Wie Mobbing entsteht

Beschimpft, gedemütigt, ausgelacht: Mobbing fügt Kindern grosses Leid zu. Egal ob es in den sozialen Medien oder im Klassenzimmer stattfindet. Doch wie kann es überhaupt dazu kommen? Und welche Rolle spielen Mitschüler und Lehrpersonen?
Wie kommt es in einer Klasse zu Mobbing? Was bietet einen Nährboden dafür? Und warum wird es oft so spät erkannt? Klar ist: Mobbing geschieht meist in heterogenen, geschlossenen Gruppen wie es Schulklassen sind. Man kennt sich zwar, aber es besteht wenig Zusammenhalt untereinander. Das ermöglicht den einzelnen Mitgliedern eine klare Rollenzuteilung und dem Opfer, insbesondere in der Schule, kaum Ausweichmöglichkeiten. Bei Mobbing geht es um Macht: Zwischen dem Mobbingopfer und dem Täter beziehungsweise den Tätern, besteht immer ein Ungleichgewicht. 

Dieses kann aufgrund kognitiver, physischer oder sozialer Eigenschaften, aber auch aufgrund vieler Helfer oder Assistenten, die den Täter unterstützen, bestehen. Diese helfen tatkräftig mit, in dem sie das Opfer ebenfalls blossstellen oder auslachen.  Sie amüsieren sich auf Kosten des Opfers, ohne sich bewusst zu sein, dass sie ihm schaden. Diese Assistenten, auch Möglichmacher oder Mitläufer genannt, gelangen durch die Nähe zum Täter zu gewissem Ansehen und Einfluss. Gleichzeitig können sie viel Verantwortung an den Haupttäter abgeben und haben die Gewissheit, nicht auch gemobbt zu werden. 

Mobbing geschieht meist in heterogenen, geschlossenen Gruppen wie es Schulklassen sind.
Andere Kinder wiederum schauen dem Mobbing passiv zu, was klar verstärkend wirkt, da der Täter sich in seinem Verhalten legitimiert fühlt. Realisiert er, dass sein Verhalten zwar nicht gutgeheissen wird, aber trotzdem niemand etwas dagegen unternimmt, spürt er seine Macht deutlich. Da das Mobbingopfer bestimmt ist, fühlen sich die Verstärker, genauso wie die Assistenten, sicher, nicht selbst Opfer zu werden. 

Dossier Mobbing

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Dieser Artikel gehört unserem Online-Dossier zum Thema Mobbing und Cybermobbing. Erfahren Sie mehr darüber, wie Mobbing entsteht und was Sie als Eltern tun können. 


Oft gehört ein Grossteil der Klasse zur Gruppe der Verstärker. Dabei handelt es sich um Kinder, die sich nicht für die eine oder andere Seite entscheiden können, die zwischen Sympathie für den Täter und Mitleid für das Opfer hin- und hergerissen sind. Einerseits spüren sie eine gewisse Genugtuung, wenn andere geplagt werden, andererseits getrauen sie sich nicht, sich für das Opfer stark zu machen, da sie befürchten, selbst Mobbingopfer zu werden.

Verstärker fühlen sich häufig unter grossem Gruppendruck, da sie nicht alleine dastehen wollen. Aus diesen Gründen haben sie im Mobbingprozess eine zentrale Rolle inne. Durch sie kann Mobbing zu enormen Dimensionen gelangen, ohne dass jemand den Prozess unterbricht. 

Ein gemeinsamer Feind schafft Verbundenheit

Ein Klassenklima, welches von fehlenden klaren Regeln geprägt ist, sowie von einer konfliktscheuen und wenig engagierten Lehrperson, die aggressives Verhalten toleriert, begünstigt Mobbing. Zusätzlich existiert möglicherweise in einer Klasse ein Sozialgefüge, das nicht ohne Opfer auskommt. Der Zusammenhalt ist im Grunde schwach, doch ein gemeinsamer Feind schafft eine gewisse Verbundenheit. 

Der Täter wählt sein Opfer meist bewusst aus. Typische Mobbingopfer  sind Schüler und Schülerinnen, die sich durch eine Behinderung, Sprachauffälligkeit, körperliche Eigenarten oder eine nicht im Modetrend liegende Kleidung vom Rest der Klasse abheben. Auch unsichere und ängstliche Kinder sind gefährdet. Häufig gibt es aber auch einen unterschwelligen Konflikt und Feindseligkeiten in der Klasse. 

