Cybermobbing: Hetze im Netz
Entwicklung

Hetze im Netz

Cybermobbing ist kein Kavaliersdelikt, sondern kann strafrechtlich verfolgt werden. Wie sollen Eltern vorgehen, wenn ihr Kind am Internetpranger steht?
Text: Virginia Nolan
Bild: Christina Strehlow/DEEPOL/Plainpicture
«Ich hab dir einen Strick besorgt», heisst es in der Nachricht, die Anna abends auf Whatsapp erhält. Später gibts News im Klassenchat: «Anna ist die Hässlichste!» So geht es bis tief in die Nacht hinein. Anna schaltet ihr Handy aus, mit den Gedanken klappt das nicht – der Schlaf lässt auf sich warten.

Wenn eine Person im Internet oder via soziale Medien über einen längeren Zeitraum absichtlich beleidigt, bedroht, blossgestellt oder belästigt wird, ist von Cybermobbing die Rede. Aus Studien ist bekannt, dass Cybermobbing und andere Formen von Mobbing meist ­parallel laufen. Sprich: Wer im Internet zur Zielscheibe wird, ist es auch im Schulalltag. Cybermobbing ist demnach keine neue, sondern eine erweiterte Form von herkömmlichem Mobbing. Trotzdem gibt es ein paar wesentliche Unterschiede:
 
  • Cybermobbing schafft Distanz zum Opfer: Die Täter müssen ihm nicht in die Augen sehen und können anonym agieren. Das enthemmt sie und verstärkt die Ohnmacht des Opfers. 
  • Das Publikum kann von überall zusehen.
  • Cybermobbing hinterlässt Spuren: Videos, Fotos und Hasskommentare können nie vollständig gelöscht werden.
  • Opfer haben keinen Rückzugsort. Die Attacken hören nach der Schule nicht auf, sondern gehen via Computer oder Smartphone weiter.

Mobbingopfer schweigen oft lange, ganz gleich, ob sie in der Schule oder im Netz drangsaliert werden. Die Fachstelle Schweizerische Kriminalprävention (SKP) rät Eltern deshalb, auf Verhaltensänderungen des Kindes zu achten und es frühzeitig auf diese anzusprechen. Was, wenn das eigene Kind tatsächlich am Internetpranger steht? Die SKP empfiehlt Eltern Folgendes: 

  • Sichern Sie Beweise für Attacken: Drucken Sie Webseiten aus, speichern Sie Chatdialoge, löschen Sie unter keinen Umständen SMS oder MMS, die auf die Täterschaft hinweisen könnten.
  • Im Fall von Cybermobbing raten Experten, Kontakt mit den Eltern der Täter aufzunehmen. Denn wenn weitere Lügen und Bilder den Weg ins Netz finden, sind diese nur schwierig zu beseitigen.
  • Besprechen Sie den Fall auch mit der Klassenlehrperson und wo möglich mit dem Schulsozialdienst. Bestehen Sie darauf, dass sich auch die Schule um den Fall kümmert. 
  • Informieren Sie die Polizei, wenn die Attacken nicht unverzüglich aufhören. 
  • Nehmen Sie externe Hilfe von Opfer- oder Jugendberatungsstellen in Anspruch. 

Zwar existiert in der Schweiz kein Gesetzesartikel zu Cybermobbing, «allerdings gibt es zahlreiche Bestimmungen des Strafgesetzbuchs, die es ermöglichen, Täter zur Rechenschaft zu ziehen», hält die SKP fest. Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn Online-Attacken Tatbestände wie Drohung, Nötigung, Ehrverletzung oder üble Nachrede erfüllen. Zudem beginnt in der Schweiz die Strafmündigkeit mit zehn Jahren vergleichsweise früh. Die SKP rät Eltern und Lehrpersonen, Kinder und Jugendliche unabhängig von Vorkommnissen zu ermutigen, sich im Fall von Cybermobbing Erwachsenen anzuvertrauen, sie aber auch darüber zu informieren, mit welchen rechtlichen Konsequenzen Täter zu rechnen haben.
<div>Dieser Artikel gehört zum <a href="https://www.fritzundfraenzi.ch/dossiers/mobbing"><strong>Online-Dossier Mobbing </strong></a>Lesen Sie mehr zu Fragen, wie: <strong>Wie werden Kinder zu Tätern, warum werden sie zu Opfern?</strong> Und was können Eltern und Lehrpersonen tun?</div>
Dieser Artikel gehört zum Online-Dossier Mobbing Lesen Sie mehr zu Fragen, wie: Wie werden Kinder zu Tätern, warum werden sie zu Opfern? Und was können Eltern und Lehrpersonen tun?
<div>Dieser Text stammt aus dem <strong>Juniheft 2020.</strong> <a href="https://www.fritzundfraenzi.ch/service/ausgabe-bestellen/ausgabe-bestellen"><strong>Sie können das gesamte Heft hier als Einzelausgabe bestellen.</strong></a></div>
Dieser Text stammt aus dem Juniheft 2020. Sie können das gesamte Heft hier als Einzelausgabe bestellen.
<div>Wer hatte auch schon mal mit <strong>Mobbing</strong> zu kämpfen? Wir sammeln <strong>Ihre Erlebnisse, </strong>gerne auch anonym.<br><a href="mailto:%20online@fritzundfraenzi.ch">online@fritzundfraenzi.ch</a></div>
Wer hatte auch schon mal mit Mobbing zu kämpfen? Wir sammeln Ihre Erlebnisse, gerne auch anonym.
online@fritzundfraenzi.ch

