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Der digitale Musiklehrer

Lesedauer: 6 Minuten

Auch die Musikschulen mussten auf digitalen Unterricht umstellen. Wie funktioniert das Musizieren via Skype und was können Eltern tun, um ihre Kinder beim Lernen zu unterstützen?

Text & Bilder: Sibylle Dubs

Flink huscht Leo durch das Arbeitszimmer von Mario Porreca. «Ähm – da ist eine Katze hinter Ihnen!», sagt das Mädchen auf dem Bildschirm. Porreca dreht sich um und lacht.

Mario Porreca ist Lehrer beim MKZ, der Musikschule Konservatorium Zürich. Wie alle seine Kolleginnen und Kollegen unterrichtet er seit dem Lockdown von zu Hause aus. Der Vater von drei Kindern wohnt in Andelfingen im Zürcher Weinland und macht mit seinen 40 Schülerinnen und Schülern Fernunterricht über den Bildschirm.

«Ich musste mich etwas arrangieren und organisieren, aber bis jetzt funktioniert das sehr gut», sagt er. So hat Porreca beispielsweise seinen Stundenplan umgestellt. Er unterrichtet nun oft morgens, wenn die Kinder und Jugendlichen normalerweise in der Schule sind. «Die Konzentration ist dann viel besser als zu Randzeiten, an denen die Kinder oft müde sind.» Und noch etwas fällt dem Akkordeonlehrer auf: «Einige Schülerinnen und Schüler sprechen mehr mit mir als früher. Für sie scheint der Unterricht am Computer eine besondere Herausforderung zu sein, die sie motiviert.» So hat ihm eine Schülerin beigebracht, wie er einen Smiley oder einen Daumen nach oben setzen kann, anstatt wie üblich «sehr schön» zu sagen, wenn das Kind vorgetragen hat. Solche Spielereien schaffen Nähe und stärken die Beziehungen.

Das schätzt der Musikpädagoge sehr. Mario Porreca freut sich darüber, dass er nun nicht nur einmal wöchentlich Kontakt zu den Schülerinnen und Schülern hat, sondern zwischendurch auch Aufnahmen oder Fragen zugeschickt bekommt.

Betreuung ist enger

Landauf landab machen Musikschulen ähnliche Erfahrungen. «Trotz räumlicher Distanz rückt man näher zusammen», sagt Christoph Schnyder, Schulleiter der Musikschule Region Burgdorf. Und der stellvertretende Direktor der Musikschule Konservatorium Bern, Victor Wanderley, ergänzt: «Die Kinder üben deutlich mehr als früher und machen schneller Fortschritte. Sie liefern beinahe jeden zweiten Tag ihre Aufnahmen ab.» Wanderley räumt aber auch ein: «Für die Lehrpersonen ist es allerdings anstrengender, den ganzen Tag über via Bildschirm zu unterrichten und beinahe täglich mit den Schülerinnen und Schülern in Kontakt zu sein.»

Als am Freitag, 13. März 2020, die Schliessung der Schulen verkündet wurde, blieb den Verantwortlichen der Musikschulen ein Wochenende, um einen neuen Unterricht aufzugleisen. Die Abläufe und die Technik werden seither laufend optimiert. Zum Beispiel wechselten viele von den gängigen Programmen wie Skype, Zoom oder FaceTime auf whereby.com oder doozzoo.com, da diese besser geeignet seien für das gemeinsame Musizieren.

Die Musikschulen mussten zudem die Lehrpersonen untereinander virtuell vernetzen. «Wir haben eine Cloud mit verschiedenen Ordnern eingerichtet, in der die Lehrpersonen ihre Ideen eingeben. Über einen direkten Chat bleiben wir zudem untereinander in Kontakt», berichtet Urban Derungs, Leiter der Musikschule Chur. Natürlich ist die Umstellung für einige der Lehrpersonen und Familien ein technischer Hosenlupf, der aber erstaunlich gut gemeistert wird.

