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Hilfe ohne Mahnfinger

Lesedauer: 5 Minuten

Eltern und Lehrpersonen von verhaltensauffälligen Kindern stossen oft an ihre Grenzen. Unterstützung bietet eine sogenannte Multifamiliengruppe. Drei Schulpsychologinnen geben Einblick in ihre Arbeit mit einer Gruppe in Zürich. 

Text: Stefanie Rietzler und Fabian Grolimund
Bild: Cortis&Sonderegger / 13 Photo

Es ist ein früher Donnerstagabend in einer Zürcher Primarschule. Im Gebäude ist Ruhe eingekehrt, nur in einem Klassenzimmer herrscht noch Betrieb. Acht Kinder und ihre Eltern treffen sich – wie jede Woche – mit den Schulpsychologinnen Catrina Hew, Maja Breitenmoser und Sonja Gassmann. Den meisten dieser Kinder droht der Ausschluss aus der Regelschule. Manche von ihnen stören täglich den Unterricht, sind laut, hibbelig und impulsiv, andere haben Wutausbrüche, geraten mit Mitschülerinnen, Mitschülern und Lehrpersonen in Konflikt und verweigern die Mitarbeit. Wiederum andere sind so anhänglich und unselbständig, dass sich die Lehrpersonen fast nicht mehr auf die Klasse konzentrieren können.

Viele dieser Auffälligkeiten kennen die Eltern auch aus dem eigenen Familienalltag. Doch sie fühlen sich damit oft alleingelassen. Sie haben kaum jemanden, mit dem sie über die Schwierigkeiten ihres Kindes und die vielen negativen Rückmeldungen aus der Schule reden können. Hier in der Multifamilien­gruppe finden sie einen Ort, an dem sie diese Probleme angehen können – gemeinsam mit anderen Familien und einer professionellen Begleitung durch drei therapeutisch ­ausgebildete Schulpsychologinnen. Ziel ist es, die schulische Situation betroffener Kinder zu verbessern, indem die Zusammenarbeit zwischen Eltern und Lehrpersonen erleichtert und die Lehrkräfte entlastet werden. Die Gruppe soll den Müttern und Vätern ausserdem ­helfen, ihre Erziehungskompetenzen und die Bindung zum Kind zu stärken.

Vom Gegeneinander zum Miteinander: das Schulfenster

Eine kurze Achtsamkeitsübung läutet den Abend ein. Alle lauschen gemeinsam einem Gong, bis er verklungen ist. Einzelne Kinder rutschen unruhig auf dem Stuhl herum, eines kichert – aber genau diese Rituale geben Sicherheit.

Eltern und Kinder ­finden in der ­Multifamiliengruppe ­einen Ort, an dem sie Probleme gemeinsam angehen können.

Nun, da ein wenig Ruhe einkehrt, ist es Zeit für das «Schulfenster»: Wie jede Woche haben die Lehrpersonen der mitwirkenden Kinder den Gruppenleiterinnen vorab mitgeteilt, was vergangene Woche in der Zusammenarbeit mit dem jeweiligen Kind besonders erfreulich oder schwierig war und wie die Schule darauf reagiert hat. Reihum hören sich Kinder und Eltern nun diese Rückmeldungen an, freuen sich über die Anerkennung sowie den Applaus der Gruppe für das Gelungene. Im Hinblick auf die schwierigen Momente überlegen alle gemeinsam, was dem betreffenden Kind zukünftig dabei helfen könnte, anders zu reagieren.

«Für Lehrpersonen von Kindern mit schwierigem Verhalten ist es ganz wichtig, zu spüren, dass auch die Familie etwas unternimmt», sagt Catrina Hew. «Durch die wöchentlichen Rückmeldungen aus der Schule kommt die Kommunikation wieder ins Rollen, es entsteht neues Vertrauen zwischen Eltern und Schule. Die Lehrkräfte fühlen sich unterstützt und haben dadurch oft wieder mehr Geduld und Ausdauer mit den Kindern.»

Bild: Cortis&Sonderegger / 13 Photo

Die Gruppenleiterinnen moderieren die Kommunikation auf beiden Seiten. Den Eltern helfen sie, die Rückmeldungen der Schule anzunehmen, ohne vorschnell in eine Verteidigungshaltung zu geraten oder vor lauter Scham zu erstarren. Hierbei wirkt auch die Gruppe unterstützend. «Ich dachte, mein Kind sei das schlimmste im ganzen Schulkreis», erzählt eine Mutter. «Hier sehe ich, dass es noch andere Familien gibt, denen es ähnlich geht.» Parallel beraten die Schul­psychologinnen die Lehrpersonen darin, wie sie mit den Auffälligkeiten der Kinder umgehen und die Kommunikation mit den Eltern konstruktiver gestalten können.

Für schöne Momente sorgen

Nach einem auflockernden Gruppenspiel dürfen sich Eltern und Kinder auf Beziehungszeit freuen: Mal werden gemeinsam Plätzchen verziert, ein andermal verkriecht sich Mama oder Papa mit dem Kind unter einer Kuscheldecke und liest ihm im Taschenlampenschein eine Geschichte vor. In vielen Familien sind solche Momente durch vielfältige Probleme verloren gegangen. Für manche Eltern ist es auch neu und ungewohnt, Nähe zum Kind zuzulassen und mit ihm zusammen zu sein, ohne ständig korrigierend und erziehend einzugreifen. Später erzählen die Eltern oft, dass sie ­diese Aktivitäten zu Hause wieder aufgegriffen hätten, manche bringen sogar Fotos davon mit.