Ist das Opfer ausgewählt, geht es darum, zu experimentieren, wie weit die in der Klasse geltenden Normen verletzt werden können. Ob solche Mobbingattacken fortgeführt werden oder nicht, entscheiden die Reaktionen der verschiedenen Mitschüler und Mitschülerinnen.

Können die Attacken fortgeführt werden und sind die Rollen verteilt, werden die sozialen Klassennormen durch die Täterschaft neu definiert. Die Angriffe auf das Opfer werden immer mehr als normal und gerechtfertigt empfunden.  Sie können verbal, non-verbal (durch Gestik) oder physisch durch Formen körperlicher Gewalt oder Schädigung des Eigentums erfolgen. Oft werden die Angriffsformen auch vermischt. In jedem Fall haben sie die klare Absicht, dem Opfer Schaden zuzufügen. 

Die Gewaltspirale durchbrechen

Das Ansehen des Opfers wird gezielt beschädigt und die Kommunikation mit den anderen Kindern behindert. Während der Täterschaft durch die Machtdemonstration immer mehr Anerkennung zukommt, wird das Opfer zunehmend isoliert und in die Aussenseiterrolle gedrängt. Meist schämen sich die gemobbten Kinder, Aussenseiter zu sein und vertrauen sich weder Eltern noch Lehrpersonen an. Manchmal möchten sie ihren Status auch sich selbst nicht eingestehen oder sie erkennen ihn gar nicht erst. Dies zeigt, wie schwierig es für aussenstehende Erwachsene ist, die missliche Situation und das immense Leid des Kindes aufzudecken. 
Während der Täterschaft durch die Machtdemonstration immer mehr Anerkennung zukommt, wird das Opfer zunehmend isoliert und in die Aussenseiterrolle gedrängt.
Untersuchungen zeigen, dass die Verantwortung, die jedes einzelne Kind aus der Tätergruppe trägt, abnimmt, je mehr Kinder Gewalt gegen ein einzelnes Opfer anwenden. Dies steht im Gegensatz zu einem Einzeltäter, der die Verantwortung alleine trägt. Anhaltendes Mobbing (manchmal über Jahre!) entwertet das Opfer in den Augen des sozialen Umfeldes immer mehr und schliesslich werden die Attacken sogar als gerechtfertigt angesehen. Niemand möchte mehr etwas mit ihm zu tun haben.

Da das Opfer gleichzeitig vermehrt beobachtet wird, wird es noch unsicherer und macht dadurch weitere Fehler. Ein Teufelskreis! Eine Auflösung ohne Erwachsene ist praktisch unmöglich. Doch achtzig Prozent der Lehrpersonen realisiert nicht, dass Mobbing vonstatten geht. Von den zwanzig Prozent, die es realisieren, greift allerdings nur einen Fünftel ein. Gründe für das Nichteingreifen der Lehrpersonen können die folgenden sein:  Sie unterschätzen die Notsituation, wissen nicht, wie geholfen werden kann oder geben dem Kind eine Mitschuld. 

Klare Regeln gegen Gewalt

Mobbingopfer verlieren ihren unangenehmen Status normalerweise nach dem Wechsel in eine neue Schule. Scheidet das Mobbingopfer aus einer Klasse aus, wird es jedoch meist durch einen neuen Sündenbock ersetzt. 


Doch könnte dem entgegen gewirkt werden, in dem  beispielsweise die Lehrperson gemeinsam mit der Klasse Regeln gegen Gewalt aufstellt. Dabei ist es wichtig, dass sich die Schüler und Schülerinnen an der Diskussion beteiligen und sich mit dem Thema auseinandersetzen. Kinder sollen selbst Vorschläge und Ideen ausarbeiten, wie man Ausgrenzung bewusst entgegenwirken möchte, und diese in die Klasse einbringen.

