Medien und Informatik im Kindergarten
Kindergarten

Medien und Informatik im Kindergarten

Um unsere Kinder auf die digitale Zukunft vorzubereiten, führt der Lehrplan 21 ein neues Schulfach namens «Medien und Informatik» ein – bereits auf Kindergartenstufe. Müssen nun also bereits Kindergärtner mit Smartphone und Tablet hantieren?
Text: Claudia Landolt
Bild: Maike und Neele Frisch /
frisch-fotografie.de
Die Vorstellung, dass Kinder vor dem Eintritt in den Kindergarten oder in der Kindergartenzeit nur mit Bilderbüchern aufwachsen, ist schön. Aber ist sie auch realistisch? Zahlen zum Medienkonsum von Kindern unter sieben Jahren gibt es in der Schweiz noch nicht, als Referenz gilt die in diesem Jahr erschienene «Adele»-Studie der Fachgruppe Medien­psychologie der ZHAW. Untersucht wurde 2014 der Medien­umgang von vier- bis siebenjährigen Kindern im Kontext ihrer Familien. Die Untersuchung kommt zu folgenden vier Hauptergebnissen: 

  1. Kinder in diesem Alter setzen digitale Medien vor allem unterhaltungsorientiert ein. Sie schauen fern, spielen Games und hören Musik. Mit zunehmendem Alter kommen weitere Aspekte wie Telefonieren oder Versenden von Kurznachrichten hinzu.

  2. Kinder werden häufig durch ihr Umfeld zu digitalen Aktivitäten angeregt. Die Hauptmotive für ihre Nutzung digitaler Medien sind Spass, Unterhaltung und Neugier.

  3. Die Nutzungszeit von digitalen Medien hängt von der Vermittlung und den Regeln der Eltern ab. Auch beeinflussen die Jahreszeit und das Wetter die Nutzung. Je mehr Alternativen die Kinder haben, desto weniger nutzen sie digitale Medien. Während die zeitliche Kontrolle des Nutzungsverhaltens gut durchsetzbar ist, stellt die Kontrolle der Inhalte die Eltern vor grössere Herausforderungen.

  4. Die Eltern sind unsicher in Bezug auf die «richtige Medienerziehung» und den optimalen Einsatz von Medien. Sobald die Kinder die Fähigkeit besitzen, selbständig Geräte zu bedienen und nach Inhalten zu suchen, sind sie nicht mehr von der Einwilligung der Eltern abhängig. Die Eltern müssen in diesem Moment also ein Stück weit die Kontrolle über die Nutzung abgeben. Auch vor dem «Handyalter» haben einige Eltern diesbezüglich Respekt.
Dieser Artikel stammt aus dem «Kindergartenheft 2. Jahr/Herbst» mit dem Titel «Fast schon gross» und wendet sich an Eltern von Kindergartenkindern der zweiten Klasse.  Leider ist dieses Heft aktuell vergriffen, jedoch erscheinen die Spezialhefte jeden Frühling und Herbst neu. Die Magazine sind einzeln bestellbar und werden von der Stiftung Elternsein allen Kindergärten in der Deutschschweiz kostenlos zur Verfügung gestellt. 
Dieser Artikel stammt aus dem «Kindergartenheft 2. Jahr/Herbst» mit dem Titel «Fast schon gross» und wendet sich an Eltern von Kindergartenkindern der zweiten Klasse.  Leider ist dieses Heft aktuell vergriffen, jedoch erscheinen die Spezialhefte jeden Frühling und Herbst neu. Die Magazine sind einzeln bestellbar und werden von der Stiftung Elternsein allen Kindergärten in der Deutschschweiz kostenlos zur Verfügung gestellt. 
Die bis siebenjährigen Kinder spielen sowohl drinnen wie auch draussen. Sie treiben Sport, bewegen sich, machen Gesellschaftsspiele und lesen mit ihren Eltern bzw. die Eltern lesen vor. Auf den digitalen Geräten hören sie vor allem Musik, nutzen aber auch audiovisuelle Medien für DVDs, Serien, Filme, nutzen Hörbücher oder spielen Videogames.

