Ernährung

Frau Stöckli, wie geht vegi ohne Zeigefinger?

Franziska Stöckli entwickelte mit ihren Timeout-Schülerinnen und -schülern das Kochbuch «Greentopf» – die vegetarische Ergänzung zum Kochschul-Klassiker «Tiptopf». Die Sekundarlehrerin über Veganer, warum gemeinsames Essen verbindet und Kultrezepte. 
Interview: Claudia Landolt
Bilder:
Marvin Zilm / 13 Photo

Frau Stöckli, sind Sie Vegetarierin?

Nein, ich gehöre zu den 17 Prozent, die gemäss einer Umfrage von Swissveg aus dem Jahr 2017 unregelmässig, aber dafür sorgfältig ausgesuchtes Fleisch essen. Eine weitere Erhebung ergab, dass rund ein Drittel der Schweizer Bevölkerung auf eine fleischarme Ernährung achtet.

Ist «Greentopf» also ein Trend-Kochbuch?

Ich würde eher sagen, das Kochbuch entspricht dem Zeitgeist. Wir leben in einer multinationalen Gesellschaft, alte Traditionen werden im Positiven bereichert, die Welt ist globalisiert und uns nähergekommen. So wachsen auch unsere Kinder auf. Es gibt kein Richtig oder Falsch, alles ist möglich, auch in Sachen Essen. Der «Greentopf» ist eine vielseitige Ergänzung zum bisherigen Kochbuchklassiker.
Franziska Stöckli liebt es, zu reisen und fremde Esskulturen zu entdecken. Das Herz der Seklehrerin gehört aber ihren Schülerinnen und Schülern. Da wundert es nicht, dass diese ihr die «Kraft einer Bärenmutter» attestieren.
Franziska Stöckli liebt es, zu reisen und fremde Esskulturen zu entdecken. Das Herz der Seklehrerin gehört aber ihren Schülerinnen und Schülern. Da wundert es nicht, dass diese ihr die «Kraft einer Bärenmutter» attestieren.

Sie haben mit Ihren Schülerinnen und Schülern regelmässig gekocht. Was gab es da zu essen?

Sie haben das Kochen geliebt und sich regelrecht darum gerissen, wer kochen durfte. Wir haben stets auf Abwechslung geachtet, viel Verschiedenes ausprobiert, gekocht und gegessen. Es gab oft beliebte Schweizer Gerichte, genauso wie Rezepte aus fernen Ländern. Fleisch gab es aus Budgetgründen nicht sehr oft. Aber das war bei meinen Schülerinnen und Schülern auch kein Thema.

Dabei wird oft betont, wie sehr Kinder im Wachstum Fleisch in der Nahrung brauchen.

Wir hatten im Timeout* in Bezug auf die Ernährung oft ganz andere Fragen, die uns beschäftigten. Zu uns kamen die Kinder für eine befristete Zeit, wenn sie in der Regelklasse Mühe hatten oder aus persönlichen Gründen ein Timeout brauchten. Es gab Kinder, bei denen oft nicht klar war, ob sie zu Hause überhaupt etwas zu essen bekommen. Da ist die Frage «Fleisch Ja oder Nein?» nicht prioritär.

* Timeout: Mehrere Lehrpersonen unterrichten maximal acht Sekundarschülerinnen und -schüler mit besonderen Bedürfnissen und sorgen im Rahmen eines Tagesschulbetriebs dafür, dass schulische und persönliche Erfolgsmomente im Zentrum stehen. Aus der Distanz zum gewohnten Schulalltag erwächst die Möglichkeit, Energien und Ressourcen freizusetzen, sodass eine positive Entwicklung einsetzen kann. Dank der übersichtlichen Gruppengrösse ist ein individualisierter Unterricht mit gezielter Förderung möglich.
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Vegetarische Ernährung in Kindheit und Adoleszenz wird in Fachkreisen immer wieder diskutiert. Was ist Ihre Meinung dazu?

Wir beteiligen uns mit dem «Greentopf» nicht an dieser Diskussion, wollen uns nicht für ein Dafür oder Dagegen positionieren. Das war nie die Absicht des Buches und schon gar nicht der Jugendlichen. Es geht letztlich um die Freude an gutem, gesundem Essen und am gemeinsamen Kochen. Dass wir oft vegetarisch gekocht haben, ohne es überhaupt zu thematisieren, zeigt, wie entspannt wir mit dem Thema umgehen. So ist auch der Informationsteil im Buch aufgebaut, in welchem die Ausgewogenheit der Ernährung und eine abwechslungsreiche Lebensmittelwahl wichtige Aspekte sind. Auch Hinweise zu Allergenen und Unverträglichkeiten sind darin aufgeführt. Insofern soll das Buch eine Hilfeleistung für all jene bieten, die sich über eine alternative Ernährung Gedanken machen, ohne dabei zu moralisieren.
Traditonelles Fladenbrot aus Eritrea und Zwetscheknödel aus St. Gallen. Die Schüler zeigen die Rezepte ihrer Familien.

Das Herzstück des Kochbuchs sind die Porträts von elf Kindern dieser Klasse. Verraten Sie uns einige Gerichte?

Marsola, der aus Eritrea stammt, zeigt, wie man traditionelles Fladenbrot herstellt. Gian-Marco, der während seiner ersten Lebensjahre in Südafrika aufwuchs, verrät, was Bunny Chow ist. Nils zeigt die Zwetsch­genknödel seiner Grossmutter aus St. Gallen.

Mussten Sie die Kinder dazu über­reden?

Nein, ganz und gar nicht. Viele haben zu Hause oft nur vor dem Fernseher Fast Food gegessen. Bei uns haben sie erlebt, dass das gemeinsame Essen einen grossen sozialen Wert haben kann. Es hat sie neugierig gemacht, verschiedene Dinge auszuprobieren, zum Beispiel Rezepte von Schulkameraden aus anderen Ländern. So war Essen für uns gelebte Toleranz und Offenheit. 

Das haben auch die Eltern der Schüler erlebt und demonstriert. Inwiefern?

Sie haben uns mit Stolz ihre Familienrezepte verraten. Es war Pflicht, dass die Eltern jeweils am Montag zum Familiencoaching in die Schule kamen. Immer wieder brachten sie etwas zu Essen mit. Wir haben exemplarisch beobachten können, wie das Essen verbindet: Selbst wenn man die Sprache des andern nicht spricht, kann man über Gesten und Blicke Interesse und Gefallen ausdrücken, eine Verbindung schaffen.

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