Schule in Hombrechtikon gegen häusliche Gewalt

Gewalt zu Hause ist weit verbreitet und darüber zu sprechen ein grosses Tabu. Zu Besuch an der Oberstufe in Hombrechtikon, wo Schülerinnen und Schüler nicht länger wegschauen wollen. 
Elsa und ihre Kollegen verdrehen die Augen. Die vier Peacemaker der Oberstufe Hombrechtikon ZH sitzen mit dem Leitungsteam zusammen. Dieses hat eben eine kühne Idee präsentiert: Häusliche Gewalt soll an ihrer Schule kein Tabu mehr sein. Schülerinnen und Schüler, die von ihren Eltern geschlagen oder psychisch misshandelt werden, sollen sich Schulkollegen oder Lehrpersonen gegenüber öffnen und über ihr Leiden sprechen. Die Peacemaker der Schule sollen das Eis brechen und ihre Kolleginnen und Kollegen für das Thema sensibilisieren und vielleicht sogar konkret unterstützen, falls nötig. Elsa, 16, spricht aus, was alle denken: «Wer wird sich schon bei diesem Thema outen?»
 
Die Peacemaker, das sind je zwei Schülerinnen und Schüler aus jeder Klasse, die Ansprechpersonen sind für Probleme aller Art: Streit, Drohungen, Mobbing oder auch Liebesdramen. Die «Friedensstifter» werden auf diese Themen sensibilisiert und sind dazu angehalten bei ihren Kolleginnen und Kollegen hinzusehen und bei Bedarf Hilfe bei den Betreuern zu suchen. 
Seit bald 17 Jahren gibt es dieses Programm am Schulhaus Gmeindmatt in Hombrechtikon nun schon – «eine Erfolgsgeschichte», wie Lothar Janssen stolz erzählt. Der Theologe, Psychotherapeut und ehemalige Lehrer ist Beratungs- und Präventionsbeauftragter an der Schule und leitet die Peacemaker zusammen mit Ulrike Spitznagel, Klassenlehrerin, und Therese Odermatt, Sportlehrerin. «Von Mobbing bis Suizidgedanken: Die Jugendlichen kommen mit allen Problemen zu uns», sagt Janssen. Mit einer Ausnahme: «Noch nie hat sich jemand mit einem Fall von häuslicher Gewalt gemeldet.» 

Jedes fünfte Kind leidet unter häuslicher Gewalt

Zu Hause erlittene Gewalt ist ein weit verbreitetes Problem, auch in der Schweiz. Eine neue Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) lässt aufhorchen: Jedes fünfte Kind in der Schweiz leidet zu Hause unter schwerer körperlicher Gewalt, das sind Schläge mit der Faust, mit Gegenständen, Prügel. Ganze acht von zehn Jugendlichen kennen Züchtigungen als Erziehungsmethoden: Ohrfeigen, Stossen oder hartes Anpacken.

Das Thema ist ernst, das heisst aber nicht, dass nicht auch einmal gelacht werden darf: Lothar Janssen bespricht sich mit den Peacemakern Elsa, Jessica und Angelo in seinem Büro.

Das Thema ist ernst, das heisst aber nicht, dass nicht auch einmal gelacht werden darf: Lothar Janssen bespricht sich mit den Peacemakern Elsa, Jessica und Angelo in seinem Büro.
Die Zahlen sind gross, das Schweigen auch. Häusliche Gewalt gilt als eines der grössten Tabus in unserer Gesellschaft. Auch Schulen spüren den Deckmantel des kindlichen Schweigens, der über Vorfällen von häuslicher Gewalt liegt: «Betroffene Kinder wollen ihre Eltern decken, sie  schämen sich», bestätigt Matthias Borer, Schulleiter in Hombrechtikon. «Es ist die grösste Angst der Kinder, ihren Eltern weggenommen zu werden.» Und das sei für die meisten, trotz aller Gewalt, das schlimmste Szenario. Er zieht den drastischen Schluss: «In manchen Fällen lieben Kinder ihre Eltern mehr als umgekehrt.» 

