Mediennutzung
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Kommen wir zurück zur 13-jährigen Tochter. Sie möchte nun zum Thema Lego influencen. Wie unterstütze ich sie dabei?

Als Erstes sollte man sich vergleichbare Accounts anschauen. Da gibt es grossartige Sachen. Dann sollte man sich überlegen, was sie anders, ähnlich, neu machen kann. Stellt sie sich selbst in den Fokus oder bleibt sie im Hintergrund? Macht sie aufwendige Filme oder arbeitet sie vor allem mit Bildern? Gibt sie Tipps oder stellt sie Aufgaben? Dann geht es ums Vernetzen mit Menschen, die dasselbe interessiert, produzieren, online stellen. In all dem kann man sie konstruktiv begleiten. Und auch darin, aufzuzeigen, wo sie aufpassen muss – beispielsweise wenn jemand nach Fotos oder der Adresse fragt.

Das hört sich nach einem ziemlich grossen Aufwand an!

Ganz bestimmt. Es geht nicht nur um technische Dinge wie Licht, Kameraführung und Schnitt. Sondern auch um Inhalte. Und es ist auch gut, dass Kinder und Jugendliche das sehen. Trotzdem kann es Spass machen und zu einem gemeinsamen Hobby innerhalb der Familie werden. Wichtig finde ich grundsätzlich, dass man einen konstruktiven Umgang mit diesen neuen Medien pflegt. Es reicht eben nicht mehr, dazusitzen und zu sagen: «Gefährliche Medien, böse Menschen, und sowieso sind die Pädophilen überall!» Wir müssen aktiv werden. Und klar ist das viel Arbeit. Das sag ich aus professioneller Perspektive und als Mutter.
Fritz+Fränzi-Autorin Jana Avanzini mit Ulla Autenrieth (rechts). Die Elternsicht auf kindliche Mediennutzung sei geprägt von Klischees und Vorurteilen, sagt die Expertin.
Fritz+Fränzi-Autorin Jana Avanzini mit Ulla Autenrieth (rechts). Die Elternsicht auf kindliche Mediennutzung sei geprägt von Klischees und Vorurteilen, sagt die Expertin.

Apropos Gefahren: Immer wieder wird thematisiert, dass auf den sozialen Medien alle perfekt zu sein scheinen. Wie bewerten sie den Druck, der dadurch auf die Jugendlichen wirkt?

Ich beschäftige mich seit über zehn Jahren mit dem Thema und möchte deshalb etwas vorwegnehmen. Erinnern wir uns an die Anfänge von Social Media, als es hiess: Hilfe, die Jugendlichen stellen nur peinliche Fotos von sich online. Halbnackt, betrunken, die bekommen deshalb keinen Job mehr. ­Heute ist das kein Thema mehr. Heute ­zeigen sie nur ihre guten Seiten, sie haben es sozusagen «endlich kapiert». Doch jetzt kommen die Erwachsenen und sagen: Das ist ja alles nur Fassade. Die stellen sich alle viel zu positiv dar. Dabei könnte man ebenso sagen: Diese Entwicklung hin zur positiven Selbstdarstellung zeigt die Lernerfahrungen und Professionalisierung der Jugendlichen in den sozialen Medien.

Trotzdem ist das Thema Druck sehr präsent. Weiss man, wie sich diese Darstellungen von Makellosigkeit, Attraktivität und Luxus auswirken?

Man traut den Jugendlichen auch hier zu wenig zu. Der Einfluss der sozialen Medien wird überschätzt und die Lernerfahrung unterschätzt. Wenn man Jugendliche befragt, wird klar, dass ihnen definitiv bewusst ist, dass viel inszeniert ist und dass im Freundeskreis andere Probleme den Alltag beeinflussen.
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«Die Entwicklung hin zur positiven Selbstdarstellung zeigt doch die Lernerfahrung der Jugendlichen in den sozialen Medien.»
Ulla Autenrieth

Experten empfehlen, Kinder ab ­Kindergartenalter an digitale ­Medien heranzuführen. Wie soll das gehen?

