Mobbing: «Wir wurden alleingelassen»
Entwicklung

Persönliche Erzählung

«Wir wurden alleingelassen»

Als ihre Tochter Anna, 16, Opfer von Cybermobbing wurde, hatten ­Christine und René die Schulleitung auf ihrer Seite – bis sich die Eltern der Mobber einschalteten.
Aufgezeichnet von Virginia Nolan
Bild: iStockphoto
«Ab der Mittelstufe wirkte Anna zunehmend ernst. Aber sie schien für das, was sie plagte, keine Worte zu finden, sagte stets, es gehe ihr gut. Eine Ahnung davon, wie schlimm es um sie stand, bekam René, als er die Klasse in der Sechsten auf eine Reise begleitete: Anna schien für die anderen Luft zu sein. Die Lehrerin sagte, dass dies keine Ausnahme sei, Anna wirke immer so ‹verschupft›. Unsere Tochter wurde immer dünner, dann kam sie eines Tages nach Hause, den Arm offen bis zum Knochen, sagte, es tue nicht weh. Ich nahm sie in die Arme, da brach Anna zusammen.

Der Kinderarzt schrieb sie krank. Wir redeten mit dem Klassenlehrer, zeigten ihm Chatverläufe. ­Am nächsten Tag nahm er die Klasse ins Gebet. Die Mobber rechtfertigten ihr Verhalten damit, dass Anna an der Situation selbst schuld sei. Im Folge­gespräch mit der Schule liess sich der Schulleiter ­entschuldigen, die Schulpsychologin erschien zu spät. Antworten auf unsere Frage, was man zu tun gedenke, wurden nach dem Gespräch hinausgezögert, wir tappten im Dunkeln.
Das erste Jahr auf der Privatschule lief bestens, bis die Lehrerin Anna einen Sonderstatus verlieh. Bald hatte sie die Klasse gegen sich. Wir suchten das Gespräch mit der Schulleitung, diese wiederum redete mit den Jugendlichen. Wieder fing das Cybermobbing an: Lügen, Drohungen, Ausschluss. Anna wurde mehrmals vom Unterricht dispensiert, wir blieben im Gespräch mit der Schulleitung. Diese legte uns schliesslich nahe, die Polizei zu verständigen. In der Folge liessen wir uns von einem Anwalt und der Polizei beraten. Gemeinsam mit der Schulleitung konfrontierten wir die Klasse, um den Tätern klarzumachen, welche Konsequenzen ihr Verhalten haben könnte. Ihre Eltern reagierten empört, warfen uns vor, die Kinder bedroht zu haben. Ab diesem Moment entzog uns die Schulleitung jegliche Unterstützung: Da es ohnehin nur noch zwei Wochen bis zum Schulende seien, werde man Anna das Abschlusszeugnis einfach nach Hause schicken. Wir wurden alleingelassen.

Die vergangenen Monate waren davon geprägt, Annas Selbstvertrauen zu stärken, auch durch psychologische Unterstützung. Anna, aber auch wir als Familie haben Narben davongetragen. Doch ging aus dieser schlimmen Zeit auch Schönes hervor: Unsere Verbundenheit als Familie ist noch stärker geworden. Verbitterung über die Ungerechtigkeit, die uns widerfuhr, geben wir bewusst keinen Raum.»
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<div>Dieser Text stammt aus dem <strong>Juniheft 2020.</strong> <a href="https://www.fritzundfraenzi.ch/service/ausgabe-bestellen/ausgabe-bestellen"><strong>Sie können das gesamte Heft hier als Einzelausgabe bestellen.</strong></a></div>
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