Gewalt kommt in den besten Familien vor

Die ZHAW-Studie kommt zum Schluss, dass körperliche Gewalt besonders häufig in Familien vorkommt, die finanziell und sozial schlechter gestellt sind. Hombrechtikon, eine 8600-Seelen-Gemeinde, oberhalb der Zürcher Goldküste auf dem Rücken des Pfannenstiels gelegen, ist kein sozialer Brennpunkt. Trotzdem ist häusliche Gewalt auch hier ein Thema – wie sich den Peacemakern bald zeigen wird.
«In manchen Fällen lieben Kinder ihre Eltern mehr als umgekehrt.» 
Schulleiter Matthias Borer
Elsa und ihre Kollegen lassen sich überzeugen, das Experiment zu wagen. Sie bereiten eine Präsentation für die Schule vor: Sie führen Interviews, drehen Videos, üben Theaterszenen ein und kreieren ein Armbändchen mit der Aufschrift: «Probleme zu Hause? Such eine Lösung – Mach eine Pause!» 

Drei von zehn Eltern bestrafen ihre Kinder für schlechte Noten

Ein paar Wochen später ist es so weit: In der Aula sitzen mehrere Klassen der Schule. Während die Peacemaker über häusliche Gewalt an Kindern sprechen, ist es unüblich still im Saal. Das Thema berührt. Ein Schüler erzählt einer Lehrperson im Anschluss: «Wenn ich mit schlechten Noten nach Hause komme, heisst es: » Das Peacemaker-Team begleitet den Schüler seither eng und sucht regelmässig das Gespräch mit ihm.
«Wenn ich mit schlechten Noten nach Hause komme, heisst es: »
Schüler, anonym
Und, wie eine Elternbefragung der Peacemaker zeigt, der betroffene Schüler ist nicht allein. Die Resultate der Umfrage erschrecken: Drei von zehn befragten Müttern und Vätern sagen aus, dass sie ihre Kinder für schlechte Noten bestrafen. Zwei gaben an, dass ihre Kinder zu Hause nichts zu sagen hätten. Die Umfrage ist natürlich alles andere als repräsentativ und auch nach der Art der Strafe wurde nicht gefragt. Doch es ist ein deutlicher Hinweis: Gewalt zu Hause scheint auch bei den Schülerinnen und Schülern in Hombrechtikon ein Thema zu sein.

Psychische Störungen, Drogen und schlechte Schulleistungen

Die Folgen von häuslicher Gewalt an Kindern sind fatal. Franz Ziegler, Psychologe, Heilpädagoge und langjähriger Leiter von Kinderschutz Schweiz, findet deutliche Worte: «In dem Moment, in dem ich die Entwicklung des Selbstvertrauens eines Kindes und sein Vertrauen in andere zu untergraben beginne, reden wir von psychischer Gewalt.» Wenn man dem Kind vermittle, man liebe es nur, wenn es tut, was man von ihm will – beispielsweise das Zimmer aufräumen –, dann sei das eine Form von Erpressung. Und in Kombination mit Drohen, Lächerlichmachen, Demütigen, Isolieren, Ignorieren oder auch permanenten Schuldzuweisungen sei dies eine Methode, dem Kind zu vermitteln: Du bist minderwertig

«Ich will Schläge keinesfalls bagatellisieren», sagt der Präventionsbeauftragte in Hombrechtikon, Lothar Janssen, mit seiner Praxiserfahrung dazu. «Aber psychische Druckausübung ist manchmal fast schwieriger aushaltbar. Man wartet auf den Schlag und er kommt nicht – es ist wie ein Bogen, der immer stärker gespannt wird.» 

Wenn der Vater ausflippt: Zwei Peacemaker verdeutlichen ihren Mitschülern in einer Theaterszene, was Gewalt zu Hause bedeutet. 

