Ein Prost auf mütterliche Selbstzweifel

Es war eine laue Sommernacht in der Toskana. Die italienische Hochzeit eines Freundes wurde gefeiert, wir sassen in Zelten unter Lüstern an einer fürstlich gedeckten Tafel mit üppigen Blumengebinden und klirrendem Kristall. Während der Tischrede des Bräutigams füllten herumschwirrende Kellner die Gläser, dasjenige meiner bald vierzehnjährigen Tochter und meines Elfjährigen blieb selbstverständlich leer. Nicht ganz so selbstverständlich für sie. Als die Tischgesellschaft die Gläser hob, um anzustossen, folgten die erwartungsfrohen Blicke der Tochter dem Weg meines Glases an meine Lippen und von dort wieder auf den Tisch, worauf sie die Hand danach ausstreckte und mit einem weiteren Blick fragte: «Ich darf?» Sie durfte, und der Kleine quakte hintendrein: «Ich will auch!»

Bislang hielt ich es mit Alkohol und den Kindern so, dass sie jeweils ein Schlückchen probieren durften, wenn die Erwachsenen trinken. Was ich insofern unproblematisch fand, als ich weder eine Martini- noch eine Prosecco-Mutter bin und zu Hause so gut wie gar keinen Alkohol trinke, es sei denn, ich habe Gäste. Doch in den Ferien ist meistens alles ein bisschen anders, und so auch hier. Oft gab es mittags schon Wein, und die Kinder baten jedes Mal um einen Schluck. Und hier bei der Hochzeit bedeutete der Blick meiner Tochter schon mehr als Bitten, es war eine Forderung. Der Sohn folgte ihrem Beispiel, was er mit besonderem Vergnügen dann tut, wenn ich das für eine schlechte Idee halte: Wenn sie darf, dann darf ich auch!

Wie weit darf ich mich über die Grenze hinauswagen, ohne den Boden zu verlieren?
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