Petra Gächter: Warum ich nicht gern zur Schule ging – und dennoch Lehrerin wurde
Schule
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Lernen, mit Kindern zu sprechen statt sie zu belehren

Daher fordere ich, dass in der Ausbildung der Lehrenden vermehrt auf Beziehungskompetenz gebaut wird. «Es zeigt sich in der Realität, dass nicht alle Lehrpersonen wissen, wie man fruchtbare Beziehungen zu den Lernenden aufbaut», gibt Juul zu bedenken. Erstaunlich finde ich auch immer, wie Lehrpersonen zwar wissen, wie man Fragen stellt und die Kinder belehrt. Sie wissen aber nicht, wie man zu und mit ihnen spricht. Lehrpersonen müssten auch lernen, wie man «echte» Gespräche mit Kindern und Jugendlichen führt. «Lehrpersonen wollen nicht in das Leben der Kinder einbezogen werden, sie wollen sie nur belehren. Sie wollen also, dass die Kinder ihre Seele zu Hause lassen und nur ihren Kopf in die Schule bringen. Aber Kinder bringen ihre ganze Existenz in die Schule.» Auch dies ein Zitat von Jesper Juul, welches meine Beobachtungen auf den Punkt bringt, mit der Anmerkung, dass dies glücklicherweise nicht auf alle Lehrpersonen zutrifft.
 
Ich habe mein Herz an dieses Thema verloren. Es gäbe noch so viel zu erzählen, zu fragen und anzustossen. Schüler- und Schülerinnenrat, Elternarbeit, Elterngespräche usw. sind nur wenige der Teilbereiche, die ich für so wichtig erachte.
Negative Erfahrungen und Ängste ­von Eltern werden oft auf die eigenen Kinder übertragen und belasten die Zusammenarbeit.
Und was wurde aus der Petra, die nicht gerne zur Schule ging? Eine Petra, die lernte, für die Schule zu brennen, dank den (zu) wenigen Lehrpersonen, die beziehungskompetent, respektvoll, fördernd, fordernd und authentisch waren. Eine Petra, die Verständnis zeigt für jedes kleine und grosse Wesen, das Mühe mit der Institution Schule hat und die sich mit aller Kraft dafür engagiert, dass die Lernenden die Beachtung erhalten, die ihnen zusteht – vor allem durch Beziehungsarbeit und Beziehungskompetenz.
 
Beziehungskompetenz ist ein Wert und ein Anspruch: eine pädagogische Kunst, die eine Lehrperson beherrschen muss. Investieren wir also in Beziehungsarbeit. Unsere Hauptakteure werden es uns danken und gerne zur Schule gehen und das Lernen freudig in ihrem Leben willkommen heissen!


Dieser Text ist leicht gekürzt und erschien zuerst im Buch «Schule 21 macht glücklich». Das Buch des Verbandes Schulleiterinnen und Schulleiter Schweiz VSLCH ist randvoll mit praktischen Beispielen aus dem Schulalltag und mit Ideen und Visionen von Schulleitenden. Es geht der Frage nach, was die Schule im 21. Jahrhundert tun kann, um ihren Teil zu einem glücklichen, gesunden und selbstbestimmten Leben beizutragen: für die Kinder, die Eltern, die Lehrpersonen, die Schulleitenden und für die Gesellschaft.

Weitere Informationen und eine Leseprobe unter www.schule21.shop

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