Psychologie
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Wie bekommen Frauen Aggressionen langfristig in den Griff? 

Doch auf was kommt es an, damit Frauen ihre Aggression und Gewalt langfristig in den Griff bekommen? Leena Hässig hat 30 Jahre lang mehrheitlich mit Frauen, aber auch mit Männern im Strafvollzug gearbeitet und ist seit fünf Jahren bei der Gewaltberatung Bern tätig – sie hat in diesem Bereich also viel Erfahrung. «Zunächst einmal sollen die Frauen selbst formulieren, worum es geht», berichtet sie. «Dabei geht es auch darum, dass sie Verantwortung für ihr Verhalten übernehmen.» Als Nächstes erarbeitet die Psychotherapeutin mit ihnen, welches Gefühl hinter der Gewalt steht: Ist es Angst, Hilflosigkeit, Trauer? Nun geht es darum, diese Gefühle in gesunde Bahnen zu lenken und zu lernen, wie man Konflikte anders – ohne Gewalt – lösen kann. «Hier erarbeite ich mit den Frauen neue Verhaltensweisen, die aus der Gewaltspirale hinausführen.» 
Oft ist es für die Frauen schon entlastend, zu wissen, dass auch andere Mütter mit ihren Kindern manchmal überfordert sind und es nicht notwendig ist, perfekt zu sein.», sagt Hässig. «So müssen die Frauen oft erst lernen wahrzunehmen, was sie selbst brauchen – zum Beispiel Ruhe und Entspannung.» Wichtig ist deshalb auch, dass sie lernen, Grenzen zu setzen. Wenn Opfer und Täterin noch in Kontakt stehen, bemüht Hässig sich immer darum, alle Beteiligten einzuladen und mit ihnen gemeinsam an der Problematik zu arbeiten. «Wie lange die Beratung dauert, richtet sich danach, wie viel Unterstützung die Frauen brauchen», so die Psychologin. «Bei anhaltenden Belastungen, etwa Arbeitslosigkeit oder finanziellen Schwierigkeiten, ist meist eine längerfristige Beratung sinnvoll.»

Massnahmen für eine Gesellschaft ohne Gewalt

Insgesamt wird Gewalt von Frauen in der Gesellschaft immer noch häufig tabuisiert – oder sehr emotional diskutiert. «Im Moment findet in der Schweiz aber eine Sensibilisierung für das Thema statt», berichtet Hässig. «Allerdings ist noch deutlich mehr Forschung zu den Hintergründen von weiblicher Gewalt notwendig – ebenso wie eine verstärkte Diskussion unter Experten, wie sich diese ausgestaltet und wie man sie wirksam verändern kann.» Wichtig seien auch Informations- und Aufklärungskampagnen, die das Thema in der Gesellschaft bekannter  machen.

«Dadurch könnte es Täterinnen wie Opfern leichter fallen, über ihre Erfahrungen zu sprechen und sich rechtzeitig Unterstützung zu suchen», betont Leena Hässig. Darüber hinaus sollten mehr Beratungs- und Therapieangebote geschaffen werden, die sich gezielt an Frauen richten. Wenn noch eine Beziehung zwischen Täterin und Opfer bestehe, sei es ausserdem wichtig, wann immer möglich alle Beteiligten in die Beratung einzubeziehen. «Auf diese Weise kann man die Prozesse aufdecken, die zur Gewaltspirale beitragen, und daran arbeiten, sie zu verändern», sagt die Gewaltberaterin. Hier spielen systemische Therapieansätze eine wichtige Rolle: Dabei wird Gewalt als ungünstige Form der Kommunikation betrachtet und versucht, sie durch günstigere Kommunikationsformen zu ersetzen.

Bei der Erziehung ansetzen

Aus Sicht von Hässig sollte auf gesellschaftlicher Ebene darauf hingearbeitet werden, für mehr Gleichstellung zwischen Männern und Frauen zu sorgen. Dies sei zum Beispiel eine Aufgabe des Eidgenössischen Büros für die Gleichstellung von Frau und Mann. So würden Frauen, die zu Gewalt greifen, oft unter diskriminierenden oder einengenden Bedingungen leben, die ihnen wenig Handlungsmöglichkeiten lassen würden. Schliesslich beginnt Gewaltprävention schon dort, wo Verhaltensmuster erst gelernt werden: in der Kindheit und Jugend. «Entscheidend ist, Kindern die Möglichkeit zu geben, gewaltfrei aufzuwachsen», betont Barbara Krahé.

