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Psychologie

Was tun, wenn Kinder sich schnell zurückgewiesen fühlen?

Es gibt Kinder, die unter einer starken Angst leiden, zurückgewiesen zu werden. Es ist wichtig, ihnen zu helfen, diese Furcht abzubauen – sonst fällt es ihnen ­immer schwerer, Freunde zu finden
Text: Fabian Grolimund und Stefanie Rietzler 
Bilder: Kostas Maros / 13 Photo
Annika laufen die Tränen übers Gesicht. Stockend erzählt sie ihrer Mutter vom Drama in der grossen Pause. Emily hat die ganze Zeit mit Sarah gespielt: «Dabei bin ich doch Emilys beste Freundin!» Die Mutter nimmt sie in den Arm: «Es ist wirklich nicht in Ordnung, wenn sie dich so ausschliessen! Unter Freundschaft verstehe ich etwas anderes!»
Was Annikas Mutter nicht weiss und nicht erfragt: Annika wurde gar nicht ausgeschlossen. Als Annika sah, dass ihre beste Freundin Emily mit einem anderen Kind in die Pause geht, war sie dermassen gekränkt und enttäuscht, dass sie während der ganzen Pause schmollend in einer Ecke stand, eifersüchtige Blicke auf Emily und Sarah warf und den Rest des Vormittags kein Wort mehr mit ihrer Freundin sprach. 
Kinder wie Annika fürchten sich ständig davor, zurückgewiesen zu werden.
Annika leidet immer wieder darunter, dass sie von anderen Kindern nicht beachtet oder zurückgewiesen wird. Sie zeigt eine Tendenz, die beim Aufbau und bei der Pflege von Freundschaften zu einem enormen Hindernis werden kann. In der ­Psychologie spricht man von einer hohen «rejection sensitivity», im Deutschen oft als Zurückweisungsempfindlichkeit bzw. -sensibilität beschrieben. 

Darunter versteht man die Tendenz, soziale Zurückweisung angstvoll zu ­erwarten, vorschnell wahrzunehmen und übermässig stark darauf zu reagieren. Kinder wie Annika fürchten sich ständig davor, zurückgewiesen zu werden. Sie sehen überall Anzeichen dafür und interpretieren auch zweideutige oder neutrale Situationen als Ablehnung. Zwei Kinder tuscheln in der Klasse und für Annika ist klar: «Die reden über mich!» Die Lehrerin hat Kopfschmerzen, legt die Stirn in Falten und Annika weiss: «Sie kann mich nicht leiden!» 
Ab und zu wird Annika – wie jedes Kind – tatsächlich zurück­gewiesen. Ab und zu darf sie nicht mitspielen, wird nicht in ihre Lieblingsgruppe gewählt oder steht nicht auf der Geburtstagsliste eines Klassen­kameraden. Den vereinzelten Zurückweisungen in der realen Welt stehen jedoch viele Situationen gegenüber, die Annika nur auf diese Weise interpretiert. Und auf beides reagiert sie sehr emotional. Sie weint, verstummt, schmollt. 
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Betroffene Kinder sehen überall Anzeichen für Ablehnung, auch in zweideutigen oder ­neutralen Situationen.
In ihrem Kopf laufen blitzschnell eine Reihe ungünstiger Schlussfolge­rungen ab: Wenn Emily heute mit Sarah spielt, dann ist dies ein Zeichen dafür, dass die Freundschaft vorbei ist, sie niemand mag, alle immer gemein zu ihr sind. Entsprechend heftig fallen ihre Reaktionen aus. Annika fühlt sich am Boden zerstört, ist wie gelähmt, manchmal wird sie wütend oder von rasender Eifersucht überflutet. Ihre beste Freundin Emily muss nicht nur mit vielen Vorwürfen zurechtkommen, sondern sie auch immer wieder trösten und mit Freundschaftsbeweisen milde stimmen.

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