Wenn der Vater ausflippt: Zwei Peacemaker verdeutlichen ihren Mitschülern in einer Theaterszene, was Gewalt zu Hause bedeutet. 
Die Folgen seelischer Gewalt können dramatisch sein: Laut Ziegler umfassen sie «das ganze Spektrum psychischer Störungen, aggressives oder depressives Verhalten, Drogen- oder Alkoholmissbrauch.» Es sind dieselben Auswirkungen, die Studienleiter Dirk Baier von der ZHAW im Interview mit Fritz + Fränzi  in Bezug auf körperliche Gewalt nennt. Ziegler wie Baier erwähnen weiter massive Schulprobleme als typische Folge anhaltender physischer oder psychischer Gewaltanwendung – das Gegenteil davon also, was Eltern erreichen wollen, die ein Kind wegen schlechter Noten körperlich bestrafen oder psychisch unter Druck setzen.

«Megagut» in der Schule – die Arme voller Narben

Wie schlimm psychischer Druck für Jugendliche sein kann, weiss Peacemaker Jessica, 16, Schülerin der dritten Sek. Sie berichtet von einem Fall aus der Vergangenheit, den sie damals noch nicht explizit als ein Fall von häuslicher Gewalt eingeordnet hatte. Es ging dabei um eine Klassenkollegin, die «megagut» war in der Schule: «Ich habe immer gedacht, sie lernt einfach gerne.» Die Kollegin gträgt auch im Sommer langärmlige T-Shirts. An einem heissen Tag zieht sie auf dem Pausenplatz kurz die Ärmel hoch. Jessica erschrickt: Die Arme sind bis oben mit Narben übersäht – das Mädchen ritzt sich. Nach der Pause geht Jessica zu ihrer Lehrerin Ulrike Spitznagel und erzählt ihr von der verstörenden Beobachtung.

Die beiden kommen überein, dass Jessica ihre Klassenkameradin vorsichtig darauf anspricht. Die Sekschülerin geht auf ihre Kollegin zu und erzählt ihr erst einmal von den Peacemakern. Dann fragt sie, wie es ihr geht. «Alles ok», antwortet diese. Jessica fragt nach und irgendwann kann es ihre Klassenkollegin nicht mehr zurückhalten: Sie bricht in Tränen aus und lässt sich kaum mehr beruhigen. Jessica erfährt: Der Vater ist todkrank. Und die Mutter setzt sie permanent unter Druck, gibt ihr wieder und wieder zu verstehen: «Du musst gute Noten nach Hause bringen, sonst geht es dem Vater noch schlechter.» 

«Du musst gute Noten nach Hause bringen, sonst geht es dem Vater noch schlechter.»
Jessica bietet sich als Zuhörerin an und unternimmt Ausflüge mit der Kollegin, um sie auf andere Gedanken zu bringen. Das Mädchen nimmt das Angebot an. Später schreibt sie Jessica einen langen  Dankesbrief. Dass sie sich jemandem öffnen konnte, dass sie über ihren Kummer reden konnte, hat ihr geholfen – auch wenn die Situation zu Hause schwierig blieb.

Gewalt? Nicht bei uns

So dramatisch die Folgen die Folgen von häuslicher Gewalt für die Kinder und Jugendlichen: An der Schule finden betroffene Schülerinnen und Schüler oder deren Lehrpersonen oft wenig Unterstützung. Theres Odermatt sagt über ihre Erfahrungen an einer anderen Schule: «Wenn ich mit einem Verdachtsfall zur Schulleitung gegangen bin, verdrehte man dort die Augen und sagte: » Und Lothar Janssen erzählt von einer Schule, an der ihm von Seiten der Schulleitung gesagt wurde: Gewalt in der Familie? Das gibt es bei uns nicht. 

Theres Odermatt (hier mit Peacemakern vor ihrer Präsentation in der Aula) war schon immer eine Lehrerin, die nicht wegschauen konnte und wollte.

