Mobbing: «Schaut, da kommt die Fette»
Entwicklung

Persönliche Erzählung

«Schaut, da kommt die Fette»

Die Schulzeit war ein düsteres Kapitel für Tamara, 18. Schon früh wurde sie zur Zielscheibe von Mobbingattacken, die ihr jegliche Lebensfreude raubten.
Aufgezeichnet von Virginia Nolan
Bild: unsplash
«Mobbing prägte meine ganze Kindheit. Ich hatte Übergewicht und eine Lernschwäche, war anders als die anderen. In der dritten Klasse ging es los, die Anstifter waren ein paar Buben, bald zog die ganze Klasse mit. Häufig passten mich meine Angreifer auf dem Schulweg ab. Richtig schlimm wurde es in der Mittelstufe. Wir waren eine altersdurchmischte Klasse von Viert- bis Sechstklässlern. Drei Mädchen hielten zu mir, beim Rest fiel ich durch. Meldete ich mich im Unterricht zu Wort, lachten alle. Dann kam der schlimmste Moment: Ein Mädchen hatte davon Wind bekommen, dass ich in einen Buben aus der Klasse verliebt war. Der Junge wandte sich vor der ganzen Klasse an mich: Ich sei nicht nur hässlich, sondern auch dumm – ob ich tatsächlich glaube, bei ihm eine Chance zu haben? Meine Eltern suchten mehrfach das Gespräch mit dem Lehrer. Er spielte das Mobbing herunter. Was er als Kinderstreitereien abtat, raubte mir den Schlaf. Ich wachte weinend auf, hatte Panik­attacken.
«Die Mobbingerfahrungen haben mich gelehrt, dass ich am Ende mir ­allein ­genügen muss.»
In der sechsten Klasse gab es eine Verschnaufpause, ich gehörte nun zu den Klassenältesten. Die Schlaf­störungen hielten an. Dann kam ich in die Sek, die Klasse formierte sich neu. Es gab zwei Aussen­seiterinnen: ein Emo-Mädchen und mich. Mein Gewicht war wieder das Topthema: Schaut, da kommt die Fette. Ich schwieg wo immer möglich, erhob mich ungern vom Platz. Dann passierte etwas Erstaunliches: Ein Mädchen aus der Klasse, deren Freundin die Schule gewechselt hatte, suchte Kontakt zu mir. Anna war angesehen: schlank, hübsch, direkt. Anfangs traute ich ihr nicht, doch sie blieb dran. Die Freundschaft mit Anna war für mich etwas Neues: Anna verteidigte mich sogar. Sie war es auch, die mich zu einer Beratungsstelle mitnahm, weil ich so am Ende war, dass ich an Selbstmord dachte. Ich hatte null Selbstwertgefühl, wusste nicht, wer ich war und wohin ich wollte.

Seither ist viel Zeit vergangen: Heute bin ich im zweiten Lehrjahr zur Fachfrau Behindertenbetreuung, es geht mir sehr gut. Ich erfahre viel Wertschätzung. Die Schulzeit war ein düsteres Kapitel für mich. Wenn mich die Mobbingerfahrungen eines gelehrt haben, dann, dass es am Ende ich allein bin, der ich genügen muss. Ich habe aufgehört, mich durch die Augen der anderen zu sehen. Nicht nur das: Ich mag mich sogar.»
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<div>Dieser Text stammt aus dem <strong>Juniheft 2020.</strong> <a href="https://www.fritzundfraenzi.ch/service/ausgabe-bestellen/ausgabe-bestellen"><strong>Sie können das gesamte Heft hier als Einzelausgabe bestellen.</strong></a></div>
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