Klar ist: Die Eltern sind oft mit dem Smartphone beschäftigt und die Kinder deshalb neugierig. Man sollte sie deshalb altersgemäss einbeziehen. Wichtig ist, zu besprechen, was ich mir anschaue, wie lange, weshalb.Wem schicke ich welche Bilder und wann lege ich das Smartphone auch mal ganz weg? Schon Kleinkinder verstehen, dass man mit den Grosseltern skypen oder ihnen Fotos schicken kann. Man kann das gemeinsam tun und zum Beispiel auch Emojis anschauen und diskutieren, was sie bedeuten. Es gibt auch tolle Bilderbuch-Apps für Kleinkinder oder solche, mit welchen man Buchstaben lernen kann. Mediennutzung ist nicht gleich Mediennutzung.

Aber was, wenn mein Teenager stunden­lang durch Instagram scrollt?

Wenn er darüber hinaus noch viel anderes macht, wenn er aktiv am Leben teilnimmt und dieses «Scrollen» zwischendurch als Entspannung nutzt, so wie wir Erwachsenen auch, sehe ich kein Problem. Wenn er jedoch kaum noch rausgeht und an anderen Dingen keine Freude zeigt, dann sollte man dieses Verhalten ansprechen. Wichtig ist auch, Alternativen anzubieten. Gemeinsames Wandern, Ausflüge ins Museum oder in den Tierpark, einen Kurs oder ein Hobby. Ein blosses «Lass das!» zeigt keine Wirkung. Auch in diesem Fall sollte man bei sich als Vorbild anfangen, man merkt dann schnell, wie schwer es ist, die eigenen Mediennutzungsregeln einzuhalten.
«Ich finde es eine krasse Haltung, wenn man es verteufelt, Kinderfotos online zu stellen.»
Ulla Autenrieth

Wie kritisch sehen Sie Influencer, die ihre Kinder zeigen und vermarkten?

Hier geht es um die grundsätzliche Frage, ob man Kinderfotos online stellen darf oder nicht. Oft sind Kinder für ihre Eltern ein grosser Teil ihres Lebens. Und zeigen sie ihr Leben, gehört auch das Kind dazu. Aber Kinder zeigen ist nicht gleich Kinder zeigen. Man kann beispielsweise nur die Hand, den Hinterkopf oder das Kind von Weitem zeigen. Grundsätzlich finde ich es eine krasse Haltung, wenn man es verteufelt, Kinderfotos online zu stellen. Was würde es bedeuten, wenn Kinderfotos nicht mehr gezeigt werden dürften? Zudem haben Nachfragen bei Kindern gezeigt, dass sie auch sichtbar sein möchten und teilweise enttäuscht sind, wenn sie nicht auftauchen. Sie fragen sich: War ich nicht dabei? Haben wir nichts Tolles unternommen? Bist du nicht stolz auf mich, oder war ich dir gar peinlich?

Peinlich ist ein gutes Stichwort. Oft wird kritisiert, Eltern würden peinliche Fotos ihrer Kinder online stellen.

Es wird hier immer sehr in Extremen argumentiert. Die zur «Veranschaulichung» gezeigten Beispiele stammen häufig von Stockbild­agenturen, also aus dem bereits erwähnten «professionellen» Kontext. Eltern wollen ihr Kind grundsätzlich ja nicht unvorteilhaft zeigen oder blossstellen. Natürlich ist die Darstellung teilweise eine Geschmacks- und Einstellungsfrage. Wie so vieles bei der Verantwortung für Kinder: Stoff­windeln oder nicht, vegan oder nicht, impfen oder nicht? Es ist ein Minenfeld.

Mehr lesen zum sinnvollen Umgang mit dem Smartphone: 

  • Frau Willemse, wie viel Smartphone ist zu viel?
    Allgemeingültige Regeln zum Medienkonsum gebe es kaum, sagt Medienpsychologin ­Isabel Willemse. Damit Kinder einen bewussten Umgang mit dem Smartphone lernen, ­seien Eltern doppelt ­gefordert: Sie müssten den eigenen Mediengebrauch ­reflektieren und die Kinder bei ihrer ­Nutzung aufmerksam begleiten. 

  • Neue 3-6-9-12-Empfehlung für Bildschirmzeit
    Als der Psychoanalytiker Serge Tisseron im Jahre 2008 die 3-6-9-12-Regel erfand, die die Bildschirmzeit in bestimmten Altersstufen limitieren sollte, hat er noch an den Fernseher gedacht. Seine aktualisierten Regeln sind weniger strikt, weil Bildschirme im Familienalltag omnipräsent sind.


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