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Familienleben

Wenn Kinder ihre Eltern bedrohen und schlagen

Vor zwei Jahren rief Elternnotruf Schweiz das Beratungsangebot «Dranbleiben» ins Leben. Es richtet sich an Eltern, die sich von ihren Kindern bedroht fühlen. «Parent Battering» nennt sich das Phänomen. Wer sind die Täter und wer die Opfer?
Text: Sandra Casalini
Bild: Meyer / Tendance Floue
Das 9-jährige Mädchen, das seiner Mutter in voller Absicht das Gesicht blutig kratzt; der 13-Jährige, der die ganze Wohnung für sich in Anspruch nimmt und sich weigert, zur Schule zu gehen; die 17-Jährige, die als Druckmittel den Vater der sexuellen Belästigung bezichtigt – das sind nur drei Fälle von vielen, in denen sich Eltern im vergangenen Jahr beim Elternnotruf gemeldet und das Beratungsangebot «Dranbleiben» in Anspruch genommen haben.

Gut 20 Prozent der Anrufe, die beim Elternnotruf eingehen, kommen mittlerweile von Müttern und Vätern, die Angst vor ihren Kindern haben. «Man geht davon aus, dass in jeder zehnten Familie Eltern schon einmal körperlich von einem Kind angegriffen wurden. Und wir reden hier nicht von Kleinkindern, die durch Schlagen oder Haarereissen ihre negativen Emotionen körperlich ausdrücken», sagt Britta Went vom Elternnotruf. Es geht um Kinder, die bewusst Druck sowie verbale und körperliche Gewalt anwenden, wenn ihnen etwas nicht passt.

Laut US-Studien sind gut 14 Prozent der Eltern von «Parent Battering» betroffen. Eine Untersuchung der Technischen Universität Darmstadt spricht von 16 Prozent aller 14- bis 17-Jährigen, die verbale, psychische oder physische Gewalt gegen ihre Eltern ausüben. Ab 18 Jahren sinkt dieser Anteil auf 5,2 Prozent, dafür werden die Gewalttaten schwerer.
Dieser Text stammt aus unserem grossen Dossier zum Thema Aggression. Wenn Sie alle Texte zum Thema lesen möchten, bestellen Sie die Ausgabe 05/2018 online.
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Weshalb kommt es zur Gewalt gegen die eigenen Eltern?

Gemäss einer Studie der amerikanischen Brigham Young University sind 57 Prozent der Attacken auf die eigenen Eltern körperlich. 82 Prozent richten sich gegen Mütter – fünfmal mehr als gegen Väter –, am meisten betroffen sind Alleinerziehende. 11 Prozent der Kinder sind unter 10 Jahren. Was das Alter angeht, gibt es allerdings unterschiedliche Aussagen. Laut US-Studien gehen am häufigsten die 15- bis 17-Jährigen auf ihre Eltern los, kanadischen Untersuchungen zufolge sind es eher die 12- bis 14-Jährigen.

Unter den Betroffenen sind Familien mit Migrationshintergrund genauso oft vertreten wie Schweizer Eltern, niedrig Qualifizierte genauso oft wie gut ausgebildete Eltern aus sozioökonomisch starken Schichten. «Was die meisten Opfer verbindet, ist ein Erziehungsstil, bei dem eine klare und liebevolle Führung fehlt und das Kind somit zu wenig Halt und Orientierung bekommt», so Britta Went. «Oft haben diese Kinder von klein auf alles bekommen, was sie sich wünschen, und die Eltern haben den Überblick verloren.»
 «Die veränderten sozialen Bedingungen ist unter anderem ein Grund warum Eltern vermehrt das Ziel von kindlichen Aggressionen werden.»
Haim Omer, Professors der Psychologie  an der Universität in Tel Aviv
Was in diesen Familien fehlt: liebevolle, elterliche Präsenz. Dieser Begriff wird häufig mit dem gleichnamigen Konzept des israelischen Autors und Professors der Psychologie Haim Omer von der Universität in Tel Aviv in Verbindung gebracht. Er sieht die veränderten sozialen Bedingungen als einer der Gründe, warum Eltern vermehrt das Ziel von kindlichen Aggressionen werden, gegen die sie sich kaum mehr wehren können. «Eltern sollen heute ihre Kinder gestalten, nicht bloss erziehen. Das ist nichts Schlechtes, macht die Erziehung aber um einiges schwieriger», sagt Omer. Er setzt der traditionellen Autorität von Eltern, die auf Distanz, Kontrolle, Gehorsam und strikter Hierarchie basiert, die «neue Autorität» entgegen, welche auf Nähe und entschlossene elterliche Präsenz setzt.

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