Eine klare Regel könnte sein:  Wir mobben andere Kinder nicht! Oder: Wir geben uns Mühe, Schüler und Schülerinnen, die ausgegrenzt werden, einzubeziehen! Ziel der Diskussion ist es, das Mitgefühl für die Mobbingopfer zu wecken und zum Denken anzuregen.  Häufig sind Kinder und Jugendliche nicht in der Lage, selber Kontakt mit anderen aufzunehmen oder auf eine Kontaktaufnahme adäquat zu reagieren. 

Gerade mobbenden Kindern muss ihr Verhalten klar aufgezeigt werden, da sie sich oft nicht bewusst sind, wie schwerwiegend verletzend und belastend es für ihre Opfer ist. 
Alle Schüler und Schülerinnen werden verpflichtet, diese Regeln im Alltag zu leben, so dass sich langsam ein Verständnis für gewaltfreies Handeln einstellt. Gerade mobbenden Kindern muss ihr Verhalten klar aufgezeigt werden, da sie sich oft nicht bewusst sind, wie schwerwiegend verletzend und belastend es für ihre Opfer ist.

Auch mit Rollenspielen zu Gewaltsituationen lassen sich Reaktionsmechanismen ausgezeichnet aufzeigen. Diese veranschaulichen was sogenannt neutrale Schüler und Schülerinnen in solchen Situationen unternehmen können. Entsprechende Hinweise an Lehrpersonen sollten niemals als Petzen hingestellt werden. Denn ohne solche Andeutungen ist es für Lehrpersonen kaum möglich, Mobbing zu erkennen, da sie meist verdeckt stattfinden. 

Cybermobbing, häufig anonym und noch leidvoller

Während herkömmliches Mobbing, wie es in der Schule stattfindet, zu Hause endet, findet Mobbing in den sozialen Medien wie Mails, Chats oder Facebook, das sogenannte Cybermobbing, rund um die Uhr statt. Es lässt das Opfer niemals zur Ruhe kommen, was sein Leid um ein Vielfaches erhöht.

Cybermobbing kann sowohl eine Fortführung von Mobbing in der Schule mit einer bekannten Täterschaft sein oder auch als anonyme Machenschaften einzelner Schüler und Schülerinnen gegen andere vorkommen. Oft auch gegen Lehrpersonen. Untersuchungen zeigen, dass es eine Verbindung zwischen herkömmlichem Mobbing in der Klasse und in der virtuellen Welt gibt. 

Trotzdem ist das Opfer nie sicher, wer die entwürdigenden Gemeinheiten geschrieben oder auch gelesen hat. Das macht misstrauisch im Sinne von: Wenn Menschen in meiner Gegenwart lachen, lachen sie dann über mich? Abfällige Blicke und Handbewegungen: Gelten sie mir? Wenn man weiss, wie wichtig gesunde, soziale Interaktionen für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen sind, ist klar, dass Mobbing über längere Zeit für das betroffene Kind schwer auszuhalten ist.

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Die Mehrheit der Jugendlichen verbringt ihre Freizeit im Internet. Das Surfen in der virtuellen Welt ist für viele die liebste Freizeitbeschäftigung. Dazu gehört insbesondere die Kontaktpflege in sozialen Netzwerken. Speziell Mädchen dient das Chatten in den sozialen Netzwerken als ideales Mittel zum Austausch. Diese Form der Medien ist für die Jugendlichen der Inbegriff der Jugendkultur und stellt für sie sowie für Eltern und Lehrpersonen eine grosse Herausforderung dar.

Aus diesem Grunde ist eine Auseinandersetzung mit dem Medienverhalten unumgänglich. Studien belegen, dass ein Problembewusstsein bei den Jugendlichen für Cybermobbing vorhanden ist. Ihre Reaktion darauf ist jedoch sehr verschieden. Es gibt Jugendliche, die sich nach Mobbingangriffen im Internet abwenden. Andere schlagen virtuell zurück. Wieder andere werden ebenfalls zu Mobbing-Tätern. 

Der Film zur Aufklärungskampagne der Stiftung Elternsein.
Da die Täterschaft bei Mobbing im Internet häufig unerkannt bleibt, ist es für die Opfer fast unmöglich, ihre Gegenspieler ausfindig zu machen. Eine Lösungsmöglichkeit besteht darin, die E-Mail-Adresse oder die Handynummer zu ändern. Eine andere Möglichkeit besteht darin, den Internet-Provider zu veranlassen, die beleidigenden Beiträge zu löschen. Rechtlich sind diese dazu verpflichtet.

