Mobbing: «Ich war ein leichtes Opfer»
Entwicklung

Persönliche Erzählung

«Ich war ein leichtes Opfer»

Benjamin, 12, war in seiner Klasse gut integriert, bis ein Anführer alle gegen ihn aufhetzte. Irgendwann half nur noch der Schulwechsel.
Aufgezeichnet von Virginia Nolan
Bild: Yoo/Plainpicture
«Es fing nach den Sommerferien an, wir waren gerade in die dritte Klasse gestartet. Ein Junge, mit dem ich vorher gut ausgekommen war, begann auf einmal, mich bei jeder Gelegenheit aufzuziehen. Weil er ein Anführertyp war, erntete er dafür nicht nur Lacher, es schlossen sich ihm auch andere an. Zunächst waren es sieben Buben, die mich nicht mehr dabeihaben wollten, beleidigten oder blöde Sachen über mich erzählten. Doch schon bald liess mich die ganze Klasse links liegen. Kam ich auf den ­Pausenplatz, liefen alle weg, wenn ich mich neben ­Klassenkameraden setzte, wechselten die den Platz. Ich weiss bis heute nicht warum.
 
Vermutlich war ich ein leichtes Opfer: Ich bin ein sentimentaler Mensch, der schneller anfängt zu weinen als andere. Am Anfang hoffte ich, der Spuk gehe vorbei. Doch bald verbrachte ich jede Pause allein, monatelang. Die Lehrerin, es war eine Aushilfe, bemerkte das, unternahm aber nichts. Ich gewöhnte mich an die ­Einsamkeit und die Gemeinheiten, Mobber und ­Mitläufer wurden zu einer eingeschworenen Gruppe. Ihr Verhalten konnte ihnen niemand mehr austreiben. Auch nicht unsere wirklich gute neue Lehrerin, die sofort die Schulsozialarbeit verständigte. Ich hatte dort ein paar Termine, ebenso der Anstifter, und es gab Gespräche mit der Klasse. Es ging zwei Wochen lang besser, dann fing alles von vorne an. Meine Eltern redeten mit dem Schulleiter. Nichts half, es war zu spät. 
«Der Lehrer wies die ganze Klasse vorwurfsvoll auf mein ­Weinen hin. Daraufhin ­wurde es schlimmer.»
Im Unterricht hatten wir freie Platzwahl, ich blieb immer übrig. Die Aussicht, dass bis zum Ende der Sechsten kein Klassenwechsel anstand, war deprimierend. In der fünften Klasse kam ein neuer Klassenlehrer. Er ‹half› mir nur ein einziges Mal, und das ging in die Hosen. Wir waren auf einer Schulreise, ich war so traurig, dass ich die Tränen kaum verbergen konnte. Der Lehrer trommelte die Klasse auf dem Bahnsteig zusammen und wies die anderen mit vorwurfsvollem Blick auf mein Weinen hin. Die Gemeinheiten verschlimmerten sich. Ich hatte keine Freunde mehr, nicht einmal in der Freizeit, denn die hatte ich früher oft mit ­Klassenkameraden verbracht.

Zum Ende der fünften Klasse stand ein ­Schullager an. Mir war klar, dass ich das nicht durchstehen würde. Ich konnte nicht mehr. Dann ging alles sehr schnell: Ich wechselte die Schule und dafür auch den Wohnort, zog zu meinem Vater. Das ist bald ein Jahr her, und die Kinder hatten mich von Beginn an gut ­aufgenommen. Das war eine riesige ­Erleichterung.» 
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