Entspannung für die Eltern

Eine grosse Mehrheit der Kinder fotografiert auch oder macht kurze Videos, meist auf dem Gerät der Eltern. Lediglich eine Minderheit telefoniert damit oder nutzt das Internet aktiv. Fast die Hälfte der Eltern gibt Ruhe und Entspannung als Grund für die Mediennutzung ihrer Kinder an. Langeweile ist hingegen nur für eine Minderheit ein Grund, Medien zu nutzen.
 
Vier- bis Fünfjährige als Nutzer von digitalen Geräten: Erziehungs­experten, Medienpädagogen, Lehrer und Magistraten nehmen diese Tatsache zum Anlass, sich von einer rein analogen Kindheit zu verabschieden. «Die Vorstellung einer medienabstinenten frühen Kindheit entspricht mehr einer romantischen Verklärung als der Realität», schreibt das Autorenteam des Amtes für Volksschulen und Sport des Kantons Schwyz in einem Positionspapier zum Lehrplan 21 und dem Fach «Medien und Informatik».
Je mehr Alternativen sie haben, desto weniger nutzen Kinder digitale Medien.
Der Lehrplan 21 sieht vor, dass das Fach «Medien und Informatik» auch auf Kindergartenstufe eingeführt wird. Was heisst das? Halten nun Smartphones und Tablets Einzug zwischen Legosteinen und Puppenecke? Nein, wie Eveline Hipeli, Medienpädagogin an der Pädagogischen Hochschule Zürich erklärt: «Im Kindergarten soll keineswegs Medienkonsum eingeführt oder zum alltäglichen Konsumelement werden. Es geht vielmehr darum, dass die Kinder die digitalen Medien als vielseitig verwendbare Hilfsmittel kennen und nutzen lernen, die sie beim Informieren, Kommunizieren, beim spielerischen Lernen und vor allem beim kreativen Gestalten unterstützen können», sagt Eveline Hipeli, die mit ihrer Bücherreihe «Ulla aus dem Eulenwald» die Medienkompetenz junger Kinder fördern möchte.

Im Kindergarten steht das Spielen stark im Vordergrund – und das soll auch so bleiben. «Das Spielen ist der Ausgangspunkt allen Lernens», sagt Lukas Teufl, Psychologe und Väterforscher. «Die Kinder lernen sich und die Umwelt durch das Spiel kennen.» Es wird beobachtet, ausprobiert und erprobt. Diesem natürlichen Forscherdrang trägt auch das neue Fach «Medien und Informatik» Rechnung. Der Kindergarten zählt dabei zum so­genannten ersten Zyklus, welcher vier Klassen umfasst: erstes und zweites Kindergartenjahr und erste und zweite Klasse. Dieser erste Zyklus sieht im Kindergarten den Aufbau von Kompetenzen in den Bereichen Medien, Informatik und Anwendung vor. Eine explizite Anzahl an Lektionen wird dabei nicht vorgegeben – dies liegt in der Entscheidungskompetenz der Kantone. 

Sie entscheiden ebenfalls, ob die Präsenz von Computern und Internet schon im Kindergarten oder erst in der 1. und 2. Klasse aufzubauen ist (dort sind sie verbindlich festgeschrieben). Empfohlen wird lediglich, dass die Kindergartenlehrpersonen jährlich mindestens ein aktives Mediengestaltungsprojekt durchführen. «Es geht dabei nicht nur darum, digitale Werkzeuge vorzustellen oder sie als Unterstützung zur Stoffvermittlung oder zum Lernen zu verwenden», sagt Eveline Hipeli. «Im Vordergrund stehen Experimentieren, Beobachten, Ausprobieren.» Die Kinder werden von blossen Konsumenten zu Produzenten und lernen dabei viel.» 
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Dazu gehören laut Lehrplanmodul:
  • Lernen durch Handeln
  • Aus Fehlern lernen
  • Vorausschauendes und ver­netztes Denken
  • Logisches und analytisches ­Denken
  • Problemlösekompetenzen und das Finden eigener, kreativer Lösungswege
  • Symbolverständnis (zum ­Beispiel Smileys)
  • Kreativität und Vorstellungskraft
  • Soziale Kompetenzen u. a.

