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Elternbildung

Die Ohrfeige in der Erziehung ist in der Schweiz noch zu normal

Kriminologe Dirk Baier hat für eine demnächst erscheinende Studie mehr als 8000 Schülerinnen und Schüler in der Schweiz zu Gewalt in der Erziehung befragt – und kam zu beunruhigenden Erkenntnissen.
Interview: Florian Blumer

Herr Baier, Sie forschen seit Jahren in Deutschland zum Thema Gewalt in der Familie, nun haben sie eine breit angelegte Studie in der Schweiz durchgeführt. Was hat Sie überrascht?

Zum einen: Gewalt gilt hier – im Gegensatz zu Deutschland – noch immer als normaler Bestandteil der Erziehung. Nur einer von drei Jugendlichen gab an, dass er als Kind in der Familie keine Form von Gewalt erlebt habe. In Deutschland sagten dies in einer vergleichbaren Untersuchung zwei von drei Jugendlichen. Der zweite überraschende Befund: Die Unterschiede zwischen Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund sind enorm: Es gibt Gruppen, die eine vier- bis fünfmal so hohe innerfamiliäre Gewaltquote aufweisen. 

Wie erklären Sie sich den grossen Unterschied zu unserem Nachbarland?

Wir haben auch positive Formen von Erziehung untersucht, das Mass an Zuwendung zum Beispiel, d.h. die elterliche Bereitschaft zu trösten. Hier ist die Schweiz genauso gut aufgestellt wie Deutschland. Dass es dennoch zu häufigerer Anwendung von Gewalt kommt, wirft Fragen auf: Ist es ein Indikator für Rückständigkeit? Eine kulturelle Eigenheit? Es hat sich gezeigt, dass in der Schweizer Erziehungskultur häufiger auf leichte Formen der Gewalt wie Ohrfeigen zurückgegriffen wird. Man muss aber festhalten, dass es auch in Deutschland viele Familien gibt, die prügeln. Und dass es in der Schweiz viele Familien gibt, die nicht auf Gewalt setzen. Eine abschliessende Antwort haben wir noch nicht. Eine Rolle mag spielen, dass in Deutschland – im Gegensatz zur Schweiz – seit dem Jahr 2000 die elterliche Züchtigung verboten ist.
Prof. Dr. Dirk Baier ist Soziologe und Leiter des Instituts für Delinquenz und Kriminalprävention an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW. Seine Forschungsschwerpunkte sind Jugendkriminalität, Gewaltkriminalität und Extremismus. Dirk Baier ist Vater einer Tochter und lebt mit seiner Familie in Mellingen AG.
Prof. Dr. Dirk Baier ist Soziologe und Leiter des Instituts für Delinquenz und Kriminalprävention an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW. Seine Forschungsschwerpunkte sind Jugendkriminalität, Gewaltkriminalität und Extremismus. Dirk Baier ist Vater einer Tochter und lebt mit seiner Familie in Mellingen AG.

Der Satz «Eine Ohrfeige hat noch keinem geschadet» gilt in der Schweiz noch immer?

Ja. Dem stimmen natürlich nicht alle zu – aber nach wie vor ein grosser Teil der Bevölkerung.

Ist er denn falsch?

Eine Ohrfeige geht nicht spurlos an Kindern vorüber. Damit wird ein Vertrauensverhältnis zerstört: Das Vertrauen in die Eltern, aber auch in die Welt als sicherer Ort.
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Allein durch eine Ohrfeige?

Natürlich macht es einen Unterschied, ob ein Kind regelmässig oder selten geschlagen wird und ob es sich um Züchtigungen oder schwere Gewalt handelt. Hat das Kind schwere Gewalt erlebt, ist es zum Beispiel wahrscheinlicher, dass es später selbst gewalttätig wird. Aber auch zwischen den Vergleichsgruppen «Keine Gewalt erlebt» und «Züchtigungen erlebt» – eben die berühmte Ohrfeige – sehen wir deutliche Unterschiede. Wir können klar sagen: Jede Form von körperlicher Gewalt richtet Schaden an 

Ist die Ohrfeige die verbreitetste Form der Gewaltausübung in der Erziehung in der Schweiz?

Ja, am meisten Jugendliche gaben an, Ohrfeigen erhalten zu haben. Relativ viele gaben an, «hart angepackt» oder «gestossen» worden zu sein. Am seltensten kommt schwere Gewalt vor wie Verprügeln oder Schlagen mit Gegenständen.

Die Herkunft ist eine politisch umstrittene Kategorie – warum haben Sie diese in die Studie miteinbezogen?

Die kulturelle Vielfalt ist etwas, das die moderne Gesellschaft definiert. Und ich glaube, dass Erkenntnisse in diesem Bereich helfen können, Probleme anzugehen.

Welche Erkenntnisse haben Sie gewonnen?

Schwere Gewalt ist als Teil der Erziehung bei Jugendlichen aus dem südostasiatischen, dem südosteuropäischen und dem afrikanischen Raum deutlich häufiger. Ich erkläre mir das im Wesentlichen mit unterschiedlichen Auffassungen, wie Erziehung aussehen soll. Es handelt sich um Kulturen, in denen es noch patriarchalere Familienstrukturen gibt.

Was bedeutet das?

Der Mann ist das Oberhaupt der Familie, der sich auch mit Gewalt durchsetzen kann. Nicht, weil er Spass am Prügeln hat, sondern weil ihm alternative Sanktionsmöglichkeiten fehlen, um dem Kind zu zeigen, dass etwas nicht in Ordnung war. Diese Vorstellungen bestehen seit Jahrhunderten. Und sie sind falsch: Einsicht kann man nicht einprügeln.

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