Lisa Lehner: Schule zu – Stresstest für  Eltern und Schulpersonal
Schule

Schule zu: Stresstest für Eltern und Schulpersonal

Seit dem 16. März 2020 sind alle Schweizer Schulen geschlossen. Seit diesem Tag sind Eltern und Schulpersonal im Krisenmodus. Lisa Lehner, Schulleiterin (SL) auf Stufe Kindergarten/Primarschule in Baden AG hat die Ereignisse der ersten sieben Tage nachgezeichnet. Und verrät, welche  Herausforderungen sie zusammen mit Mirjam Obrist, Geschäftsleiterin (GL) der Volksschule Baden* und Manuela Bächli, Lehrperson (LP), bewältigen musste.
Text: Lisa Lehner
Bild: pixabay.com/lihuihuiycg / zvg

Freitag, 13. (!) März: Der Bundesrat informiert

GL 16.20 Uhr. Information des Departements Bildung, Kultur und Sport BKS zur Schulschliessung mit der Weisung, ein Betreuungsangebot während der Unterrichtszeiten ab Montag sicherzustellen.

Eine Stunde später: Zusage aller Geschäftsleitungsmitglieder für ein Treffen am Samstagmorgen. Am Abend schreibe ich das «Drehbuch» für die Sitzung mit Lösungsvorschlägen. Schon während der Medienkonferenz des Bundesrats ruft die erste Mutter an und fragt, was das für sie bedeute. Kurz darauf will der erste Journalist wissen, wie die Schule zur Schulschliessung steht.

SL Mein Mann und ich wollen ein Wochenende im Wallis verbringen. Kaum angekommen, reisen wir aufgrund der Nachrichten sofort zurück. Bereits im Auto erfolgen erste Telefonanrufe.

Samstag, 14. März: Organisation und Kommunikation

GL 8 Uhr. Ich rufe die Schulaufsicht des Departement BKS an: Welche Rahmenbedingungen für die schulische Betreuung gelten? Um 9 Uhr Treffen mit den Schulleitungen. Klärung der Organisation des Betreuungsangebots und der Information der Eltern mit der Bedarfserhebung bei den Eltern. Verfassen eines Elternbriefs und der Information der Lehrpersonen. Um 16 Uhr informiert das BKS über neue Rahmenvorgaben. Die Elternbriefe müssen von Lisa Lehner überarbeitet werden.

SL Der Tag beginnt mit einer letzten Geschäftsleitungssitzung vor Ort. Wir beschliessen Massnahmen zur Umsetzung der Vorgaben von Bund und Kanton, formulieren präzise die Infos an Eltern, Schüler/-innen und an die Lehrpersonen. Die Kinderbetreuung muss organisiert werden!

LP Nach der Information vom Freitag heisst es, ruhig zu bleiben und abzuwarten; keine Ahnung, wie es weitergeht. Die Krisensitzung der Geschäftsleitung will ich nicht stören.

Sonntag, 15. März: viele offene Fragen

GL Viele Eltern melden sich. Sie verstehen nicht, dass es keine Hausaufgaben gibt. Die meisten sind freundlich und akzeptieren, dass wir lediglich die Vorgaben des Kantons Aargau umsetzen. 

SL Eintreffen und Auswertung der Anmeldungen der Eltern für die Betreuung ihrer Kinder. Planung des Treffens mit den Lehrpersonen morgen und Beantwortung von Mails besorgter Eltern. Auch Lehrpersonen melden sich. Ich spüre eine grosse Bereitschaft das Möglichste zu tun!

LP Am Samstagabend endlich die ersehnte Nachricht. Der Ablauf für die kommende Woche ist klar. 

Montag, 16. März: eine fast surrealistische Zeit

GL Treffen mit einem Radiojournalisten. Ihn interessiert, was jetzt an einer Schule passiert. Sitzungsabsagen und weiterhin viele Elternanrufe. Es gibt unzählige Detailfragen: Lohnfortzahlungen von Mitarbeitenden im Stundenlohn? Sicherstellung des Home Office? Umgang mit möglicherweise am Virus erkrankten Lehrpersonen? Angst der Lehrpersonen vor der Ansteckung bei der Betreuung? Die wichtigsten Fragen lösen wir im Team. 
 
SL Nach einer kurzen Teamsitzung begrüsse ich die Kinder, welche zur Betreuung kommen. Sie wirken etwas verunsichert, freuen sich aber über die Spielmöglichkeiten in der Schule. Ich beantworte viele Mails von besorgten Eltern und bespreche mich mit Lehrpersonen am Telefon zur Regelung von Präsenzen vor Ort und zu Hause. Am Abend neue Informationen aus dem Kanton. Der Unterricht wird im Lauf dieser Woche von Phase 1 in Phase 2 überführt: Den zu betreuenden Schülerinnen und Schülern werden ebenfalls Arbeitsmaterialien und Aufgaben für das freiwillige Üben und Wiederholen zur Verfügung gestellt.