Mittlerweile haben die meisten sozialen Netzwerke ein Beschwerdesystem eingerichtet, damit man eine Löschung veranlassen kann. Doch auch wenn die Beleidigungen im Internet gelöscht worden sind, existieren sie in den Köpfen der Beteiligten häufig weiter und das Image des Opfers kann sogar dauerhaft beschädigt sein. Auch laden Benutzer und Benutzerinnen die demütigenden Bilder, Texte oder Videos häufig auf ihren privaten Computer herunter, wo eine Löschung durch Facebook und andere sozialen Netzwerke nicht mehr möglich ist. 

Wenn eine geschlossene Gruppe in einem Chat über jemanden herzieht, ist man chancenlos, dieses Mobbing aufzulösen. Ohne Einladung zum Chat erfährt das Opfer nicht, was hinter seinem Rücken abläuft. Anzeigen bei der Polizei sind nur sinnvoll, wenn die Mobber bekannt sind. 

Pädagogisches Konzept für den Umgang mit sozialen Medien

Aufgrund der grossen Unsicherheit im Umgang mit dem Internet empfiehlt es sich, frühzeitig mit der Einführung eines medienpädagogischen Konzeptes zu beginnen und dieses in den Schulunterricht einzubauen. Dabei steht an erster Stelle die Sensibilisierung für das Handhaben der eigenen Daten und Fotos. Dies ist in vielen Schulen bereits heute der Fall. Aber vor allem stehen die Eltern in der Pflicht, beim Kauf eines Handys oder Smartphones, ihre Kinder über die Gefahren in den sozialen Medien zu informieren und sie davor zu schützen.

Mobbing und Cybermobbing sind ernstzunehmende Gewaltformen, die ein Kind und einen Jugendlichen zerstören können. Auflösung von Mobbing ist ohne die Unterstützung von Erwachsenen praktisch unmöglich. Schauen wir deshalb genau hin! Gewähren wir unseren Kindern und Jugendlichen die Aufklärung und den Schutz, den sie verdienen!


Die 5 wichtigsten Erkenntnisse:

  • Es gibt keinen Ausweg aus dem Mobbing ohne die Hilfe von Erwachsenen.
  • Das Schweigen aller Betroffenen hält Mobbing aufrecht.
  • Es gibt keinen Unterschied zwischen Stadt und Land.
  • In jeder Klasse gibt es ein bis zwei Mobbingopfer und dazugehörende Täter oder Täterinnen. 
  • Es gibt keinen Einfluss von Schul- und Klassengrösse auf Mobbing.

10 Tipps an Lehrpersonen oder Eltern

  • Interessieren Sie sich für Ihr Kind und seine Aktivitäten und Freunde. 
  • Unterstützen Sie das Selbstwertgefühl des Kindes.
  • Fördern Sie das Mitgefühl des Kindes für seine Mitschüler und Mitschülerinnen.
  • Leben Sie einen wohlwollenden Umgang mit Menschen, Akzeptanz und Fairplay vor. 
  • Setzen Sie klare Grenzen bei Aggression und Gewalt gegen andere Kinder. 
  • Fördern Sie einen guten Klassenzusammenhalt und führen Sie regelmässig offene Klassengespräche durch.
  • Kein Smartphone ohne eine mediale Aufklärung seitens der Eltern.
  • Integrieren Sie die Medienprävention in die Klasse / Schule.
  • Nehmen Sie einen Mobbing-Verdacht ernst und sprechen Sie ihn an.
  • Wenden Sie sich bei Mobbing an die Schulsozialarbeit.

Mehr zur Autorin: 

Carmen Lahusen, Sozialpädagogin FH mit eigener Praxis,
Carmen Lahusen, Sozialpädagogin FH mit eigener Praxis, www.carmenlahusen.ch
Im Rahmen ihrer Bachelorarbeit «Mobbing unter Kindern und Jugendlichen im Schulkontext». Ein Bild über eine unterschätzte Gewaltform“ an der ZHAW, Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, hat sich Carmen Lahusen ausführlich mit dem Phänomen Mobbing und Cybermobbing beschäftigt. 


Weiterlesen zum Thema Mobbing: 


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