Technischen Ärger wie zeitliche Verschiebungen oder verzerrte Gesichter gibt es überall. Alte Geräte beziehungsweise schlechte Leitungen können den Unterricht zum Erliegen bringen. Ausserdem gebe es beim Unterrichten ganz praktische Hindernisse, so können Fingersätze nicht direkt in die Noten des Kindes geschrieben werden oder das Kind nicht berührt werden, um die Technik oder seine Haltung zu korrigieren. Dafür sei einer Berner Gesangslehrerin dank der Nahaufnahme ihrer Schülerin ein technischer Fehler aufgefallen, der ihr bei der direkten Begegnung entgangen war.

Eltern bekommen viel mehr mit

Jüngere Kinder haben zudem mehr Mühe, die Erklärungen über den Bildschirm zu verstehen, als Jugendliche. In Mario Porrecas Akkordeon-Unterricht sitzen deshalb bei zwei kleineren Kindern die Eltern mit dabei. Überhaupt bekommen die Eltern viel mehr vom Unterricht mit. Dies sei ein weiterer grosser Gewinn, findet der 45-Jährige: «Besonders für diejenigen Eltern, welche früher die Erwartung hatten, dass ihr Kind das Instrument alleine in die Hände nimmt und mehrmals pro Woche übt, wird nun sichtbarer, wie viel Energie dahintersteckt, ein Instrument zu spielen.»

Doch trotz der vielen positiven Effekte wünscht sich keine Musikschule auf Dauer Fernunterricht. Ein besonderer Einschnitt stellt die Situation für alle Chöre, Ensembles und Orchester dar. Ihre Proben und Konzerte sind abgesagt, dabei ist das gemeinsame Musizieren für viele junge Musikerinnen und Musiker die Krönung.

Nicht ersetzbar: die persönliche Begegnung

Der Lockdown sorgt auch für wirtschaftliche Sorgen. Im Frühling konnten die geplanten Werbeveranstaltungen wie der Tag der offenen Tür nicht stattfinden und für den Schuljahresanfang im Herbst werden weniger Neuanmeldungen befürchtet. Victor Wanderley schlägt vor, dass sich Musikschulen zusammentun, um auf dem Netz Werbung zu machen: «Hier ist Kreativität gefordert, zum Beispiel mit gut gemachten Schülervideos.»

«Auch wenn die persönliche Begegnung nicht ersetzt werden kann, macht der Erfolg des Fernunterrichts sichtbar, wie wichtig es ist, die Beziehung von Lehrpersonen und Schülerinnen und Schülern zu stärken», sagt Mario Porreca. Das bestätigen auch viele Eltern. «Mein Sohn geniesst es, dass sein Lehrer einmal pro Woche zum Saxophon spielen quasi zu ihm ins Zimmer kommt», berichtet Petra Forrer, Mutter und Primarlehrerin aus Zürich. Etwas verdutzt war sie, als sie ihren Sohn während der Lektion auf dem Weg zum WC traf. «Ich habe dem Lehrer gesagt, er solle schnell im Zimmer warten», meinte der 9-Jährige gelassen.

Musik ist eine Chance, aus dem Alltags-Trott auszubrechen.

So werden kurze Gespräche über den Alltag von Lehrer und Kindern auch zukünftig zum Unterricht gehören. Zum Beispiel ein Update darüber, wo sich Kater Leo so rumtreibt. Der Fernunterricht bietet den Eltern die Möglichkeit, ihr Kind beim Lernen des Instrumentes intensiver zu begleiten und in engerem Kontakt mit der Lehrperson zu stehen. Doch einfach ist das nicht, sind doch viele Eltern an diversen Fronten gefordert: bei Geschwistern, dem Job, den Grosseltern, im Haushalt – ganz abgesehen von wirtschaftlichen oder gesundheitlichen Sorgen. Wenn der Sohn vor dem Klavier steht wie der Hund vor der Tierarztpraxis, sollten Mütter und Väter kein schlechtes Gewissen haben, dass während des Lockdowns nicht auch noch eine perfekte musikalische Förderung möglich ist.

