Desktop junge am pc gamen l
Mediennutzung

«Computerspiele bergen ein ähnliches Suchtpotenzial wie Alkohol und Nikotin» 

Die meisten Jugendlichen haben einen gesunden Umgang mit Computerspielen. Wie Eltern ­reagieren sollten, wenn ihr Kind aber immer mehr Zeit vor dem Bildschirm verbringt, erklärt Franz Eidenbenz vom Zentrum für Spielsucht und andere Verhaltenssüchte Radix.
Interview: Falco Meyer

Herr Eidenbenz, was können Eltern tun, wenn sie feststellen, dass ihr Kind Freunde und Hobbys vernachlässigt und nur noch gamen will?

Die Spielzeiten müssen geregelt und begrenzt werden. Das ist meist mit Konflikten verbunden. Die wichtigste Regel lautet: Eltern müssen dafür sorgen, dass ihre Kinder genug Schlaf bekommen. Und zwar indem sie die Computerspielzeit am Abend begrenzen. Wichtig ist auch, dass die Jugendlichen den Bildschirm eine halbe Stunde vor dem Einschlafen ausschalten. Denn Computerspiele sind aufregend und das Licht des Bildschirms hat viele Blau­anteile, die aktivieren und wach halten. Wenn die Kinder und Jugendlichen wieder ausreichend viel schlafen, bekommen sie eher alles unter einen Hut: Schule, Freunde, Hobbys, familiäre Verpflichtungen und das Gamen.
Franz Eidenbenz ist Leiter Behandlung des Zentrums für Spielsucht und andere Verhaltenssüchte Radix in Zürich. Foto:zVg
Franz Eidenbenz ist Leiter Behandlung des Zentrums für Spielsucht und andere Verhaltenssüchte Radix in Zürich. Foto:zVg

Wann ist es an der Zeit, professionelle Hilfe zu holen?

Wenn eine Familie merkt, dass sie das Problem nicht alleine lösen kann, wenn die Eltern nicht mehr weiterwissen. Viele Mütter und Väter, die zu uns kommen, haben das Gefühl, sie hätten versagt, weil sie das Spielverhalten ihrer Kinder nicht alleine steuern konnten. Wenn sich jedoch Eltern Hilfe suchen, zeigen sie damit, dass es ihnen wichtig ist, wie es den Kindern geht, und dass sie bereit sind, etwas für die Zukunft ihrer Kinder zu tun. Meist ist es am besten, wenn sie mit dem Jugendlichen zusammen den ersten Schritt unternehmen. Anlaufstellen dafür sind regionale Sucht- oder Jugend­beratungsstellen. Sie können helfen und wenn nötig an eine weitere spezialisierte Stelle verweisen. 

Wie gehen Sie im Zentrum Radix vor?

Beim ersten Treffen sitzen wir mit der Familie zusammen und schauen, wie sich das Problem darstellt: Wie oft spielt der Jugendliche? Welche anderen Tätigkeiten leiden darunter? Trifft er sich noch mit seinen Freunden? Macht er seine Hausaufgaben? Und so weiter. Dann fangen wir an, zusammen mit der Familie Regeln aufzustellen. Oft sind das Zeitbegrenzungen fürs Gamen. Manchmal reichen vier bis fünf Sitzungen, manchmal braucht es länger. Wichtig ist, dass die Familie mitmacht. Denn die Jugendlichen selber haben oft kein ausgeprägtes Problembewusstsein. Sie finden: Ich spiele ja nur ein bisschen, das machen andere auch. Wenn die Eltern dann sagen: «Wir haben ein Problem, und wir möchten es gerne zusammen lösen, und dafür ist es notwendig, dass du mitkommst», können die Jugendlichen das besser annehmen und verstehen. Sie machen dann für die Eltern mit. 

Nun gibt es seit diesem Jahr die neue Diagnose «Internet and Gaming Disorder» im Diagnosemanual für psychologische Störungen. Was halten Sie davon?

Es gibt unterschiedliche Meinungen dazu. Die Forschung zeigt, dass Computerspiele ein erhebliches Suchtpotenzial mit sich bringen und für einen Teil der Nutzer gefährlich sind. Die Gamesucht ist vergleichbar mit stoffgebundenen Süchten wie Alkohol oder Nikotin, auch was die Schwierigkeit betrifft, damit aufzuhören. Insofern ist die Diagnose gerechtfertigt. Für viele Eltern ist es zudem hilfreich, zu wissen, dass ihr Kind eine Sucht hat. Dann ist es nicht einfach faul und undiszipliniert, sondern in gewissem Sinn krank und hilfsbedürftig. 
Anzeige

0 Kommentare

Zugehörige Tags

Hat Ihnen unser Artikel gefallen? Unterstützen Sie unser Engagement für Eltern mit einer Spende!

Diesen Artikel kommentieren