Ein Musikinstrument intuitiv erlernen - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
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Ein Musikinstrument intuitiv erlernen

Lesedauer: 5 Minuten

Noten pauken, nachsingen? Einen anderen Ansatz vertritt die ­«Music ­Learning Theory»: Sie besagt, dass musikalisches Lernen ähnlich dem Erlernen einer Muttersprache abläuft.

Musik zu hören ist eine Sache, Musik zu erzeugen eine andere. Ab welchem Zeitpunkt sollen Eltern beginnen, ihr Kind musikalisch zu fördern?
 
Grundsätzlich gilt, dass Musikkurse bereits ab einem sehr frühen Lebensalter besucht werden können. Für den ungarischen Musikpädagogen Zoltán Kodály (1882 967) konnte die musikalische Erziehung gar nicht früh genug beginnen. Er beantwortete die Frage, wann der beste Zeitpunkt für das musikalische Lernen sei, mit einer gehörigen Portion Ironie: «Neun Monate vor der Geburt … der Mutter!»

Kodály spielte darauf an, dass musikalische Fähigkeiten nicht nur durch Gene vererbt, sondern auch durch die Situation der Familie entwickelt werden. Die musikalische Betätigung der Eltern und deren Umgang mit Musik spielen für die musikalische Entwicklung des Kindes eine wichtige Rolle. Diese beginnt schon im Mutterleib. Man weiss, dass sich das Hörvermögen des Fötus im Mutterleib ab der 22. Schwangerschaftswoche herausbildet. Der heranwachsende Mensch hört alles mit, was im Aussenleben stattfindet: Geräusche, Stimmen und – Musik.

Das pränatale Klassenzimmer

Eine Frühförderung des Babys im Mutterleib ist in vielen Untersuchungen ein Thema. Der kalifornische Arzt Rene Van de Carr, Pionier der pränatalen Förderung, hat dazu einen Lehrplan geschrieben. Sein «pränatales Klassenzimmer» ist einer der zentralen Texte rund um die pränatale Förderung. Van de Carr will in Studien herausgefunden haben, dass ein Fötus im neunten Monat fähig ist, seinen Atemrhythmus an Beethovens fünfte Symphonie anzupassen, wenn die Mutter diese während der Schwangerschaft regelmässig hörte.

Der Ansatz, dass die Erfahrungen des Kindes im Mutterleib prägend sind, werde in der Forschung bedeutsamer, sei insgesamt aber noch jung, sagt der Heidelberger Arzt und Psychologe Ludwig Janus. «Früher wurde der Fötus bis zur Geburt nur als biologisches Wesen betrachtet.» Erst ab den 1970er-Jahren rückte die Geburtsbelastung für das Kind in den Vordergrund. Jedoch nicht die Zeit davor – das ist relativ neu.

Wie Eltern mit Musik umgehen, prägt die musikalische
 Entwicklung des Kindes. Sie beginnt bereits im Mutterleib.

Noch kann die Forschung nicht nachweisen, dass ungeborene Kinder durch spezielle Förderung später schlauer, gesünder oder musikalischer werden. Einzelne Studien zeigen nur, dass sich bestimmte intellektuelle Fähigkeiten eines Kindes bereits im Mutterbauch anlegen. Sicher aber ist, dass die Stimme der Mutter für den Fötus bedeutsam ist: Sie ist ein wichtiger Bezugspunkt. Dies ist unter anderem daran zu beobachten, dass alle Säuglinge positiv auf das Singen der eigenen Mutter oder des Vaters ansprechen.

 Auch in den folgenden Jahren hat das Singen für die Kinder eine hohe Bedeutung für ihre (emotionale) Bildung. So kam ein Bericht von Schweizer Musikexperten 2004 zum Schluss, dass die Zeit von der Geburt bis zum Schuleintritt für das Erlernen des Singens als eigentliche «Muttersprache des Menschen» entscheidend ist.

Dieser Bericht bemängelte jedoch auch, dass viele Eltern nicht mehr singen können oder keine Kinderlieder mehr kennen, die sie ihren Kindern zum Trösten, Spielen oder Einschlafen vorsingen können.

Das gemeinsame Singen fördern

Um das gemeinsame Singen zu fördern und um Eltern und Kinder zum Singen anzuregen, sind einige Bestrebungen rund um das gemeinsame Singen entstanden, so das ElKi-Singen (Eltern-Kind-Singen), bei welchem Kinder ab zwei Jahren mit einer Begleitperson in einer Gruppe singen und musizieren.
Musikalische Betätigung und ein spielerisches Herantasten an das Singen und Hören von Musik mit dem eigenen Kind werden sicherlich von allen Musikkursen verfolgt. Sucht man nach Musikkursen mit pädagogischen Konzepten, die das Musiklernen für die Kinder schrittweise aufbereiten, stösst man neben den bekannten Musiklernkonzepten von Suzuki, Dalcroze, Kodály und Orff auch auf die Music Learning Theory (MLT).

Die MLT basiert auf den Studien des US-amerikanischen Musik­psychologen Edwin E. Gordon (1927 015). Gordon führte in den 1970er-Jahren Beobachtungs­studien von Musikkursen mit Babys und Kleinkindern durch und entwickelte daraus eine Theorie des Musiklernens. Der MLT folgend vollzieht sich das Erlernen von Musik ähnlich wie das Erlernen der Muttersprache: intuitiv. Eine besondere Bedeutung haben in der MLT das Hören von Musik, die freie körperliche Bewegung zur Musik und das innerliche Vorstellen, Hören und Denken von Musik, die sogenannte Audiation (ein Kunstwort, das von Gordon geprägt wurde).

