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Redaktionsblog

#nomobbing-Kampagne im Glatt: «Autsch, das hat wehgetan!» 

Handys, die Mobbing in Stromschläge übersetzen, eine Youtuberin, die ganz offen darüber spricht, wie sie ein Mobbingopfer wurde und viele gute Gespräche über Mobbing mit Fachpersonen. All das passiert gerade im Glatt Einkaufszentrum in Wallisellen. Und Sie können vorbeikommen.
Text und Bilder: Bianca Fritz
An der Handy-Station kochen die Emotionen hoch:  «Das isch aber voll gemein!», ruft die 12-jährige Alice, als sie einen Whatsapp-Chatverlauf mitliest. Entsetzt schlägt sie eine Hand vor den Mund. Ihre Freundin Thalia reibt sich die Hände:  «Ja, das hat auch echt richtig wehgetan. Probier mal!», sagt sie und reicht das präparierte Smartphone weiter. 

Kurz danach kommen Björn und sein Kollege dran. Sie kichern und rufen «Boah, Alter!», wenn ihnen das Handy einen Stromimpuls verpasst. Dann aber werden sie langsam ernster. Auf dem Bildschirm sieht man, wie das Porträtfoto des gemobbten Jungen auf eine Person mit Zwangsjacke montiert wurde. Das neue Bild wird im Chat verbreitet. «Also beleidigen ist das eine – aber das ist schon richtig fies» , findet Björn. Währenddessen suchen seine Finger am Handy Stellen, an denen er den Schmerz weniger spürt.
«Du bist hässlich» und «bring dich doch um» - Youtuberin Nathalie Céline hat solche Kommentare in sich reingefressen. Heute möchte sie Jugendlichen helfen, es anders zu machen.
Die Installation mit den Handy-Stromimpulsen ist das Herzstück der Aktionsfläche gegen Mobbing der Stiftung Elternsein im Einkaufszentrum Glatt im Wallisellen (diese läuft noch bis Ende der Woche, siehe Info am Ende des Artikels). Bei besonders gemeinen Nachrichten in den aufgespielten Facebook- und Whatsapp-Chatverläufen, verteilen die präparierten Handys kleine Stromstösse und übersetzen so den seelischen Schmerz in einen körperlichen.

Neben Eltern, Jugendlichen und Lehrpersonen sind am Dienstag auch einige Schulklassen gekommen, um Mobbing zu spüren und sich mit Fachpersonen und einer Youtube-Influencerin darüber zu unterhalten, was Mobbing ist, warum es wehtut und was man dagegen tun kann. Die Aufklärungskampagne der Stiftung Elternsein greift ein wichtiges Thema auf, denn etwa jeder vierte Jugendliche in der Schweiz wird Opfer von Cybermobbing. Versuche zurück zu schimpfen oder sich alleine wieder daraus zu befreien, gehen oft schief.
Nathalie Céline war 13, als das Mobbing bei ihr losging. Sie hatte einen Youtube-Kanal eröffnet und gab dort Outfit- und Schminktipps. Recht erfolgreich – denn bald schon hatte sie mehrere tausend Follower, die ihre Videos freundlich kommentierten. Bis ihre Schulklasse davon Wind bekam. Ab diesem Zeitpunkt standen Kommentare wie «du bist hässlich» bis  «bring dich doch um» unter ihren Videos.

Das Mobbing ging auch offline weiter:
In der Schule wurde Nathalies Velo aufgehängt und sie wurde verprügelt. Sie schlich sich durch die Schulgänge und versuchte, niemandem mehr zu begegnen. «Ich habe den Fehler gemacht und geschwiegen – ich habe alles in mich reingefressen», sagt sie heute. Ihre Eltern hätten gar nichts von ihren Videos gewusst. Und als dann auch noch ein Lehrer ein Video von Nathalie Célines Yotube-Kanal im Unterricht abspielte und die lustigen Kommentare damit befeuerte, kam Hilfe suchen für sie eh nicht mehr in Frage.

«Besser ist es erst geworden, als ich auf die Berufsschule wechseln konnte», sagt Nathalie Céline. Die Buben, die mit ihr gemütlich in einem grossen Bett im Glatt sitzen, als sie diese Geschichte erzählt, schauen sie gross an. «Und warum hast du nicht aufgehört? Mit Youtube?», fragen sie. «Weil mich die positiven Kommentare dort auch gestärkt haben», sagt sie. Heute nutzt die Youtuberin ihre grosse Reichweite (über 100'000 Abonnenten) auch, um über Mobbing zu sprechen und Jugendlichen Mut zu machen. «Ich will nicht mehr, dass es ein Tabuthema ist – ohne das Tabu hätte ich mir vielleicht auch früher Hilfe gesucht.» 

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