Genauso falsch ist aber auch die Idee, ein vom selbständigen Lernen müdes Kind am Nachmittag noch zum selbständigen Musizieren zu zwingen. Musik ist eine Chance, aus dem Alltags-Trott auszubrechen. Dazu kann man aber auch auf dem Sofa kuscheln und zusammen ein Lied singen, ein Musical streamen oder gemeinsam durch die Wohnung tanzen. Zur Musik kann auch gemeinsam das Bad geputzt werden. Es sind die kleinen und grossen Momente des Glücks, die zählen.

Folgende Tipps könnten Ihr Kind motivieren:

  • Ändern Sie den Zeitpunkt des Musizierens
    • Für die Repertoire-Pflege:
      Wünschen Sie sich von der Tochter beim Frühstück ein erstes Ständchen auf der Gitarre und geniessen Sie dazu eine zweite Tasse Kaffee.
    • Für das Lernen neuer Stücke:
      Lieber mehrmals am Tag ein paar Minuten in den Noten weiterkommen, statt einmal eine halbe Stunde Üben erzwingen. Erklären Sie dem Kind, dass der Körper die Bewegungen abspeichert und nach zwei Stunden Pause schon besser spielen wird. Es funktioniert und fasziniert. So wächst ein Stück über den Tag hinweg.
  • Verbinden Sie Sport mit Musik
    Vor allem ältere Kinder fühlen sich erdrückt von den vielen Arbeitsaufträgen, die sie von der Schule, aber auch von ihren Sportclubs bekommen. Wann soll da noch Zeit sein für das Instrument? Warum nicht mal die Fitness mit der Musik verbinden? 10 Liegestützen an einem Ende der Wohnung und danach 10 Mal die knifflige Beethoven-Passage auf der anderen Seite. Und wieder von vorne. Sobald Üben mit Lachen und noch besser mit gemeinsamen Lachen in Verbindung gebracht wird, ist der Damm gebrochen.
  • Lieder verbinden
    Gibt es Lieder, die Sie oder die ganze Familie gerne singen? Wählen Sie das eine oder andere aus und fragen Sie die Lehrerin oder den Lehrer Ihres Kindes, ob es Noten dazu gibt. Dann können Sie Ihr Kind mit der Stimme begleiten. Oder Sie wechseln ab: eine Strophe Instrument, die nächste Gesang. Die Lehrperson kann bei Bedarf auch eine einfache zweite Stimme für ein weiteres Instrument notieren.
  • Repertoire mit Filmmusik erweitern
    Pink Panther, E.T., Jurassic Park, Star Wars, Die fabelhafte Welt der Amélie. Für jedes Alter findet sich tolle Filmmusik. Sprechen Sie sich mit der Lehrperson ab und schauen Sie zusammen mit Ihrem Kind den Film. Und betrachten Sie danach die verschiedenen Szenen, in denen die Musik dominiert, auch ohne Ton. Sprechen Sie darüber. Stellen Sie Schlüsselszenen nach, während Ihr Kind die Titelmelodie spielt. Das kann man natürlich filmen und beispielsweise den Grosseltern schicken.
  • Belohnungsprinzip
    Dieser Tipp empfiehlt sich nur bei Kindern, die eigentlich problemlos üben und dabei Freude empfinden, sich aber nicht überwinden können zu beginnen. Man kann dem Kind anbieten, mit jeder Minute am Instrument eine Minute am Tablet zu erwirtschaften. Dieser Deal sollte auf eine bestimmte Anzahl Tage begrenzt werden und das Kind sollte verstehen, dass dieses Zückerchen eine Art Starthilfe darstellt. Aber Achtung: es funktioniert nur, wenn es nicht grundsätzlich harzt beim Instrument. Denn sonst sieht das Kind diese Massnahme nicht als Anreiz, sondern verständlicherweise als Erpressung.

Sibylle Dubs
ist freie Autorin. Die Musikpädagogin übt selber viel mehr, seit das Klavier zu Hause in der Küche steht. Der Esstisch wurde ins Wohnzimmer ausquartiert. Doch auch wenn die Musik in den Alltag integriert ist, müssen ihre Kinder Teenager noch regelmässig ans Spielen erinnert werden.

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