«Wir waren übervorsichtig und haben uns doch angesteckt»

Serie: Familien und Corona weltweit – Teil 10

Wie geht es Familien im Ausland in der Corona-Zeit? Was wünschen sie sich und wie werden sie Weihnachten verbringen? Wir haben uns auf die Suche gemacht und einige Familien in anderen Ländern befragt. Hier berichtet Anna Dimitríjevics, wie die Situation in Belgien aussieht.
Anna Dimitríjevics (39), arbeitet für die europäische Kommission. Ihr Mann Edward, 51, ist Professor im Ausland und pendelt normalweise im Semester wochenweise zwischen seiner Uni und Brüssel. Die beiden haben zwei Söhne, William Benedict, 7, und Marcel Francis, 2.5 Jahre alt. Die Familie lebt in einem Haus in Brüssel mit einem kleinen Garten.

Wie ist aktuell die Situation mit dem Coronavirus in Belgien? 

In Belgien wurden die Corona-Massnahmen regelmässig angepasst und das teilweise sehr pedantisch. So gibt es zum Beispiel die Situation in einer bestimmten Strasse der Brüsseler Gemeinde Etterbeek: Ob draussen eine Maske getragen werden muss oder nicht, wird unter anderem aufgrund der Breite des Trottoirs bestimmt. Und so kommt es, dass an der Rue Gray vor der Hausnummer 2 und zwischen den Nummern 1 und 17 Maske getragen werden muss. 

Im allgemeinen werden die Massnahmen hier aber gut aufgenommen und von der Bevölkerung mitgetragen. Die Regeln werden abgestimmt auf die Empfehlungen von Virologen herausgegeben und sind nach wie vor strikt: Wir dürfen einen externen Kontakt pro Haushalt und pro Monat haben. Draussen sind vier Leute erlaubt. Es gibt keine Ausnahmen für Weihnachten oder Silvester. 

Wie ist die Arbeitssituation bei Ihnen und Ihrem Mann? 

Wir arbeiten aktuell beide von zuhause aus. Mein Mann arbeitet normalerweise an einer ausländischen Uni, unterrichtet aktuell aber auch digital. Die Kinder haben ihn also viel mehr gesehen, das war schön für alle. 

In Belgien ist es üblich, dass beide Eltern wieder vollzeit arbeiten, wenn sie Kinder haben. Ab drei Monaten können Babies in die Krippe und auch nach Schulschluss oder während den Schulferien gibt es Betreuungsangebote für Kinder. Als bei uns die Krippen und Schulen zugingen im Frühling, war das für viele Eltern ein enormer Stress – so auch bei uns. Zudem hatten wir beide durch die Krise noch mehr Arbeit. Wir haben uns dann abgewechselt mit Kinderbetreuung und Arbeit und haben beide abends und nachts noch nachgearbeitet. Das war sehr anstrengend und Zeit für uns gab es gar keine. Wenn das Schlafmanko nicht all zu gross war, haben wir nachts mal noch ein gutes Buch gelesen, aber das wars. 

Wie gehen Ihre Kinder mit der neuen Situation um? Was hat sich für sie konkret verändert? 

Beide Kinder waren komplett zuhause von März bis Ende Mai. William hat von seinem Lehrer per Email Hausaufgaben bekommen, die wir dann mit ihm erledigt und wieder zurückgemailt haben. Seit September sind die Schulen wieder komplett geöffnet. Die Ferien wurden allerdings verlängert aufgrund von Corona. 

Für William war die Situation bedrückend, er hat seine Freunde sehr vermisst im Lockdown. Seine Freunde haben sich teilweise täglich getroffen, während wir mehr aufgepasst haben und uns nur einmal wöchentlich getroffen haben mit anderen Kindern. Er hat gemerkt, dass die anderen näher zusammenwachsen und hat sich augeschlossen gefühlt. Er ist froh, sind die Schulen jetzt wieder offen und sieht er seine Freunde so oft!

Zu seinem Geburtstag im Herbst haben wir lange gezögert, was wir machen wollen und haben im Endeffekt seine Freunde eingeladen zu einem Nachmittag im Park. Es war Regen angekündigt und wir waren nicht sicher, ob wirklich alle Kinder über passende Kleidung verfügen – die Klasse ist sozial sehr durchmischt. Zum Glück hat es dann doch nicht geregnet und das Fest war ein voller Erfolg.   