Viele Eltern kennen heute keine Lieder mehr, die sie ihrem Kind zum Trösten oder Einschlafen vorsingen können.

Nicht das mechanische Nachsingen oder Nachspielen von Musik ohne musikalisches Verständnis ist das Ziel, sondern eine Musikkompetenz zu entwickeln analog zur Sprachkompetenz. Das Kind erhält so die Möglichkeit, sein musikalisches Potenzial auszuschöpfen.

Die Audiation ist, so Gordon, für die Musik, was der Gedanke für die Sprache ist. Sie bezeichnet die Fähigkeit, in Musik zu denken. Dabei geht es darum, Musik zum einen mental zu hören, bevor sie von einer Tonaufnahme oder einem Instrument erklingt. Zum anderen geht es ­darum, Musik und ihre Bestandteile hörend zu erkennen und zu verstehen.

Das gilt vor allem fürs Singen, welches sinnvollerweise vor dem und parallel zum Erlernen eines Instrumentes stattfinden sollte. Ein Kind muss eine innere Klangvorstellung und ein Verständnis haben, um die richtigen Töne erzeugen zu können. Erst wenn eine innere Tonvorstellung und ein Verständnis für Tonalität, Harmonik, Metrum, Genre und so weiter im Langzeitgedächtnis existieren, kann das «Vom-Blatt-Singen» ausgeführt werden.

Vielfältige musikalische Eindrücke

Um eine solche Fähigkeit anzubahnen, werden den Schülern oft gesungene oder gechantete (im Sprechgesang vorgetragene) Melodien oder Rhythmen ohne Lied­texte präsentiert. Auf eine Darstellung der Notation für die Schüler wird in den ersten Jahren des Musiklernens mit der MLT weitestgehend verzichtet, denn Musik soll über das Ohr und nicht über die Augen praktiziert und verstanden werden.

Dazu werden die musikalischen Fähigkeiten der Kinder in der informellen Musikerziehung durch ­kurze, abwechslungsreiche Melo­dien und Rhythmen (Chants) ohne Worte, durch musikalische Dialoge, freie Bewegungen, Spiele und Momente der Stille angebahnt. ­Diese Art der Musikerziehung ist für Babys ab Geburt bis zu sechsjährigen Kindern gedacht.

Kleine Kinder erleben Musik nicht über ihren Intellekt, sondern über ihren Körper.

Die Aufgabe der Lehrperson ist es, den Kindern vielfältige musikalische Eindrücke zu vermitteln und ihnen Zugänge zur Musik zu verschaffen. Diese Partizipation an der Musik wird durch freie, fliessende und tänzerische Bewegungen zur Musik und durch die musikalische und nonverbale Kommunikation zwischen Lehrperson und Kind hergestellt.

Die Lehrperson kommuniziert durch das Wiederholen von musikalischen Äusserungen mit den Kindern und nonverbal zum Beispiel durch Blickkontakte und das Spiegeln von Gesten und Bewegungen mit ihnen. Sie ermöglicht so dem Kind, eine Beziehung zur Musik aufzubauen, indem das Kind die musikalischen Phänomene wie beispielsweise einen Dreivierteltakt durch seine eigenen körperlichen Bewegungen erfahren kann, ohne dass es vorgegebene Bewegungen der Lehrperson imitieren oder gar eine Bewegungschoreografie erlernen muss.

Musik soll über das Ohr und nicht über die Augen verstanden werden.  Die Music Learning Theory verzichtet deshalb auf Noten.

Gordon spricht davon, dass kleine Kinder von sich aus auf Musik mit freien, stetig fliessenden Bewegungen reagieren. Er schlussfolgert daraus, dass Kinder über das eigene körperliche Erleben lernen und ihr Körper die Musik lange vor dem Intellekt.
Den Prozess, die Musik nicht nur zu imitieren, sondern sich singend und bewegend zur Musik auszudrücken und sie aus einem sich anbahnenden Verständnis heraus zu «produzieren» wie bei der Muttersprache, unterscheidet die MLT von anderen Kursen im Bereich des frühkindlichen Musiklernens.
Dieser Artikel stammt aus dem «Kindergartenheft 2. Jahr/Herbst» mit dem Titel «Fast schon gross» und wendet sich an Eltern von Kindergartenkindern der zweiten Klasse. Bestellen Sie jetzt eine Einzelausgabe!
Dieser Artikel stammt aus dem «Kindergartenheft 2. Jahr/Herbst» mit dem Titel «Fast schon gross» und wendet sich an Eltern von Kindergartenkindern der zweiten Klasse. Bestellen Sie jetzt eine Einzelausgabe!

Steven Schiemann ist Vater von drei Kindern und seit 17 Jahren als ­Musiklehrer an Grund- und Gesamtschulen tätig. Der 45-Jährige hat an der Pädagogischen Hochschule Freiburg (D) promoviert. Zurzeit ­arbeitet er als Akademischer Mitarbeiter im Institut für Musik an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe und bildet dort künftige Musiklehrpersonen aus.
Steven Schiemann ist Vater von drei Kindern und seit 17 Jahren als ­Musiklehrer an Grund- und Gesamtschulen tätig. Der 45-Jährige hat an der Pädagogischen Hochschule Freiburg (D) promoviert. Zurzeit ­arbeitet er als Akademischer Mitarbeiter im Institut für Musik an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe und bildet dort künftige Musiklehrpersonen aus.

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