Was sieht der Lehrplan vor?

Der Kompetenzbereich «Medien» des Lehrplans Medien und Informatik umfasst insgesamt vier Kompetenzen:

  1. Die Schülerinnen und Schüler können sich in der physischen Umwelt sowie in medialen und virtuellen Lebensräumen orientieren und sich darin entsprechend den Gesetzen, Regeln und Wertesystemen verhalten.

  2. Sie können Medien und Medienbeiträge entschlüsseln, reflektieren und nutzen.

  3. Sie können Erfahrungen Gedanken, Meinungen und Wissen in Medienbeiträgen umsetzen und unter Einbezug der Gesetze, Regeln und Wertesysteme auch veröffentlichen.

  4. Sie können Medien interaktiv nutzen sowie mit anderen kommunizieren und kooperieren.

Auf Stufe Kindergarten wird nur an den ersten beiden Kompetenzstufen gearbeitet. Erste Stufe: Die Schülerinnen und Schüler können Dinge nach selbstgewählten Eigenschaften ordnen, damit sie ein Objekt mit einer bestimmten Eigenschaft schneller finden (wie Grösse, Farbe, Form und Gewicht). Zweite Stufe: Kindergartenkinder können formale Anleitungen erkennen und ihnen folgen (wie Koch- und Backrezepte, Spiel- und Bastelanleitungen, Tanzchoreografien und Theater).

Weil viele Eltern (noch) nicht  über diese Informationen verfügen und jeder Kanton sowie jede Schule individuell informieren, herrscht Verunsicherung. Diese Irritation hat Eveline Hipeli mit ihren Studierenden der Pädagogischen Hochschule Zürich in verschiedenen nicht-repräsentativen Erhebungen ermittelt. «Wir befinden uns in einer Übergangsphase, bis der neue Lehrplan implementiert ist», sagt Eveline Hipeli. Solche Phasen sind oft von Unsicherheit geprägt, zumal ein gemeinsames Verständnis dessen, was gelernt werden soll, fehlt. Viele Eltern verfügten mangels Informationen über eine Art Halbwissen. Die Untersuchung der PHZ ergab, dass «viele Eltern befürchten, dass ihr Kind im Kindergarten auf einem iPad herumwischen, im Internet surfen oder gar einfach im Freispiel gamen würde», so Hipeli.
Für Kindergartenkinder sind Spass, Unterhaltung und Neugier die Hauptmotive, 
um digitale Medien nutzen.
Auch die eigenen Erfahrungen fliessen in die Befürchtungen ein. «Wir erinnern uns alle an den Informatikunterricht unserer Jugend», sagt Eveline Hipeli. «Das hiess bei vielen Computerraum, Excel und Wordtabellen, der Fokus auf rein oberflächliche Anwenderkompetenzen.» Das sei heute völlig anders. «Im Kindergarten geht es überhaupt nicht nur um Anwenderkompetenz, sondern darum zu zeigen, wie bereits junge Kinder informatisches Denken lernen können, indem sie Dinge ordnen oder eine Anleitung präzise bis zum Ziel verfolgen lernen.»

Das geschieht in erster Linie durch das Spiel. Zum Beispiel das «Roboter-Spiel»: Hier übernimmt ein Kind die Rolle des Roboters, das andere Kind die Rolle des Programmierers. Der Roboter folgt nur ganz exakten Anweisungen: «Gehe geradeaus!», «Laufe drei Schritte!». Die Kinder werden sehr schnell merken, dass es wichtig ist, die Anweisungen so genau wie möglich zu formulieren, damit der Roboter wirklich macht, was man von ihm will. Ein anderes Beispiel ist das Auffädeln von Perlen nach einem Muster (wahlweise auch Legosteine oder Bügelperlen). Kinder lieben es, einander knifflige Aufgaben zu erteilen. Solche Übungen sind nicht nur sinnvoll für die Förderung der Feinmotorik, sondern bieten den Kindern auch die Möglichkeit, einfache wiederkehrende Abfolgen zu erkennen und zu bilden – Dinge, die zum Grundkonzept des Programmierens gehören.
In erster Linie geht es nicht um Anwenderkompetenzen, sondern um informatisches Denken.
Auch eine Fotoarbeit ist als Medienprojekt möglich. So kann man den Kindergarten fotografieren und daraus ein Fotorätsel machen, in welchem die Kinder die auf Ausschnitten gezeigten Details finden müssen. Dasselbe Prinzip funktioniert auch mit Geräuschen (welches Kind, welches Tier, welches Geräusch hört man?) und wenn ein Kind eine Audioaufnahme vom Klatschen seiner Mitschüler für ein Hörspiel macht.