Theres Odermatt (hier mit Peacemakern vor ihrer Präsentation in der Aula) war schon immer eine Lehrerin, die nicht wegschauen konnte und wollte.
Tatsächlich kommt einiges auf eine Lehrperson zu, wenn sie sich als Ansprechperson anbietet.  «Das kann bis hin zur KESB und Strafanzeigen gehen, das beschäftigt einen Tag und Nacht», so Ulrike Spitznagel. «Als Lehrerin, die sich einsetzt, bietet man den Eltern eine Angriffsfläche.» Doch für Odermatt wie Spitznagel ist klar: Wegschauen ist  keine Option. Und zum Hinschauen haben sie die volle Unterstützung ihres Schulleiters. Matthias Borer betont, dass er voll und ganz hinter der Peacemaker-Initiative stehe und insbesondere häusliche Gewalt vermehrt thematisieren wolle. 

Angst vor Schlägen in mehreren Fällen

Der Mut der Schulleitung und des Peacemaker-Teams in Hombrechtikon scheint sich auszuzahlen: Lothar Janssen berichtet, dass nach dem Buben, der sich nach der Präsentation seiner Lehrerin gegenüber öffnete, noch weitere Fälle ans Licht gekommen sind: Zwei Mädchen berichten, dass eine von ihnen von ihren Eltern zu Unrecht verdächtigt wird, geraucht zu haben. Und: «Ich habe Angst, dass mein Vater mich schlägt.» Janssen schlägt vor, beim Vater anzurufen, das Mädchen willigt ein. Ohne eine Position einzunehmen, signalisiert Janssen der Schülerin: Wir nehmen dich ernst und kümmern uns. Und auch der Vater weiss jetzt, dass die Tochter im Austausch mit den Peacemakern steht. 
Die Schüler wissen jetzt: Leiden sie zu Hause, müssen sie das nicht still ertragen. Es gibt Menschen, die ihnen helfen.
In einem anderen Fall berichten die Peacemaker von einem Schülern, der sehr schlecht ist in der Schule und verzweifelt sozialen Anschluss sucht. Janssen sucht das Gespräch mit ihm. Die Vermutung der Peacemaker wird leider bestätigt: Der Bub ist vom Vater geschlagen worden. Weil er weitere Schläge fürchtet, will er nicht, dass sich der Präventionsbeauftragte Janssen mit diesem in Verbindung setzt. Janssen bittet einen Peacemaker, dem Buben zur Seite zu stehen – und sich sofort bei ihm zu melden, wenn wieder etwas vorfallen sollte. So hat Janssen die Möglichkeit, sofort die Behörden oder die Polizei einzuschalten.

Keine einfachen Lösungen

Die Beispiele zeigen: Jeder Fall hat seine eigene Dynamik, seine eigene Vorgeschichte, seine eigene Problematik. Eines ist jedoch allen Fällen gemein: Eine einfache Lösung gibt es nicht. «Was wir tun können», sagt Lothar Janssen, «ist es, Ansprechpartner anzubieten und ein Monitoring aufzuziehen». Sprich: ein Netz zu spannen zwischen allen beteiligten Personen, von Lehrern bis hin zu Polizei und Behörden. «So wissen die Betroffenen, dass jemand für sie da ist. Und wir können eingreifen, wenn die Situation eskaliert.»

Ein knappes halbes Jahr ist vergangen seit der Präsentation in der Aula. Die Peacemaker Jessica, Angelo, Mark und Elsa sitzen zusammen an einem Tisch im Klassenzimmer von Ulrike Spitznagel. Der Unglaube über die kühne Idee und die Skepsis sind einer offenen Begeisterung für die Sache gewichen. «Das Thema breitet sich aus», sagt Angelo. «Die Stimmung an der Schule ist anders geworden», schiebt Elsa nach. Die vier Peacemaker sind sich bewusst, dass damit noch nicht alle Probleme gelöst sind, ja, dass das erst ein Anfang war. Doch sie alle sind überzeugt: Die Zeiten, als häusliche Gewalt ein Tabu war, sind an ihrer Schule passé.


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