Psychologie

«Frau Stahl, wie wirken sich eigene Kindheitserfahrungen aufs Elternsein aus?»

Die Psychotherapeutin Stefanie Stahl hat einen Ratgeber darüber geschrieben, was die Gefühle von Eltern zu ihren Kindern beeinflusst. Ein Gespräch über Empathie, Kindheitserfahrungen und Selbstreflexion.
Interview: Julia Meyer-Hermann
Bild: Ana Francisconi / Pexels

Frau Stahl, gerade in stressigen Momenten hören Eltern sich manchmal Sätze sagen, die sie aus ihrer eigenen Kindheit kennen und eigentlich ablehnen. Woher kommt das?

Unser rationales Wissen darüber, wie Konflikte zu lösen wären, wird von starken Emotionen blockiert. Dann verfallen wir schnell in alte Muster, auch wenn wir sie nicht mögen. Es wäre daher hilfreich, herauszufinden, wo unsere blinden Flecken liegen, welche «Knöpfchen» es sind, deren Drücken uns triggert.

Ist nicht offensichtlich, was uns zu Tränen rührt, ängstigt oder wütend macht?

Wir sind wenig objektiv, was unsere Gefühle angeht. Wir interpretieren Situationen aufgrund eigener Erfahrungen und agieren entsprechend. Oft sind das Prägungen, die in die Kindheit zurückreichen und die uns gar nicht bewusst sind.
Stefanie Stahl ist Psychotherapeutin in Hamburg und Bestsellerautorin («Das Kind in dir muss Heimat finden»). Mit der Psychologin Julia Tomuschat hat sie kürzlich mit «Nestwärme, die Flügel verleiht» einen Ratgeber über Gefühle in der Eltern-Kind-Beziehung veröffentlicht.
Stefanie Stahl ist Psychotherapeutin in Hamburg und Bestsellerautorin («Das Kind in dir muss Heimat finden»). Mit der Psychologin Julia Tomuschat hat sie kürzlich mit «Nestwärme, die Flügel verleiht» einen Ratgeber über Gefühle in der Eltern-Kind-Beziehung veröffentlicht.

Haben Sie ein Beispiel für uns?

Ich habe in meiner Praxis einen Vater beraten, der mit seinem dreijährigen Sohn immer wieder wahnsinnige Machtkämpfe ausgetragen hat. Er hat seinen Sohn dabei lautstark angeschrien und empfand das selbst als unangemessen und nicht hilfreich. Trotzdem konnte er dieses Verhalten nicht ablegen, bis wir analysiert haben, was dahintersteckte. Er hatte das Gefühl, von ihm nicht respektiert zu werden, und das kannte er aus seiner eigenen Kindheit. Als Junge ist er von seinen Eltern oft übergangen und nicht wertgeschätzt worden. Sein Sohn hat diese alte Verletzung in ihm hochkommen lassen, deshalb hat der Vater so heftig reagiert. Nachdem ihm das bewusst war, konnte er mit den Trotzanfällen des Sohnes viel gelassener umgehen.

Aber ist es nicht auch authentisch, seinen Ärger zu zeigen? Muss ein Kind nicht lernen, welche Emotionen es auslöst?

Natürlich sollten Eltern deutlich machen, was sie wütend, traurig oder auch fröhlich macht. Authentisch zu sein, kann aber nicht bedeuten, dass man selbst wieder in sein Kindheits-Ich rutscht und ausflippt. Das ist einfach nur unreif.
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Gibt es immer einen Zusammenhang zwischen den eigenen Kindheitserfahrungen und den Elterngefühlen?

Nicht jede aktuelle Gefühlslage ist von der eigenen Kindheit beeinflusst, aber die frühen Erfahrungen prägen uns schon sehr. Wir kommen mit einem unfertigen Gehirn auf die Welt, und gerade in denersten Lebensjahren werden ganz viele synaptische Verschaltungen gebildet. Diese Prägungen wirken wie eine Art Brille mit einer leichten Wahrnehmungsverzerrung, durch die man später die Welt sieht. Es gibt natürlich Menschen, die derart positive Erfahrungen gemacht haben, dass sie später nicht mit alten Gefühlslasten kämpfen müssen und intuitiv vieles richtig machen als Eltern. Aber für alle Menschen, die etwas problematischere Bindungen und Situationen erlebt haben, ist es schon wichtig, sich zu fragen: Wie war das eigentlich bei mir daheim? Durch diesen Reflexionsprozess können schwierige Muster ganz gut aufgelöst werden und wir geben sie nicht an die eigenen Kinder weiter.

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