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Medienerziehung

Lust auf Schreiben!

Der Weg zum guten Schreiben ist lang und nicht immer einfach – aber er lohnt sich. Afra Sturm erklärt, warum dies so ist und was Kinder beim Schreibenlernen motiviert und fördert. 
Interview: Johanna Oeschger
Bilder und Videos: Tim Leu
Bild oben: Cavan Images / 13Photo

In Zusammenarbeit mit der Schweizerischen Post

Frau Sturm, wozu muss man heute, im Zeitalter von Fotos, Videos und Emojis, überhaupt noch schreiben können?

Es gibt sehr viele Situationen, in denen man noch schreiben können muss. In der Arbeitswelt sind die Lese- und Schreibanforderungen sogar gestiegen. Es wird auch von Produktionsmitarbeitenden oder Handwerkern verlangt, den eigenen Arbeitsprozess schriftlich zu dokumentieren. Firmen wenden Lese- oder Schreibtests an in den Einstellungsverfahren, vieles wird protokolliert. So schnell wird man das Schreiben also nicht los! 
Prof. Dr. Afra Sturm ist Professorin an der Pädagogischen Hochschule der FHNW und leitet dort den Schwerpunkt Schreiben am Zentrum Lesen. Sie erforscht und entwickelt den Erwerb und die Förderung von Schreiben bei Kindern und Erwachsenen. 
Prof. Dr. Afra Sturm ist Professorin an der Pädagogischen Hochschule der FHNW und leitet dort den Schwerpunkt Schreiben am Zentrum Lesen. Sie erforscht und entwickelt den Erwerb und die Förderung von Schreiben bei Kindern und Erwachsenen. 

Was bereitet Kindern, die zum ersten Mal schreiben lernen, besonders Mühe?

Das Schwierige am Schreiben ist, dass man dabei sehr viele Aktivitäten gleichzeitig ausführen muss: Ich überlege, was ich wem wie und wozu schreibe – ausserdem muss ich den Stift oder die Tastatur bedienen, nach dem passenden Wort suchen und es auch noch korrekt aufschreiben. All diese Aktivitäten beanspruchen das Arbeitsgedächtnis. Dieses ist aber beschränkt und kann auch nicht einfach erweitert werden. Schreibanfängerinnen und -anfänger steuern den Schreibprozess deshalb so, dass ihr Arbeitsgedächtnis nicht alles gleichzeitig schaffen muss. Aus diesem Grund schreiben sie häufig drauflos: Sie haben eine Idee, schreiben sie auf, haben die nächste Idee, schreiben wieder, haben keine Idee mehr, hören auf ... Bei geübteren Schreibenden sind bestimmte Dinge automatisiert und das Arbeitsgedächtnis wird entlastet. Dann kann man auch komplexere Schreibaufgaben bewältigen.
Schreiben die Schweizer Schülerinnen und Schüler tatsächlich immer schlechter?
Prof. Afra Sturm antwortet

Welche Schreibfähigkeiten können Eltern bei ihren Kindern in welchem Alter voraussetzen? 

Das hängt vom Kompetenzbereich ab. Als Eltern sollte man sich vor allem bewusst sein, dass die Schreibentwicklung ein sehr langer Prozess ist. Die heutige Forschung weiss, dass es bis zu zwei Jahrzehnten dauert, bis jemand das Schreiben wirklich erworben hat. Das hat damit zu tun, dass das Schreiben sehr anspruchsvoll ist, viel anspruchsvoller als zum Beispiel das Sprechen oder das Lesen. Auch die Grundfähigkeiten, z.B. eine flüssige Handschrift oder die Rechtschreibung, sind bis Ende Unterstufe noch nicht vollständig entwickelt. Diese Fähigkeiten müssen in der Mittel- und Oberstufe systematisch weiter ausgebaut werden.

Bei all den Kompetenzen, die das Schreiben umfasst, wird oft auf die Rechtschreibung besonders viel Wert gelegt. Zu Recht?

Die Fähigkeit korrekt zu schreiben sagt eigentlich noch nicht viel über die gesamten Schreibkompetenzen aus. Es ist möglich, dass jemand viele Rechtschreibfehler macht, aber einen tollen Text schreiben kann. Umgekehrt gibt es viele Schülerinnen und Schüler, die zwar die Rechtschreibung perfekt beherrschen, aber ihre Botschaft nicht in einen Text bekommen. 
Dennoch hindern Unsicherheiten in der Rechtschreibung das Schreiben, weil ich mich ständig fragen muss, wie ich dieses oder jenes Wort korrekt schreibe. Das lenkt von der eigentlichen Schreibaufgabe ab. Eine sichere Rechtschreibung zu erwerben lohnt sich also.
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Wie bekommt mein Kind die Rechtschreibung in den Griff? Prof. Afra Sturm antwortet
Wie reagiere ich, wenn mein Kind fragt: Wie schreibt man das? Prof. Afra Sturm antwortet
Soll ich die Rechtschreibfehler meiner Kinder korrigieren? Prof. Afra Sturm antwortet

Wie kann ich mein Kind beim Schreiberwerb unterstützen?

Kinder müssen erleben, dass man mit Schrift etwas mitteilen kann. Wenn sie das erfahren, sind sie auch neugierig, Schrift selber auszuprobieren. Diese Neugier bei den Kindern zu wecken gelingt einerseits über das Lesen: Wenn man mit ihnen in Bilderbüchern liest, fasziniert das die Kinder: Da steht etwas – und es kommt immer dieselbe Geschichte raus! 
Andererseits ist es wichtig, die Kinder schon vor dem Schrifterwerb mitzunehmen in die eigenen Schreibtätigkeiten. Sie können zum Beispiel die Einkaufsliste mit Zeichnungen ergänzen, SMS mittippen, Postkarten diktieren, das Ferientagebuch mit Bildern dokumentieren ...  Ist die Neugier für das eigene Schreiben vorhanden, können Eltern durchaus darauf eingehen: Sie können dem Kind zeigen, wie sie den eigenen Namen schreiben oder sie einmal auf der Computer- oder Handytastatur tippen lassen. Es ist aber nicht nötig, Handschrift, Tastaturschreiben oder gar Rechtschreibung zu üben mit den Kindern. Das ist Aufgabe der Schule und muss dort systematisch geübt werden. 
Mein Kind schreibt nicht gern. Was kann ich tun? Prof. Afra Sturm antwortet

Schreibförderung

Das Schreiben für Schule, Beruf und Alltag ist wichtiger denn je. Wer gut schreiben will, muss viel können – von der Handschrift über das Planen des Textes bis hin zur Wahl des treffenden Ausdrucks. Eine komplexe Herausforderung also, die bis ins Erwachsenenalter geübt werden muss. Mit diesem Artikel starten wir eine Serie, in der wir Eltern anhand von Tipps und Übungsideen anregen wollen, den Kindern Lust auf Schreiben zu machen.

1 Kommentar

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Von Regina am 15.01.2017 12:26

Für mich ist der Artikel sehr interessant und warte gespannt auf Übungsideen. Mein Sohn hat eine Rechtschreibschwäche, so dass ich über jeden zusätzlichen Tipp, wie ich ihn zum Schreiben ermutigen kann, dankbar bin.

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