LP 7.30 Uhr. Treffen im Schulhaus, um letzte Infos für die Betreuung zu erhalten. Schnell machen wir einen Einsatzplan, schreiben Briefe und Listen und treffen Absprachen. Unser Kindergartenteam sammelt bereits Ideen für Arbeitsaufträge an die Kinder. 
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Dienstag, 17. März: virtuelle Kommunikation

GL Viele Vorbereitungen: Vorgehen für die künftigen virtuellen GL-Sitzungen, Kommunikationsabläufe bei 300 Lehrpersonen und gegenüber rund 2300 Eltern. Der Posteingang quillt über mit Nachrichten zur Organisation von Fernunterricht. Am Abend erstmals virtuelle Sitzung mit der Schulpflege.
Ich erfahre, dass ein Angehöriger einer Lehrperson schwer erkrankt ist. Plötzlich ist die Krankheit ganz nah. Ich bin betroffen und nachdenklich.
SL Der Austausch mit den Schulleitenden der verschiedenen Standorte ergibt kaum Probleme. Das Abstandhalten muss geübt werden, doch emotional rückt man in dieser Zeit eng zusammen. Ich begleite die Lehrpersonen im Prozess für Phase 2. Fachlich meistern sie alles gut allein; sie scheinen meine Unterstützung zu schätzen.

LP Ich bin unruhig, will andere Lehrpersonen treffen und Dinge erledigen. Da bis jetzt die Kommunikation über die Schulleitung lief, habe ich das Bedürfnis, mit den Eltern und indirekt mit den Kindern in Kontakt zu treten. Ich schreibe einen Quartalsrückblick mit dem Hinweis, dass wir uns Ende Woche mit Aufgaben wieder melden. 

Mittwoch, 18. März: Alltag – und doch nicht

GL 8 Uhr: Sitzung des Stadtammanns mit den Abteilungsleitenden der Stadt. Wir sitzen wie vor 30 Jahren an der Fahrprüfung, in Reih und Glied mit mehr als zwei Meter Abstand. 

SL Ich erledige normale Schulleitungsaufgaben: Zahlungsanweisungen, Besprechungen mit dem Sekretariat, Vertragsunterzeichnungen, Anmeldungen in Sonderschulen. Am Nachmittag leite ich eine Sitzung mit Planungsthemen fürs neue Schuljahr. 

LP Laufend beantworte ich Fragen von Kolleginnen und Kollegen. In Gedanken bin ich bei den Arbeitsaufträgen für die Kinder: Was ist sinnvoll? Was können die Kinder zu Hause gut umsetzen? Wo brauchen sie Hilfe von den Eltern? Wie organisieren wir das Material? 

Donnerstag, 19. März: Fernunterricht

GL Ich erfahre, dass ein Angehöriger einer Lehrperson schwer erkrankt ist. Plötzlich ist die Krankheit ganz nah, es macht mich sehr betroffen und nachdenklich.

SL Das Stichwort der Stunde ist «Fernunterricht»; die Phase 3 beginnt nach den Frühlingsferien, sofern die Schulschliessung anhält. Lehrpersonen, Pädagogische Hochschulen, Beraterinnen und Berater, IT Unternehmen – sie alle werden aktiv. Die SMS-Nachricht einer Mutter gibt dem Tag ein versöhnliches Ende: «Ich möchte unsere Anerkennung kundtun, dass ihr alle an der Schule eure Arbeit, soweit es in dieser Zeit geht, so gewissenhaft weiterführt, Chapeau!»

LP Ich notiere die Ideen für die freiwilligen Aufgaben und verfassse einen Elternbrief und einen Brief an die Kinder. Meine Vorschläge maile ich allen Kindergartenlehrpersonen, damit sie Änderungen und Ergänzungen anbringen können. Es gibt ein Hin und Her mit Mails, Whats­App und Telefon, bis die Form klar ist.

Soweit das Geschehen in der Volksschule Baden bis Redaktionsschluss der April-Ausgabe. Die Fortsetzung dieses Protokolls lesen Sie auf www.vslch.ch

* Die Volksschule Baden ist eine der grössten Schulen im Kanton. 9 Schulleiterinnen/Schulleiter und eine Geschäftsleiterin bilden die Geschäftsleitung der Schule und führen die Schule operativ.
<div><strong>Lisa Lehner</strong> ist Schulleiterin in Baden AG auf Stufe Kindergarten/Primarschule und Vizepräsidentin des Verbands Schulleiterinnen und Schulleiter VSLCH. Sie ist verheiratet und Mutter von zwei erwachsenen Kindern.</div>
Lisa Lehner ist Schulleiterin in Baden AG auf Stufe Kindergarten/Primarschule und Vizepräsidentin des Verbands Schulleiterinnen und Schulleiter VSLCH. Sie ist verheiratet und Mutter von zwei erwachsenen Kindern.

Der Verband Schulleiterinnen und ­Schulleiter Schweiz (VSLCH) sowie der Dachverband ­Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH) kommen im Wechsel zu Wort. 

In der nächsten Ausgabe: Lehrersein in der Corona-Krise

Lesen Sie mehr zur Corona-Krise:


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