«Dazu gehört, auf körperliche Bestrafung zu verzichten und angemessenes Verhalten zu belohnen statt unangemessenes zu bestrafen. Ausserdem sollten junge Menschen Fähigkeiten lernen, um in Beziehungen ohne Gewalt zurechtzukommen.» Auch wenn ein Kind nicht selbst Ziel der körperlichen oder psychischen Gewalt ist, ist es immer davon betroffen. «Das Miterleben von Gewalt stellt einen grossen psychischen Belastungsfaktor in der kindlichen Entwicklung dar», erklärt Leena Hässig. «Die Folgen der sozialen und der schulisch-kognitiven Kompetenzen sowie der körperlichen Gesundheit sind zum Teil gravierend. Das Erleben von Gewalt kann die Entwicklung des Kindes beeinträchtigen.»

* Namen geändert
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Kindsmisshandlungen in der Schweiz

Im Jahre 2017 wurden im neunten Jahr in Folge die Kinder erfasst, die wegen vermuteter oder sicherer Kindsmisshandlung ambulant oder stationär an einer schweizerischen Kinderklinik behandelt worden waren. In diesem Jahr konnten die Daten von 20 der insgesamt 31 Kinderkliniken oder Kinderabteilungen der Schweiz ausgewertet werden. Von den 20 Kliniken wurden insgesamt 1730 Fälle gemeldet, dies entspricht einer Zunahme von knapp 10 Prozent. In den verschiedenen Untergruppen ergaben sich folgende Zahlen:

  • Körperliche Misshandlung 453 (26,2 Prozent)
  • Psychische Misshandlung 663 (38,3 Prozent)
  • Vernachlässigung 337 (19,5 Prozent)
  • Sexueller Missbrauch 271 (15,7 Prozent)
  • Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom 6 (0,3 Prozent)

Knapp zwei von fünf misshandelten Kindern sind von psychischer Misshandlung betroffen. Darunter fallen die vielen Kinder, die Gewalt zwischen den Eltern miterleben, zum Teil dabei intervenieren und zu schlichten versuchen oder selber die Polizei rufen, weil sie in Angst und Sorge sind. Die Geschlechterverteilung ist mit 44 Prozent Knaben und 56 Prozent Mädchen genau gleich geblieben wie im letzten Jahr. Ebenfalls ist erneut jedes 6. misshandelte Kind jünger als ein Jahr alt, 46 Prozent der misshandelten Kinder sind jünger als sechs Jahre. Wiederum finden über 96 Prozent der Fälle von psychischer Misshandlung oder Vernachlässigung im Familienrahmen statt, auch körperliche Misshandlung zu 78 Prozent. Bei sexuellem Missbrauch stammt der Täter oder die Täterin zu 39,2 Prozent aus der Familie.

Quelle: www.kinderschutz.ch

Hier finden Täterinnen, Opfer und gewalt-betroffene Familien Unterstützung

Anlaufstellen für Täterinnen und Frauen, die zu Gewalt neigen:
Anlaufstellen für Opfer häuslicher Gewalt:
  • Opfer sollten nicht zögern, die Polizei anzurufen und im Notfall eine der Polizei Notrufnummern zu wählen: Tel. 117 oder 112

  • Opferhilfe Schweiz www.opferhilfe-schweiz.ch

  • Die Opferhilfe-Beratungsstellen beraten kostenlos, vertraulich und anonym und leisten oder vermitteln Opfern von Gewalt medizinische, psychologische, soziale, juristische und materielle Hilfe – wenn nötig auch für längere Zeit. So geben sie Informationen zur rechtlichen Situation und vermitteln Therapeuten, Rechtsanwälte und andere Fachstellen.

  • Nottelefon für Kinder und Jugendliche: Tel. 147, www.147.ch

  • Für Männer in den Kantonen Aargau, Bern und Luzern gibt es ein Männer- und Vaterhaus, das Vätern und ihren Kindern bei häuslicher Gewalt einen vorübergehenden Aufenthalt bietet und ihnen Unterstützung vermittelt (Gespräche mit Psychologen, Unterstützung in rechtlichen Fragen, gemeinsame Aussprachen oder Paartherapien bei Aussicht auf Versöhnung) www.zwueschehalt.ch

  • Seit über einem Jahr klärt die Stiftung Kinderschutz Schweiz im Rahmen einer Kampagne über das Thema häusliche Gewalt auf. Im Zentrum stehen unter anderem Filme, die Gewalt in der Erziehung thematisieren. www.kinderschutz.ch

Über die Autorin:

Christine Amrhein ist freie Wissenschaftsjournalistin und befasst sich seit zehn Jahren mit Themen aus den Bereichen Psychologie, Psychotherapie, Neurologie und Sozial-wissenschaften. Beim Tabuthema häusliche Gewalt von Frauen hat sie selbst viel gelernt – und hofft, dass mehr Bewusstsein in der Öffentlichkeit dazu beitragen kann, dass Gewalt in Familien zurückgeht.

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