«Wenn Worte weh tun»

Die Stiftung Elternsein, Heraus­geberin des Schweizer Eltern­magazins Fritz+Fränzi, engagiert sich mit ihrer aktuellen Kampagne «Wenn Worte weh tun» gegen Cyber­mobbing. Mit Videos, Anzeigen, Radiospots und ­interaktiven Massnahmen will die Stiftung die Öffentlichkeit in der Deutschschweiz für dieses wichtige Thema sensibilisieren und auf die gefährlichen Folgen von Cybermobbing aufmerksam machen. Unterstützen Sie die Kampagne mit Ihrer Spende. Alle Informationen unter: www.elternsein.ch/cybermobbing

Lesen Sie mehr zum Thema Mobbing:

  • «Ich war ein leichtes Opfer»
    Benjamin, 12, war in seiner Klasse gut integriert, bis ein Anführer alle gegen ihn aufhetzte. Irgendwann half nur noch der Schulwechsel.

  • «Ich habe dir einen Strick besorgt»
    Ausgrenzung, Schläge, Cybermobbing: Anna, 16, hat es am eigenen Leib erlebt. Sie rät Opfern dringend, ihr Schweigen zu brechen.

  • «Wir wurden alleingelassen»
    Als ihre Tochter Anna, 16, Opfer von Cybermobbing wurde, hatten ­Christine und René die Schulleitung auf ihrer Seite – bis sich die Eltern der Mobber einschalteten.

  • «Schaut, da kommt die Fette»
    Die Schulzeit war ein düsteres Kapitel für Tamara, 18. Schon früh wurde sie zur Zielscheibe von Mobbingattacken, die ihr jegliche Lebensfreude raubten.

  • Wie werden Kinder zu Mobbingopfern oder -tätern?
    Françoise Alsaker, Pionierin der Mobbingforschung in der Schweiz, über Mythen und Fakten: Wie werden Kinder zu Mobbingopfern oder -tätern? Und was haben Elternhaus, sozialer Status oder Geschlechterrollen damit zu tun?

  • No Blame Approach: Eine Anleitung für Lehrpersonen
    Der «No Blame Approach» (wörtlich «Ansatz ohne Schuldzuweisung») ist eine wirksame Methode, um Mobbing unter Schülerinnen und Schülern nachhaltig zu beenden. Hier wird auch bei schwerwiegenden Fällen auf Schuldzuweisungen verzichtet. Eine konkrete Hilfestellung für Lehrerinnen und Lehrer.

  • Mobbing: Alle gegen einen
    Wenn Kinder andere fertigmachen, passiert oft nichts, bis der Notfall eintritt. Die Forschung aber macht deutlich: Wer Mobbing wirksam bekämpfen will, muss eingreifen, bevor es brennt. Soziales Miteinander gelingt nur da, wo Beteiligte konstant daran arbeiten. Was bedeutet das für die Schule, für Lehrpersonen und Eltern?

  • Die «Mobbingbrille» – eine Hilfe für Lehrpersonen
    Die Mobbingexperten und Buchautoren Heike Blum und Detlef Beck haben ein ­Instrument entwickelt, das Lehrpersonen helfen kann, Mobbing auf die Schliche zu kommen: die Mobbingbrille.

  • Wie Mobbing entsteht
    Beschimpft, gedemütigt, ausgelacht: Mobbing fügt Kindern grosses Leid zu. Egal ob es in den sozialen Medien oder im Klassenzimmer stattfindet. Doch wie kann es überhaupt dazu kommen? Und welche Rolle spielen Mitschüler und Lehrpersonen?

  • #nomobbing-Kampagne im Glatt: «Autsch, das hat wehgetan!»
    Handys, die Mobbing in Stromschläge übersetzen, eine Youtuberin, die ganz offen darüber spricht, wie sie ein Mobbingopfer wurde und viele gute Gespräche über Mobbing mit Fachpersonen. All das passiert gerade im Glatt Einkaufszentrum in Wallisellen. Und Sie können vorbeikommen.

  • Wie erkenne ich Mobbing?
    Es gibt keine Anzeichen, die mit Sicherheit auf Mobbing schliessen lassen. Eltern und Fachpersonen sollten jedoch genauer hinschauen, wenn sie mehrere der folgenden Anzeichen bemerken.

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