Drogensüchtige Jugendliche: Was tun, wenn das Kind abhängig wird?
Familienleben
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Mit Suchtmitteln werden die eigenen Emotionen stabilisiert

Den oft verwendeten Begriff der Suchtpersönlichkeit hören er und seine Kollegin Ulrike Sanwald, Leitende Ärztin und Co-Leiterin der Integrierten Suchthilfe Winterthur, allerdings überhaupt nicht gern. Denn das, was den Kindern und Jugendlichen Probleme macht, ist meist eine sogenannte Emotions­regulationsstörung. Suchtmittel können dann zur eigenen Stabilisierung benötigt werden. «Ein anderer Mechanismus kann sein, dass man alles, was man gerne macht, auch exzessiv machen kann, ohne da ein gesundes Mass zu finden», erklärt Sanwald. Eltern, die wissen, dass ihr Kind in diesem Bereich anfällig ist, sollten entsprechend besonders aufmerksam sein, wenn sie merken, dass der Nachwuchs vielleicht erste Kontakte mit Substanzen aufnimmt. 
Lernen Kinder nicht, Gefühle zu regulieren, weil die Eltern das auch nicht können, entsteht ein Defizit, das sie füllen müssen.
Entwicklungspsychologen gehen davon aus, dass das Gehirn etwa bis zum 25. Lebensjahr reift. Teil dieses Veränderungsprozesses ist auch die Steuerung von Emotionen. «So sitzen im Frontalhirn auch exekutive Funktionen. Dieser Bereich ist also auch dafür verantwortlich, Stopp zu sagen und zu bewerten: Ist das eigene Handeln gerade vernünftig oder nicht?», erklärt Kupferschmid. Im nicht fertig gereiften Gehirn kleiner Kinder mangelt es entsprechend noch sehr an einer Impulskontrolle. Je jünger Kinder sind, umso schwerer fällt es ihnen, mit ihren Gefühlen umzugehen. 
Bild: YAY Media AS / Alamy Stock Photo
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Durch diesen Lernprozess müssen grundsätzlich alle Menschen durch. Mitunter jedoch wird das Gehirn bei der Reifung gestört. Das kann durch ganz unterschiedliche Faktoren geschehen. So wissen Mediziner inzwischen, dass frühkindliche Einflüsse wie beispielsweise die erlebte Bindung eine grosse Rolle spielen. Lernen Kinder nicht, wie sie ihre Gefühle regulieren können, weil das vielleicht die Eltern selbst nicht können, entsteht ein Defizit, das die Kinder selbst füllen müssen: Indem sie eigene Strategien entwickeln, weil das Vorbild fehlt. Oder es auch die Situation nicht erlaubt. 

«Wir erleben es häufig, dass Kinder, die sich dauernd zurücknehmen und überanpassen müssen, weil zum Beispiel ein Geschwisterkind schwer krank ist, psychische Probleme entwickeln. Diese können auch erst später, in der Adoleszenz oder dann im Erwachsenenalter, zum Tragen kommen», sagt Sanwald. Dabei ist es gerade in der Entwicklungsphase wichtig, dass Kinder und Jugendliche einen Rahmen haben, in dessen Grenzen sie sich ausleben und an Dingen abarbeiten können, um sich selbst intensiv kennenzulernen. 

«Es braucht keine perfekten Eltern» 

Eltern, die sich mal vergessen, überreagieren oder rumbrüllen – das ist nicht schön, aber führt nicht gleich zu Entwicklungsstörungen beim Kind. «Es braucht keine perfekten Eltern», sagt Kupferschmid, «sondern solche, die ‹gut genug› sind. Auch bei ganz tollen Eltern funktionieren nicht alle Interaktionen gut und es kommt auch immer wieder zu Missverständnissen. Hier kommt es darauf an, auch nach einer nicht gelungenen Interaktion schnell einen guten Weg ins Miteinander zu finden.» 
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Entdecken Eltern, dass ihre
Kinder Suchtmittel konsumieren, lautet die erste Regel: keine Panik. Dass sie konsumieren, heisst nicht, dass sie abhängig werden.
Experten sprechen von verschiedenen Faktoren, die die Gefahr, dass ein Kind oder Jugendlicher süchtig wird, vergrössern oder verringern können. So gelten etwa psychisch kranke Eltern oder eine desolate und instabile Umgebung als Risikofaktoren, aber auch häufige räumliche Veränderungen aufgrund von Umzügen oder Wechsel bei den Bezugspersonen wie zum Beispiel durch einen Schulwechsel oder einen neuen Freundeskreis bei Beginn einer Lehre. Wichtige Schutzfaktoren sind stabile Bindungen zu Erwachsenen – die nicht zwingend die Eltern sein müssen – und Gleichaltrigen sowie das Erleben von Selbstwirksamkeit. 

Das ist vor allem mit Hobbys möglich. «Sich selbst als Teil von etwas fühlen – einer Musikgruppe, eines Sportvereins, irgendeiner gemeinsamen Betätigung, die im öffentlichen Raum stattfindet – , das erzeugt eine positive Aktivität, bei der Endorphine ausgeschüttet werden, und stellt damit eine Alternative zu Suchtmitteln dar», so Sanwald. Hinzu kommt, dass Jugendliche beim Sport sehr schnell merken, was ihnen die konsumierte Substanz nehmen kann: Sie fallen in der Leistung stark ab. Wer am Vorabend eines Spiels viel trinkt, ist nicht fit. Die Sucht wird als störend und hinderlich erlebt. Noch ein Pluspunkt in Vereinen: Die Trainer oder Gruppenleiter sind positive Vorbilder. 

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