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Schule

«Programmieren, so wichtig wie schreiben und lesen»

Um mit der technologischen Entwicklung der Zukunft mithalten zu können, müssen Kinder programmieren lernen, sagt der ETH-Informatikprofessor Juraj Hromkovic – und fordert ein eigenes Schulfach Informatik. 
Interview: Irena Ristic
Bilder: Jan Lichtensteiger & Dietmar Treichel

Herr Hromkovic, Sie sagen, Kinder sollten programmieren lernen. Warum? Das ist doch eigentlich etwas für Spezialisten. 

Die Informatik fördert so wichtige Grundkompetenzen wie eigenständiges und kritisches Denken. Eine Tatsache, die nicht nur Spezialisten vorbehalten sein sollte. Die Informatik ist darum für mich so wichtig wie Sprach- und Matheunterricht. Kinder sollten auch das Programmieren lernen, um die digitale Welt wirklich zu verstehen, und vor allem auch lernen, sie zu gestalten. Auf diese Weise erziehen wir die Kinder zu kreativen Produzenten statt zu Konsumenten. 

Was ist denn so schlecht am Konsumieren?

Schlecht ist, wenn man nur konsumiert. Genau wie ein Muskel sich abbaut, wenn er nicht gebraucht wird, so entwickelt sich auch das Gehirn zurück, wenn es nie zum Schwitzen gebracht wird. Mit Informatik kehrt in hohem Mass eine kreative konstruktive Tätigkeit in die Schule zurück. Dabei liegt der Fokus nicht auf dem Auswendiglernen. Sondern auf dem Prozess des Entdeckens und der Gestaltung – ein kreativer Prozess also. 
«Informatik fördert das kreative Denken sehr»
Juraj Hromkovic, Informatikprofessor ETH Zürich

Viele Menschen würden aber Kreativität nicht unbedingt mit Informatik verbinden. 

Ich gebe Ihnen ein Beispiel aus der Praxis: Ein Kollege von mir hat ein Schulexperiment mit zwei Gruppen unternommen. Gruppe A hatte einen ordentlichen Informatikunterricht erhalten, Gruppe B hatte sogenannten ICT-Unterricht. Das heisst: Sie hat gelernt, mit bestimmten Softwarepaketen umzugehen. Beide erhielten dieselbe Aufgabenstellung. Das Resultat war interessant: Während die Gruppe B begann, nach fertigen Apps und Produkten mit den gewünschten Eigenschaften zu googeln, entwickelte die Gruppe A ein eigenes Informatikprojekt, um die Aufgabe selbständig zu lösen. 

Wenn wir dies auf den Programmierunterricht an Schulen ummünzen, bedeutet das ...

... dass die Kinder Lösungen selbst erarbeiten müssen. Wenn sie programmieren möchten, können sie nicht einfach Formeln auswendig lernen. Sie suchen eine Strategie, beschreiben sie und geben ihren Lösungsweg in den Computer ein, um zu testen, ob er funktioniert. Wenn es nicht klappt, überarbeiten sie ihre Herangehensweise und gehen zum «Ursprungsproblem» zurück und experimentieren mit einer neuen Lösungsstrategie. 
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Der Informatikprofessor Juraj Hromkovic ist überzeugt: «Um Spass am Programmieren zu entwickeln, müssen Sie kein Informatik- oder Mathegenie sein.»
Der Informatikprofessor Juraj Hromkovic ist überzeugt: «Um Spass am Programmieren zu entwickeln, müssen Sie kein Informatik- oder Mathegenie sein.»

Die Informatik lehrt also Denkweisen? 

Ja, denn die Schüler überlegen sich, wie sie ein bestimmtes Vorgehen entwickeln müssen, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen wie zum Beispiel eine Schildkröte auf dem Bildschirm bestimmte Formen zeichnen zu lassen. Das fördert das kreative Denken sehr. Auf diese Weise wird zudem ein eigenständiger und kritischer Geist gefördert, der nicht in Schubladen denkt. Ich kann mir daher nichts Besseres für die Entwicklung eines Kindes vorstellen als diesen Ansatz. 

Und inwiefern fördert das Schulfach Informatik die Fähigkeit, wichtige Sprachkompetenzen zu erwerben, wie Sie sagen? 

Auch wenn es überraschend klingt: Das ist tatsächlich so. Viele Schüler schaffen es nicht, Sachverhalte eindeutig auszudrücken. Bei der Informatik sind sie aber gezwungen, genau dies zu tun, weil der Computer einen präzisen Auftrag benötigt, um das auszuführen, was sie möchten.

2 Kommentare

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Von Petra am 12.07.2017 23:19

Sehr guter Bericht auf den Punkt gebracht.
An unserer Schule wird ebenfalls dieser Ansatz verfolgt. Mit den Raspbotics Lernboards gehen SchülerInnen mit Spaß und Motivation ans Programmieren mit Scratch. Taster, Joystick, LEDs und zahlreiche Sensoren machen selbst programmierte Spiele noch realistischer, wobei die Schulstunden im Flug vergehen.

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Von Madeleine am 16.04.2017 19:45

Ein absolut toller Beitrag und so wichtig wie noch nie. Die jungen Menschen müssen vorbereitet werden auf das, was uns erwartet in Zukunft.

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