Wie erleben Sie die Situation als Ganzes: Hat Corona dem Familienleben ungewohnte Türen geöffnet oder eher für zusätzlichen Stress gesorgt?

William und Marcel fanden es beide toll, so viel Zeit mit uns zu verbringen. Auch mein Mann und ich haben dieses neue Zusammensein sehr genossen, auch wenn wir teilweise total erschöpft waren von der Kombination Homeoffice und Familienalltag. Wir haben uns ein elektrisches Velo angeschafft, womit wir in den Wald und in Parks gefahren sind, nachdem es erlaubt war, unser Quartier zu verlassen. Auf unserem Balkon haben wir verschiedene Tomaten und Erdbeeren angepflanzt und die Kinder haben diese mit viel Freude täglich geerntet. 
 
Normalerweise haben wir regelmässig Unterstützung von unseren Eltern, was jetzt komplett weggefallen ist. Die Kinder haben ihre Grosseltern sehr vermisst. Und ich habe ein schlechtes Gewissen, wie viele Filme unsere Jungs geschaut haben. Aber anders hätten wir es nicht geschafft. 

Weihnachten steht vor der Tür: Wissen Sie schon, wie Sie feiern werden?

Wir feiern Weihnachten unter uns, wir werden weder verreisen noch Leute einladen. Wir haben einen Baum gekauft, den wir am 24. schmücken. Zudem haben wir viel Zeit darauf verwendet, Secondhand-Spielzeug zu finden für die Kinder mit einem vernünftigen ökologischen Fussabdruck. Ich habe mir vorgenommen, ein feines Weihnachtessen zu kochen und werde mit den Kindern noch ein Lebkuchenhaus basteln. Ich bin stolz auf mich – ich habe wirklich nicht viel Zeit und Energie und freue mich, dass ich doch so viel geschafft habe an Weihnachtsstimmung zuhause. 

William will dann via Skype ein Klavierkonzert geben für den Rest der Familie. Eigentlich hätten wir gern einen etwas weiteren Ausflug unternommen und das würde grundsätzlich auch gehen von den Auflagen her. Dieses Vorhaben übersteigt aber mein aktuelles Energie-Level bei weitem.  

Wie nah ist Corona? Waren Sie selber schon in Quarantäne? Wie beschäftigen sich Ihre Kinder zuhause?

Wir haben uns grosse Sorgen gemacht, was passiert, wenn uns das Virus erwischt. Wir haben keine Familie hier in der Umgebung und wussten nicht, wer sich um die Kinder kümmern konnte, sollten wir beide krank werden. Wir haben uns mit anderen Eltern abgesprochen, dass wir gegenseitig uns um unsere Kinder kümmern würden, sollte jemand hospitalisiert werden müssen. Doch ich habe mir trotzdem Sorgen gemacht: Wie sollte das gehen – meine Kinder schlafen noch nicht einmal alleine ein, geschweige denn bei einer «fremden» Familie? 
Wir waren also übervorsichtig und haben uns dann doch angesteckt. Wir vermuten, dass Marcel das Virus von der Krippe mit nach Hause gebracht hat, wissen es aber nicht sicher. Die Jungs sind nicht getestet worden, da sie keine Symptome hatten. Sobald Kinder, auch Babies, hier aber Symptome haben, werden auch sie getestet. Zum Glück ist niemand ernsthaft krank geworden. Wir Erwachsenen hatten Symptome und waren sehr erschöpft. Wir haben es geschafft, indem wir uns abgewechselt haben in der Kinderbetreuung und mit viiiel Netflix. 

Was wünschen Sie sich für 2021?

Ich habe zwei Wünsche fürs 2021. Für die Kinder und deren Grosseltern wünsche ich mir, dass sie sich wieder küssen und umarmen können. Für die Welt wünsche ich mir, dass sie nicht zum Vor-Corona-Zustand zurückkehrt. Ich denke, viele Leute haben ihre Prioritäten dieses Jahr neu gesetzt. Ich hoffe, dass möglichst vielen dieser Leute weiter achtsamer zu leben und einen ökologisch besseren Fussabruck hinterlassen zu wollen. So dass dieses Covid-Jahr der Drehpunkt für eine bessere Zukunft für unsere Kinder werden möge!  
Lesen Sie in Teil 11 unserer Serie Familien im Corona-Alltag auf der ganzen Welt, wie die Situation in China aussieht. Alle bisher erschienen Familienporträts können Sie hier nachlesen: Familien und Corona weltweit. 

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