Ein Jahr wie zehn Jahre

Was die Pandemie mit ihr, aber vor allem mit ihren Kindern macht, erzählt Michèle Binswanger in diesem Beitrag.
Alle reden davon, dass die Pandemie unser Leben auf den Kopf gestellt hat. Doch das Bild stimmt nicht ganz. Ich glaube vielmehr, es ist etwas mit der Zeit passiert. Als hätte jemand auf doppelten Vorlauf gestellt und es wären nicht zwölf Monate, sondern Jahre vergangen.

Ein Anhaltspunkt für meine Vermutung: Es scheint etwas mit meinen Kindern passiert zu sein. Ich erwische meinen Sohn in letzter Zeit oft beim Lernen – und kann mich nicht erinnern, dass das zuvor je der Fall gewesen wäre. Ich weiss nicht, ob es am Schulsystem, am Sohn oder an mir als Mutter lag. Aber seine Schulkarriere war eine zähe Angelegenheit. «Er könnte so viel mehr, wenn er wollte», war das Mantra bei Elterngesprächen auf Primarstufe. «Er sollte nicht so viel Unruhe ­stiften», hiess es auf der Sekundar­stufe. «Wenn das so weitergeht, können wir für nichts garantieren.» Und in meinen Ohren schwang immer mit: «Kein Wunder, bei so einer Mutter, die nur ihren Beruf im Kopf hat.» 
Ich hätte ihn ja gern zu besserer Arbeitsdisziplin angeregt, aber wie man das macht, habe ich nie herausgefunden. Ich redete mit ihm, mit den ­Lehrerinnen, mit Schulleitern und Sozialarbeitern, wir schlossen Verträge ab, versprachen Belohnungen. Es half wenig. Wir waren alle froh, als er die erste Sekundarstufe im letzten Sommer abschliessen konnte. Und mir war etwas bang, wenn ich daran dachte, wie das im Gymnasium werden würde.

Aber irgendetwas ist während der Pandemie passiert. Nicht nur erwische ich ihn beim Lernen, auch beim Elterngespräch heisst es: Wir sind rundum zufrieden. Was mich natürlich stolz macht. Nie hätte ich gedacht, dass das Früchtchen in einem einzigen Sommer zu einem jungen Mann heranreift, der seine schulischen Pflichten so ernst nimmt.

Ich würde gern davon berichten, dass das Coronajahr auch in mir einen positiven Prozess in Gang gesetzt hat. Aber das wäre gelogen. Nicht dass ich im letzten Jahr faul geworden wäre, um bei den Früchten zu bleiben. Ich habe die Arbeitsmoral hochgehalten und konnte auch dem Home­office Gutes abgewinnen. Doch mittlerweile hat ein gewisser Gärprozess eingesetzt, und wenn ich noch lange zu Hause versauere, schwirren bald Fruchtfliegen um mich herum. Ich bin reif dafür, dass dieser Spuk endlich vorbei ist.

Natürlich weiss ich, dass das Wunschdenken ist. Dass wir nicht einfach zurück können, es nicht wieder so sein wird wie zuvor. Umso optimistischer stimmen mich meine Kinder. Als junge Menschen müssen sie die Einschränkungen durch die Pandemie als besonders schmerzhaft empfinden. Aber ihre Jugend scheint ihnen dabei zu helfen, die ungewohnte Situation zu akzeptieren. Zuversichtlich zu bleiben, das Beste daraus zu machen.

Ich weiss nicht, ob ich noch so viel Jugend in mir habe, dass mir das ebenso mühelos gelingt. Aber ich weiss, dass ich mir meine Kinder zum Vorbild nehmen kann. Vielleicht wird alles einfacher, wenn die Zeit dann wieder im normalen Tempo läuft. Und wenn nicht, habe ich immer noch das Beispiel meiner Kinder, denn ihre Zeit wird erst noch kommen. Das stimmt mich trotz allem froh.

Zur Autorin:

Die studierte Philosophin ist Journalistin und Buchautorin. Sie schreibt zu  Gesellschaftsthemen, ist Mutter zweier Kinder und lebt in Basel.

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