Warum Musik unbeschreiblich bleibt

Im Musikunterricht von Sibylle Dubs kommt die Frage auf, ob Musik wie Mathe ist oder nicht. Dabei gelangt die Klasse zu einer wertvollen Erkenntnis.
Passionata – Musikunterricht macht den Unterschied
In meinem Unterricht gibt es zwei Regeln. Ich nenne sie F&F: Freundlich sein und Fehler machen. Beides sind unverzichtbare Grundlagen für kreative Prozesse. Natürlich schauen die Kleinen etwas überrascht, wenn ich ihnen in der ersten Musikstunde einschärfe, Fehler zu machen. Oft fragen sie nach, wie ich das meine.
Einige bringen Vorwissen mit und sagen: «Aus Fehlern lernt man.» Mir hat der Satz eine Prise zu viel Schmerz und Moralin. Ich sage den Kindern deshalb lieber: «Wer keine Fehler macht, hat ein langweiliges Leben, weil man dann nie etwas ausprobiert. Und ich möchte, dass ihr bei mir möglichst viel versucht und euch dabei fragt: Finde ich das gut oder möchte ich etwas ändern?»
Musik ermöglicht, sich selbst wahrzunehmen. Dies ist ein Grundbedürfnis von uns Menschen. Leider beherrschen «richtig» und «falsch» das Verständnis von Musik zu weiten Teilen: «Ich singe falsch! Ich kann nicht Klavier spielen, ich mache Fehler.»
Dabei ist Musizieren viel mehr als eine messbare Leistung. Musik ermöglicht eine Reise in die innere Welt. «Das Wissen des Menschen über die Musik ist das Wissen des Menschen über sich selbst», schrieb der Musikpädagoge Hermann Siegenthaler. Er beschreibt Musik als Spiegel von uns. Als ich sein kleines Werk «Einführung in die Musikpädagogik» las, waren mir seine Ausführungen eine Offenbarung.
Musiktheorie erleben
Gerne erinnere ich mich an die Lektion, in der es mir zum ersten Mal gelang, einer ersten Klasse ein Stück von Siegenthalers Wissen zu vermitteln. Es war ein Dienstag und wir nahmen die Notenwerte durch. Ein Thema mit klaren Definitionen, bei denen es tatsächlich richtig und falsch gibt: der Bär macht zwei grosse Schritte (halbe Note), der Fuchs macht in der gleichen Zeit vier und der Hase acht Schritte (Viertel- und Achtelnoten).
In der Elementaren Musikpädagogik arbeiten wir ganzheitlich. Die Kinder sehen deshalb unterschiedliche Spuren am Boden, welche die Notenwerte darstellen. Dann bewegen sie sich darüber und schliesslich werden diese Bewegungen mit den Stimmen und mit Instrumenten vertont. Musiktheorie wird so erlebt, erkannt und schliesslich benannt.
Musik ist wie Mathe!
Leon
An dem Morgen waren die Kinder mit Freude dabei, bis Leon* erkannte: «Musik ist ja wie Mathe!» Der Gedanke an Mathematik war für einen Teil der Kinder eine Spassbremse, weshalb sie protestierten. Ein Glück, dass mir Siegenthaler in den Sinn kam. Ich bat die Kinder zur Besprechung auf den Boden und forderte Leon auf, zu begründen, warum Musik wie Mathe sei. Das fiel ihm nicht schwer, seine Argumente lagen ja in Form der Fussspuren zum Nachrechnen am Boden.
Ich fragte: «Diejenigen, die dagegen sind, dass Musik wie Mathe ist: was ist sie denn sonst?» «Deutsch», sagte Kim, «wir haben ja vorher ein Lied geschrieben und da mussten wir Wörter finden». Ich nickte: «Musik ist für dich eine Sprache.» Dann spielte ich am Klavier ein paar sanfte Moll-Akkorde. «Und wie erklärt ihr euch, dass ihr diese Musik alle traurig findet?»
Was ist Musik?
Ich wechselte auf eine lüpfige Abfolge, und augenblicklich bewegten sich alle. «Warum steht ihr bei dieser Musik auf und wollt lostanzen?» Dafür fanden die Kinder nun keine Erklärung. So liess ich sie schliesslich über drei mögliche Definitionen abstimmen: 1. Musik ist Mathe, 2. Musik ist Sprache oder 3. Musik ist unbeschreiblich. Für jede der Varianten streckten ein paar Kinder auf.
«Ihr habt alle recht», löste ich das Rätsel auf, «Musik kann man berechnen und oft geht sie sogar auf. Musik ist auch wie eine Sprache und manchmal verstehen wir uns über die Musik. Und doch hat Musik etwas, das man nicht beschreiben kann, was weder richtig noch falsch ist.».
Ich bin wie Musik!
Shadia
Es klingelte und die Kinder standen auf, aber Leon war mit meinen Ausführungen noch nicht zufrieden und fragte nach: «Was soll das heissen, man kann Musik beschreiben und doch nicht beschreiben?» «Es bedeutet, dass Musik wie wir Menschen ist», erklärte ich. «Schau dir zum Beispiel Shadia an.» Shadia drehte sich überrascht um.
«Wir können Shadia beschreiben als etwa ein Meter zwanzig gross, mit braunen Haaren und dunklen Augen. Sie lacht viel und sie singt gerne. Ich könnte noch viel über sie sagen. Aber weiss man danach genau, wer Shadia ist? Gibt es nicht einiges an ihr, dass wir nicht beschreiben können? Leon runzelte die Stirn. «Dann ist Shadia wie Musik?» sagte er nachdenklich». «Ich bin wie Musik!» freute sich Shadia und hüpfte aus dem Raum.
Als alle gegangen waren, kam Liliana zurück. Ein stilles Mädchen, das sich an diesem Tag im Unterricht nicht gemeldet hatte. Nun rannte sie auf mich zu, umarmte mich und flüsterte: «Es sollte jeder Tag Dienstag sein» und verschwand so schnell, wie sie gekommen war. Die Woche darauf brachte mir Liliana ein selbst gebasteltes Mobile, auf welches sie Szenen aus dem Musikunterricht gezeichnet hatte. Auf einem Blatt stand: «Fehler machen ist immer gut, ist ihr Spruch. Ist ein schöner Spruch.»
Diese Kolumne berichtet von Erlebnissen im Musikunterricht des Stadtzürcher Schulhauses Holderbach. Die Kinder der ersten und zweiten Klasse besuchen wöchentlich zwei Lektionen Musikalische Grundausbildung (MGA) bei einer Fachlehrperson.
Ab der dritten Klasse haben sie die Möglichkeit, dem Schulhauschor beizutreten. Regelmässig singen und tanzen Kinder und Lehrpersonen zusammen auf dem Pausenplatz.
Musizieren ist das pure Leben und ein pädagogisch fundierter Musikunterricht wichtig für die Entwicklung jedes Kindes.
*Die Namen der Kinder wurden von der Redaktion geändert.