Schule

Kommt das Schreiben von Hand zu kurz in der Schule?

Handschrift ist Hirnschrift: Was das Erlernen der Basisschrift und das Schreiben von Hand mit Gehirnleistung und Lernerfolg zu tun haben – und warum das gute alte Schreibheft im Unterricht noch lange nicht ausgedient hat.
Text: Claudia Füssler
Bild: Riou/Plainpicture
Kinder können immer schlechter mit der Hand schreiben – so lautet die Schlussfolgerung einer repräsentativen Umfrage unter 2000 Lehrpersonen, die der deutsche Verband Bildung und Erziehung vor wenigen Wochen veröffentlicht hat. Nach Meinung des deutschen Lehrpersonals hätten in der Primarschule rund 45 Prozent der Jungen Probleme mit dem Handschreiben, bei den Mädchen seien es 29 Prozent.
 
Es ist ein Ergebnis, das in der Schweiz sehr unterschiedlich aufgenommen wird. «Wir wissen um die Befunde aus Deutschland», sagt Franziska Peterhans, «und wir gehen nicht davon aus, dass die Resultate in der Schweiz anders wären.» Peterhans ist Zen­tralsekretärin des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz und hat in den vergangenen Jahren intensiv die Diskussion um die Abschaffung der Schweizer Schnürlischrift als Schulschrift erlebt, die vor allem auch eine Diskussion um den Wert des Handschreibens war. 

«Schönes Schreiben hat sehr lange einen unglaublichen Stellenwert gehabt», sagt Peterhans, «doch die Schnürlischrift ist besonders schwierig zu erlernen.» Das war einer der Gründe, weshalb die Deutschschweizer Erziehungsdirektoren-Konferenz seit dem Herbst 2014 uneingeschränkt nur noch die sogenannte Deutschschweizer Basisschrift empfiehlt. Bei dieser beginnen die Kinder erst mit Blockschrift, dann werden die einzelnen Buchstaben miteinander verbunden.      

Warum mit Schönschrift abmühen, wenn jeder am PC schön schreiben kann?

Ein Argument, das Lehrer heute oft hören, lautet: Was sollen sich die Kinder denn abmühen, es gibt doch Tablets und Computer, da muss man nicht gut schreiben können. «Das sehen wir ganz anders», sagt Franziska Peterhans.

Einerseits sei völlig klar, dass sich das Schreibverhalten der Kinder mit der zunehmenden Nutzung der digitalen Medien geändert habe, und auch das Tippen auf einer Tastatur zu beherrschen sei wichtig. «Andererseits ist das Schreiben von Hand und mit einem Stift eine wichtige Aufgabe, mit der die Feinmotorik trainiert werden kann.»

Die Handschrift fördert die Gehirnentwicklung

Alles, was mit Motorik und Bewegung zu tun hat, fördert die Entwicklung des Gehirns. Beim Schreiben mit der Hand geht es also um viel mehr als bloss die Erhaltung einer alten Kulturtechnik, und auch nicht darum, einen schön anzuschauenden Stil zu trainieren. Handschrift ist Hirnschrift. Einen Stift zu halten und zu führen, den Druck zu variieren, erfordert von unserem Gehirn eine ganz andere Leistung als Tippbewegungen auf einer Tastatur oder das Wischen auf dem Tablet. 

Studien haben gezeigt, dass das Handschreiben auch beim Lernen helfen kann. So behalten Kinder beispielsweise einen, Buchstaben besser in Erinnerung, wenn sie ihn mit der Hand zeichnen statt ihn auf einem Computerbildschirm eintippen. Eine Untersuchung mit US-amerikanischen Studenten hat darüber hinaus ergeben, dass nicht nur das Lesenlernen, sondern auch das Behalten von Fakten leichter fällt, wenn von Hand mitgeschrieben wird.

Experten vermuten, dass dafür die Kombination aus der Bewegung der Hand und dem entsprechenden Inhalt die Information anders im Gehirn verankert als beim Tippen. Schreiben ist deutlich anstrengender als Tippen. Lehrpersonen berichten von Schülerinnen, die einen Krampf in der Hand bekommen, wenn sie zehn Minuten lang einen Stift halten müssen. 
Die Handschrift hilft beim Lernen und fördert Rechtschreibung, Verständnis und Lernleistung. Bild: iStockphoto
Die Handschrift hilft beim Lernen und fördert Rechtschreibung, Verständnis und Lernleistung. Bild: iStockphoto
Hier hilft nur konsequentes Trainieren. «Ein Mandala auszumalen daheim ist zwar nicht unbedingt eine Übung der Kreativität, aber die Feinmotorik wird dabei bestens geschult», sagt Franziska Peterhans. Sie ermutigt Eltern und Lehrpersonen, immer wieder Angebote zu schaffen zum Malen, Zeichnen, Schreiben. «Wichtig ist es, dann dabei zu sein, nicht korrigierend, sondern teilnehmend an dem, was das Kind mit grosser Mühe und Anstrengung mit den eigenen Händen zustande bringt.»
     
Und vor allem die Schulen, sagt Christa Röber, müssten beim Schreibenlernen wieder mehr in die Pflicht genommen werden. Die deutsche Pädagogin und Sprachdidaktikerin beschäftigt sich seit mehr als 40 Jahren mit dem Schreiben. «Der Unterricht diesbezüglich hat sich massiv gewandelt», sagt Röber, «in den 50er- und 60er-Jahren wurden noch ganze Schreibhefte vollgeschrieben, um den korrekten Bewegungsablauf beim Schreiben der Buchstaben und Wörter zu üben und zu automatisieren, Pfeile zeigten an, in welche Richtung der nächste Bogen gezogen werden musste.»
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