Drogensüchtige Jugendliche: Was tun, wenn das Kind abhängig wird?
Familienleben
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Eltern haben eine wichtige ­Vorbildfunktion

Ein Risikofaktor, der von vielen Eltern übersehen wird, ist der eigene Substanzkonsum. Gerade legale Drogen wie Alkohol und Zigaretten sind sozial akzeptiert, Wein und Bier gehören in geselligen Runden fast schon standardmässig dazu. «Eltern sollten kritisch betrachten, wie viel Alkohol sie selbst trinken», sagt Ganzer, «sie haben eine wichtige Vorbildfunktion. Für viele ist es ganz normal, abends zur Belohnung nach einem harten Tag oder zur Entspannung Alkohol zu trinken. Da sind die ganzen schädlichen Folgen zwar meist nicht sichtbar, doch man sollte sich durchaus fragen, wieso man kaum einen Tag ohne Alkohol hinbekommt.»
Ein gesellschaftliches Problem: Legale Drogen wie Alkohol und Zigaretten sind sozial akzeptiert. (Bild: Brian Finke / Gallery Stock)
Ein gesellschaftliches Problem: Legale Drogen wie Alkohol und Zigaretten sind sozial akzeptiert. (Bild: Brian Finke / Gallery Stock)
Die Pubertät ist eine Phase der Identitätsfindung. Wer bin ich? Wohin will ich im Leben? Welcher Weg führt dorthin? Das ist eine Zeit höchster Verletzlichkeit, jeder noch so kleine Einfluss kann hier gravierende Folgen haben: eine zurückgewiesene Liebe, ein «falscher» Freundeskreis, ein wohlgemeinter, aber als Kritik empfundener Ratschlag. «Vor allem männliche Jugendliche sondieren hier, testen Stärke und Dominanz und geben gerne mal den harten Kerl, der Alkohol und Drogen probiert», sagt Ganzer. 

Während Mädchen sich auf der Suche nach dem eigenen Ich lange Zeit eher zurückhaltend und introvertiert gegeben haben, verändert sich auch das seit einigen Jahren: Es sind nicht mehr nur Buben, die volltrunken und zugedröhnt von Partys heimkehren, weiss Ganzer aus der klinischen Erfahrung.  Etwa zwei Drittel männlich und ein Drittel weiblich schätzt der Oberarzt das Geschlechterverhältnis bei den jungen Substanzkonsumenten. 

Den Schritt zum Entzug machen Jugendliche meist nicht selbst

Liegt eine klinisch diagnostizierte Abhängigkeit vor, kann oft nur ein Entzug helfen. Das A und O in der Suchtbehandlung, da sind sich alle Experten einig, ist die Motivation des oder der Süchtigen. «Den Schritt zum Entzug machen meist die Eltern oder Behörden, so dass ich mit den Jugendlichen in der ersten Zeit hauptsächlich an ihrer Motivation arbeite», erzählt Ganzer. 

Der Weg zur Abstinenz ist gerade für junge Menschen sehr schwer. «Wer mit 16, 17 Jahren süchtig ist und schon einige Jahre lang konsumiert hat, für den ist der Gedanke ‹Ich muss für immer aufhören› schier unerträglich», sagt Ganzer. Die Drogen haben einen wesentlichen Teil des Lebens und – in der eigenen Wahrnehmung – der Identitätsbildung des Jugendlichen ausgemacht. 

Was bleibt, wenn diese weggenommen werden? Wer bin ich dann noch? Die Angst, das entstehende Loch zu füllen, lähmt und erschwert den Weg. «Hier raten wir immer zu einem Zwischenschritt und sagen: Reduziere doch erst mal den Konsum», sagt Ganzer, «das ist weniger angsteinflössend.» Wenn dies dann scheitert, steige oft auch die Problemeinsicht.
Der Weg zur Abstinenz ist für junge Süchtige besonders schwer. Denn die Drogen haben einen wesentlichen Teil ihrer Identitätsbildung ausgemacht.  
Verlässliche Beziehungen sind für die Jugendlichen eine enorme Stütze auf dem Weg aus der Sucht. In der Tagesklinik Winterthur wird daher viel Wert auf die Eltern- und Familienarbeit gelegt. Mit einer systemischen Therapie lernen beispielsweise alle Familienmitglieder, welche Bedeutung Regeln, Strukturen und Verlässlichkeit in den Beziehungen untereinander spielen. Gerade Bezugspersonen der Jugendlichen erleben immer wieder Machtlosigkeit, das Gefühl, helfen zu wollen und es doch nicht zu schaffen. «Das kann eine äusserst frustrierende Erfahrung sein. Da ist es gut, wenn mal jemand von aussen mit Distanz und einer professionellen Haltung dazukommt», sagt Ganzer. 
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Wenn 16-, 17-jährige Süchtige bei Stephan Kupferschmid an der Integrierten Psychiatrie Winterthur – Zürcher Unterland in Behandlung sind, interessiert den Chefarzt Psychiatrie für Jugendliche und junge Erwachsene auch deren Vergangenheit: Wann sind die jungen Menschen zum ersten Mal mit Substanzen in Berührung gekommen? «Wir sehen dann häufig, dass der Einstieg in die Suchtmittel, der Probierkonsum, schon recht früh begonnen hat. So fangen schon Elf- und Zwölfjährige an zu rauchen», sagt Kupferschmid. Auch wer seine Zeit gerne mit Konsolenspielen oder generell im Internet verbringt, erlebt oft eine Form der Abhängigkeit. «Die allermeisten Kinder können das gut kontrollieren, die zehn Prozent, die damit aber ein Problem haben, benötigen therapeutische Unterstützung», sagt Kupferschmid.

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