Mobbing: «Ich habe dir einen Strick besorgt»
Entwicklung

Persönliche Erzählung

«Ich habe dir einen Strick besorgt»

Ausgrenzung, Schläge, Cybermobbing: Anna, 16, hat es am eigenen Leib erlebt. Sie rät Opfern dringend, ihr Schweigen zu brechen.
Aufgezeichnet von Virginia Nolan
Bild: iStock
«In der Dritten kam ich in eine neue Klasse, weil ich repetieren musste. Die tonangebenden Mädchen machten mir klar, dass ich nicht willkommen sei. Ich dachte, das lege sich, diese Klasse würde ja bis zur Siebten zusammenbleiben. Ich verbrachte die Pause im Abseits, schwieg im Unterricht. Die Mädchenclique sah sich darin bestätigt, dass ich eine Komische sei. Später spannte sie die Buben für ihre Zwecke ein: Auf dem Schulweg wurde ich geschubst, angespuckt, geschlagen. Auch auf dem WC, wo ich die Pausen ­verbrachte. Ich lernte, den Schmerz wegzudrücken. Meinen Eltern erzählte ich nichts, ich wollte sie nicht belasten.

Ab der Siebten kamen die Attacken auch via Whatsapp. Es wurden Ranglisten zum Aussehen der Mädchen herumgeschickt, mit mir auf dem letzten Platz. In einer Nachricht stand, ich verbrauchte unnötig Sauerstoff, ein anderer schrieb, er habe mir einen Strick besorgt. Ich suchte den Schulsozialarbeiter auf. Er fragte mich nach der Farbe meiner Aura, ich war verwirrt. Eines Tages stürzte ich, schlug mir den Arm bis zum Knochen auf. Das merkte meine Mutter erst, als sie die Wunde versorgte. Sie konnte nicht glauben, dass ich kaum Schmerz empfand. Da brach alles aus mir heraus. 

Ich wechselte auf eine Privatschule. Ein Jahr lang war ich glücklich wie noch nie. Viele Jugendliche waren wie ich aufgrund von Mobbing und anderen Problemen an dieser Schule. Einige vertrauten sich mir an, ich ging darin auf, ihnen zuzuhören. Die Klassenlehrerin lobte mich, ich könne gut mit Leuten umgehen. In der Folge kam ich bei Konflikten als Schlichterin zum Einsatz, dann wurde ich aufgrund meiner Noten zur Meisterschülerin befördert. Dank diesem Titel durfte ich im Unterricht beispielsweise mein Handy benutzen. 

Irgendwann kippte die Stimmung, die anderen ­wendeten sich von mir ab. Ein Mitschüler drohte damit, mich umzubringen. In der dritten Sek wurde ich mehrmals vom Unterricht dispensiert, doch via Chat gingen die Lügen und Gerüchte weiter. Ich schlief kaum noch, sah keinen Sinn mehr im Leben. 

Heute geht es mir besser – dank regelmässiger ­Therapie, meiner Familie, die mich nicht allein liess, und neuen Freunden, die zu mir halten. Ich mache ein ­Zwischenjahr, habe die Zusage für eine Lehrstelle. ­­Allen, die unter Mobbing leiden, rate ich, Hilfe zu holen. Brecht das Schweigen! Das Leben ist es wert, gelebt zu werden.»
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