. Juni, 16-19 Uhr

Kristina Reiss
ist freischaffende Journalistin und Mutter einer Tochter, 12, und eines Sohnes, 9. Sie lebt mit ihrer Familie am Bodensee.

Alle Artikel von Kristina Reiss

Lesen Sie mehr zum Thema Konflikte:

Advertorial
Vermögen aufbauen mit der Clanq Familien-App
Die kleinen Ausgaben im Alltag machen einen gewaltigen Unterschied. 3 Tipps, wie auch mit kleinem Budget ordentlich Geld zusammenkommt.
Psychologin Giulietta von Salis über den Umgang mit Gefühlen.
Erziehung
«Kinder verstehen vieles gut, aber wir trauen ihnen zu wenig zu»
Psychologin Giulietta von Salis plädiert dafür, Kinder alle Emotionen erfahren zu lassen und sich als Eltern den eigenen Gefühlen zu stellen.
Kinder, die viel gamen, lassen Eltern verzweifeln. So auch Saskia und Michael, die ihre Geschichte erzählen.
Familienleben
Gamen: «Sobald mein Sohn ein Gerät erwischt, gehts los»
Kinder, die viel gamen lassen Eltern verzweifeln. So auch Saskia und Michael, die ihre Geschichte erzählen.
Resilienz
Familienleben
«Eines kann ich: die Guten erkennen»
Für Marissa ist Resilienz keine Zauberkraft, die wir allein aus uns schöpfen. Wichtiger sei es, auf die richtigen Menschen zählen zu können.
Elternbildung
«Nachts gamt mein Sohn, tagsüber schläft er»
Ein Vater meldet sich beim Elternnotruf, weil sein arbeitsloser Sohn zuhause rumsitzt und das Familienleben belastet. 
Tochter sitzt auf dem Schoss der Mutter. Verstehen Kinder Ironie?
Erziehung
«Kinder erkennen den Witz auch an der Satzmelodie»
Die Psychologin Pauline Larrouy-Maestri forscht zum Thema Ironie und weiss, wie deren Bedeutung entschlüsselt wird.
Familienleben
«Ich mag es nicht, wenn meine Eltern streiten»
Der 10-jährige Nico wendet sich an unsere Expertin Sarah Zanoni, weil er nicht will, dass seine Eltern miteinander streiten.
Ironie: Mutter betrachtet Teeny-Tochter kritisch
Elternbildung
Ab welchem Alter verstehen Kinder Ironie?
Eltern verwenden oft ironische Äusserungen, um kritische Bemerkungen zu umgehen. An sich keine schlechte Idee, Ironie kann aber auch schaden.
Übergänge gut begleiten
Familienleben
9 Tipps, wie Eltern Übergänge gut begleiten
Eine neue Klasse oder ein Umzug – Übergänge können Kinder stark verunsichern und werden oft unterschätzt. Diese Tipps helfen weiter.
Wie Kinder Streit untereinander am besten selber lösen
Elternbildung
Wie Kinder Streit am besten ohne Eltern lösen
Wenn wir unseren Kindern zu viel abnehmen, ­vermindern wir ihr Erleben von Selbstwirksamkeit, schreibt unser Kolumnist.
Thomas Feibel Medienexperte
Familienleben
«Hallo? So was kannst du echt nicht sagen!»
Wenn Kinder in die Rolle der Sprachpolizei schlüpfen und ihre Eltern für deren Wortwahl kritisieren, ist der Ärger vorprogrammiert.
Intrigen in der Schule. Tochter leidet. Mutter tröstet.
Elternbildung
Wenn Schule zur Qual wird
Eine Mutter ruft beim Elternnotruf an, weil ihre neunjährige Tochter unter Intrigen und Ausgrenzung in der Schule leidet.
Familienleben
«Familie ist eben nicht Privatsache»
Die Kinderombudsstelle setzt sich für die Rechte der Kinder ein. Diese würden oft missachtet, sagt Leiterin Irène Inderbitzin.