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Familienleben

Wir sind dann mal offline – ein Selbstversuch

Runterfahren, ausmachen, weglegen: Eine Woche ohne Fernseher und digitale Medien ist für viele Kinder erst einmal hart – und dann ein Abenteuer. Familie Rohrer wagte den Selbstversuch.
Text: Falco Meyer 
Die Kinder liegen im Bett, die Hausarbeit ist erledigt, die letzten Mails sind beantwortet – nichts wie ab ins Internet. Und zwei Stunden später steht man leer und lasch von der Couch auf. Mal ehrlich: Was tun wir, wenn wir mal nichts zu tun haben? Unsere Hände finden zuverlässig und schnell Beschäftigung. Automatisch greifen sie nach dem Flimmerding, direkt verbunden mit dem Glückszentrum des Gehirns.
Durchschnittlich 2617 Mal drücken, wischen und streichen wir pro Tag über den Bildschirm – und erhalten dafür eine kleine Dosis Glück, jeweils gerade genug, um uns bei der Stange zu halten. Die Zahl stammt vom US- Marktforschungsinstitut dscout und ist aus dem Jahr 2016. «Internetisieren» nennt man das im Volksmund. «Schluss damit!», sagen die Verantwortlichen für Suchtprävention einiger Kantone, und zwar für eine ganze Woche. Geht das wirklich?
Zeit zum Spielen: Familie Rohrer lebte eine Woche ohne elektronische Medien.
Zeit zum Spielen: Familie Rohrer lebte eine Woche ohne elektronische Medien.

Flimmerpause für eine Woche

«Flimmerpause» heisst das Projekt, Schulen in der ganzen Deutschschweiz nehmen daran teil. Die Fachstelle «Akzent Prävention und Suchttherapie» in Luzern hat es 2006 entwickelt und führt seitdem jedes Jahr eine Flimmerpause durch. Mittlerweile haben sich schon mehr als 2000 Teilnehmende in der ganzen Zentralschweiz auf diese Weise entflimmert.

Die Regeln sind simpel: Eine Woche lang in der Freizeit keine Unterhaltung am Bildschirm.
Angelegt ist die Woche für Kinder vom Kindergarten bis zur sechsten Klasse. Besonders für sie sei es wichtig, sich des Umgangs mit dem Bildschirm bewusst zu werden, sagt Brigitte Waldis, «Flimmerpause»- Verantwortliche der Präventionsstelle Akzent Luzern. Kinder sollen schon früh die Erfahrung machen können: Es geht auch mal ohne digitale Medien. Wer aber meint, man könne den Kindern den Bildschirm verbieten und selbst weitermachen wie gewohnt, der irrt: Die Flimmerpause ist vor allem eine Prüfung für die Eltern.

Das ist auch bei Familie Rohrer so. Rilana Rohrer und ihr Mann Thomas leben mit ihren Kindern Jana, 9, und Severin, 7, in Ermensee im Luzerner Seetal, in einem Reihenhaus mit Garten, Trampolin und einer Schaukel. Wenn man durch Ermensee schlendert, riecht es nach frisch gesägtem Holz, in den Quartierwegen liegen Spielsachen herum, zum Baden geht man in den Hallwiler- oder den Baldeggersee, beide liegen in Fussdistanz. Jana reitet in ihrer Freizeit ein kleines Pony, geht wie Severin ins Geräteturnen, spielt Gitarre und tanzt. Severin spielt Fussball beim FC Hitzkirch.

Ein «Bildschirm-Problem» habe man nicht, sagen die Eltern. Trotzdem nimmt die Familie teil, wie die ganze Schule ihrer Kinder. Auch ich, der Journalist, schliesse mich an und lasse nach Feierabend die Finger von den digitalen Medien. Ob das gut geht?

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