Für manche Eltern ist es neu und ungewohnt, Nähe zum Kind zuzulassen, ohne ­ständig korrigierend und ­erziehend einzugreifen.

Während die Kinder im Anschluss an die Beziehungszeit mit einer Begleitperson nach draussen stürmen, rücken die Eltern für die Austauschrunde näher zusammen. «Eltern erziehen meist so, wie sie selbst erzogen wurden, oder versuchen alles komplett anders zu machen, als sie es selbst erlebt haben», erklärt Schulpsychologin Hew. In der Gruppe wird das gemeinsame Reflektieren und Voneinanderlernen daher grossgeschrieben. Heute steht das Thema Schimpfen auf dem Programm. Die Mütter und Väter tauschen sich darüber aus, wie sie erzogen wurden und wie sie dies beeinflusst hat: Wurde oft mit ihnen geschimpft? Wie haben sie sich dabei gefühlt? Inwiefern hat ihnen das geholfen, ihr Verhalten zu ändern?

Währenddessen kommen die Kinder draussen zusammen. Aus einem Stapel von Bildern dürfen sie eines auswählen, das zeigt, wie sie sich fühlen, wenn Mama oder Papa mit ihnen schimpft. Die Eltern bekommen später die Aufgabe, zu raten: Welches Bild hat mein Kind ausgewählt und wieso? «Das bringt die Eltern zum Nachdenken: Wie fühlt sich wohl mein Kind, wenn ich dauernd mit ihm schimpfe?», sagt Gruppenleiterin Maja Breitenmoser. Eine Mutter ist irritiert über die Bildauswahl ihrer Tochter: Das Bild zeigt ein Fenster. «Wenn Mami schimpft, ist das für mich, als würde sie mich gleich aus dem Fenster werfen», klärt die Tochter auf.

Multifamilienarbeit – Rituale für den Alltag

Die Theorie und die Technik der Multi­familienarbeit (MFA) basieren hauptsächlich auf den Prinzipien der Systemischen Beratung und Therapie, die durch tiefenpsychologische Elemente ergänzt werden. In einer Gruppe besteht die ­Möglichkeit, schulische und familiäre Probleme differenzierter zu bearbeiten, da die Mitglieder der anderen Familien neue und andere Perspektiven einbringen. Dies vor allem dann, wenn sie mit ähnlichen Schwierigkeiten zu kämpfen haben.

Eine innovative Form von MFA ist das Familienklassenzimmer oder eine Multifamiliengruppe in der Schule. Hier werden in erster Linie Verhaltens- und Lernprobleme angegangen. Ziel ist, dass Kinder, die in der Schule aufgrund ihres Verhaltens Schwierigkeiten haben, lernen, ihren Schulalltag zu bewältigen. Kernelemente sind die Stärkung der Eltern-Kind-Beziehung, die Förderung der elterlichen Erziehungskompetenz sowie die Verbesserung der Kommunikation sowohl innerhalb der Familie wie auch mit der Schule.

In manchen Schulen arbeiten – wie im geschilderten Beispiel an der Zürcher Primarschule – psychotherapeutisch geschulte Fachpersonen mit Eltern und Kindern zusammen und stehen in engem Austausch mit den Lehrkräften. Andernorts unterrichtet eine Lehrperson an einem halben Tag pro Woche sechs bis zehn Schüler/innen im Beisein eines Elternteils. Zusätzlich zur Lehrperson befinden sich zwei MFA-Coaches im Klassenzimmer, die mit den Eltern arbeiten und den Unterricht durch typische Übungen aus der Multifamilienarbeit erweitern. Manchmal finden die Gruppentreffen am späteren Nachmittag, frühen Abend oder am Samstagmorgen statt, sodass auch berufstätige Eltern teilnehmen können.

Mehr Informationen gibt es auf: www.multifamilienarbeit.ch

Die Gruppe als Ressource

n der Gruppe wird aber nicht nur reflektiert, sondern auch geübt, wie man in schwierigen Situationen reagieren kann. Als ein Kind bei einer Übung nicht mitmachen will und einen Wutanfall bekommt, erstarrt seine Mutter. Es ist ihr peinlich, dass ihr Kind so ausrastet. Anstatt sie damit allein zu lassen oder als Leitung zu intervenieren, wird die Gruppe mobilisiert. «Das ist eine schwierige Situation», sagt Sonja Gassmann – und fragt in die Runde: «Was könnte jetzt helfen?» Kinder und Erwachsene denken mit und generieren Ideen, manchmal flüstert eine der Leiterinnen dem überforderten Elternteil zu, was er oder sie nun tun könnte.

«Wir sind ein Labor, in dem Familien experimentieren und lernen können – und dabei eine Wertschätzung erfahren, die nicht an Bedingungen geknüpft ist. Störungen nehmen wir als Chance wahr», fasst Breitenmoser zusammen. «Wir möchten einander liebevoll helfen, wenn es schwierig wird. Dazu gehört die Haltung, dass wir alle beteiligten Familien aufrichtig gernhaben und davon ausgehen, dass sie alle es gut machen wollen.» Auch für die Besucher wird diese Haltung an jenem Abend deutlich spürbar.

Stefanie Rietzler und Fabian Grolimund
sind Psychologen und leiten die Akademie für Lerncoaching in Zürich. Die beiden eint der Wunsch, dass Kindergarten und Schule Orte sind, wo sich Kinder, Eltern und Lehrpersonen wohl fühlen und voneinander lernen können.

Alle Artikel von Stefanie Rietzler und Fabian Grolimund

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