Kindergarten
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Die Ergotherapie

Unlängst gab eine Untersuchung zu reden, nach der nur die Hälfte der Viereinhalb- bis Fünfeinhalbjährigen sich alleine anziehen und nur rund 20 Prozent eine Schleife binden konnten. Der Co-Autor der Erhebung, Kinderarzt Rupert Dernick sieht den Grund für die mangelnde Geschicklichkeit nicht bei den Kindern, sondern in deren Umfeld. «Die Eltern nehmen ihnen zu viel ab.» Und zwar auch dann, wenn es um alltägliche Arbeiten wie Tischdecken oder -abräumen geht. Zwar hätten die meisten Eltern in der Studie mit 500 Kindern angegeben, dass ihre Kinder einfache Tätigkeiten wie Besteck oder Plastikbecher abtrocknen beherrschten. Aber nur jedes fünfte Kind übe diese Tätigkeiten auch tatsächlich öfter aus. «Dadurch verpassen viele Kinder die Möglichkeit, ihre Fertigkeiten durch Üben zu verbessern.»

Bei Buben zeigten sich die Folgen besonders deutlich, sagt Dernick. «Mittlerweile wird 20 Prozent der fünf- bis sechsjährigen Jungen eine Ergotherapie verordnet.» Auch hierzulande geht man davon aus, dass jedes dritte Kind im Laufe seiner Schullaufbahn eine spezielle Förderung erhält. Ergotherapie ist eine Form einer solchen Förderung. Sie hat das Ziel, Kinder in ihrer Entwicklung, Selbständigkeit und Handlungsfähigkeit zu fordern. Sie geht davon aus, dass «tätig sein» ein menschliches Grundbedürfnis ist.
Ergotherapie ist für Kinder gedacht, die zum Beispiel Probleme haben, Scooter zu fahren, Schuhe zu binden oder etwas Kleinteiliges auszuschneiden oder zu malen.
Ergotherapie ist für Kinder gedacht, die zum Beispiel Probleme haben, Scooter zu fahren, Schuhe zu binden oder etwas Kleinteiliges auszuschneiden oder zu malen.
Ergotherapie ist für Kinder gedacht, die ihren Altersgenossen sozial, kognitiv oder in der Motorik hinterherhinken. Die zum Beispiel Probleme haben, Scooter zu fahren, Treppen zu steigen, Schuhe zu binden oder etwas Kleinteiliges auszuschneiden oder zu malen. Oder die das, was sie hören, sehen, riechen oder schmecken, nicht angemessen verarbeiten können.
Die Gründe, eine Ergotherapie in Anspruch zu nehmen, sind sehr verschieden. Die als Wahrnehmungs- oder Verhaltensstörungen auffallenden Schwierigkeiten können auf organische oder psychische Ursachen zurückgehen wie Geburtstraumen, Missbildungen oder progressive Erkrankungen. Das Verbessern der Körperkoordination und das Kennenlernen der eigenen Fähigkeiten und Grenzen sollen das Selbstvertrauen des Kindes stärken und seine Kommunikationsmöglichkeiten erweitern. Eltern können die Ergotherapie unterstützen, wenn sie die Übungen oder Spiele mit ihrem Kind auch zu Hause machen.

Das können Eltern tun

Sie helfen Ihrem Kind, wenn Sie:

  • Ermutigen und loben statt kritisieren.

  • Akzeptieren statt vergleichen.

  • Das Wort selber richtig wiederholen, statt es vom Kind «richtig sagen» zu lassen.

  • Zeit lassen statt drängen.

  • Zuhören, aussprechen lassen und nachfragen, statt ins Wort zu fallen. Gerade ein Kind, das Sprachprobleme hat, ist besonders darauf angewiesen, nicht unter Druck gesetzt zu werden.

  • Miteinander spielen und sprechen, statt üben.

  • Klar und einfach sprechen (nicht zu viel auf einmal).

  • Zuhören, was das Kind zu sagen hat, statt auf Sprechfehler achten.

  • Es erzählen lassen, ohne es immer zu korrigieren.

  • Gewicht darauf legen, was das Kind Ihnen mitteilen möchte, und nicht wie es dies tut. Besser zusammen lachen als alles richtig machen!
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Therapiewahn an Schweizer Schulen?

Der Kinderarzt Oskar Jenni machte im November 2014 Schlagzeilen, als er in einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger» den «Therapiewahn» an Zürcher Schulen kritisierte. Dass jedes dritte Kind im Laufe seiner Schulzeit eine oder mehrere niederschwellige Fördertherapien erhalte, sei unsinnig, erklärte der Leiter der Abteilung Entwicklungspädiatrie des Kinderspitals Zürich. Es könne nicht sein, dass so viele Kinder nicht den Normerwartungen entsprächen. Jenni kritisierte weniger die Therapien denn das System. «Fällt ein Kind auf, entscheiden Fach- und Lehrpersonen sowie Eltern im Gespräch über eine Massnahme. Und danach sind alle froh, weil gehandelt wird. Die Gefahr von Fehleinschätzungen und Stigmatisierungen der Kinder ist dabei gross.» Im Alter von vier bis sechs Jahren sind jedoch die Entwicklungsunterschiede in Bezug auf Sprache, Motorik, Aufmerksamkeit und Verhaltenskontrolle naturgemäss sehr gross.

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