Ebenso gehört zur Informatikkompetenz, Dinge sortieren zu können. Das kann eine Aufräum­geschichte sein oder aber auch, die Klasse nach Grösse, Haarfarbe, T-Shirts und so weiter zu ordnen und dabei zu diskutieren, wie man beim Ordnen vorgehen kann.

Vieles wird schon heute gespielt

Die Beispiele zeigen, dass viel von dem, was im Rahmen der Lehrplanverordnung vorgeschrieben ist, heute schon praktiziert wird – notabene auch zu Hause. Steckperlen zu einem Bild zusammenzufügen, Legos nach Farben zu sortieren, ein Ausmalbild zusammen mit der Lehrerin zu suchen, ein Znüni nach Rezept zu backen oder sein gemaltes Bild im Kreis zu zeigen als Vorstufe zu einer Präsentation – alle diese Tätigkeiten trainieren jene Basisfähigkeiten, die es auch fürs Programmieren braucht: das Erkennen von Regelmässigkeiten und Mustern, Sortieren, eine Abfolge befolgen usw.

Wenn es der Schuletat erlaubt, sind auch Lernroboter wie Beebots im Kindergarten denkbar. Diese sollen den Kindern die Denkweise des Programmierens auf spielerische Weise näherbringen. In der Regel sind dies programmierbare Bodenroboter, wie wir sie vielleicht privat als Rasenmäher- oder Staubsaug­roboter kennen. Die Bewegungsrichtung sowie die Anzahl der Schritte können mittels Tasten direkt programmiert werden. «Kinder lernen bei der Arbeit mit den Bodenrobotern vorauszudenken, Geschehnisse einzuschätzen, entsprechende Entscheidungen abzuleiten und eigene Problemlöse-­strategien zu entwickeln», meint Eveline Hipeli. Ebenso wichtig sei es für Kinder zu erkennen, dass diese Roboter nicht selbständig denken können, sondern Befehle ausüben, die Menschen ihnen geben
Bei der Arbeit mit Robotern lernen Kinder, dass diese nicht denken können, sondern nur Befehle ausführen.
Letztlich geht es darum, «unseren Kindern das bestmögliche Rüstzeug mitzugeben für eine digitale Zukunft, von der wir nicht exakt wissen, wie sie aussehen wird», meint Eveline Hipeli. Ebenfalls wichtig: die eigenen Medienerfahrungen zu thematisieren – auch im Kindergarten. Was schaue ich am Fernsehen? Welche Musik oder Hörspiele höre ich? Wie höre ich sie?

Gespräche über Medien sind laut Hipeli zentral, zumal Verbote oder Schutzschilder ab einem gewissen Alter nicht mehr wirkten: «Heute laufen Mediengespräche zwischen Kindern und Eltern normalerweise so ab, dass die Mediennutzungszeit im Vordergrund steht.» Das fördere die Medienkompetenz der Kinder jedoch nur bedingt. So wünschten auch die meisten Eltern Unterstützung in Medienangelegenheiten durch die Schule, sagt Hipeli. Sei es, weil Eltern ihre Kinder vor dem World Wide Web beschützen wollen, sei es, weil sie aus eigener Erfahrung um die Sogwirkung der Geräte wissen. Wenn durch informative Gespräche klar werde, dass der «Medien und Informatik»-Unterricht in der Schule auch als Wegbereitung für eine erfolgreiche Berufslaufbahn diene, entwickelten die Eltern oft Verständnis. Daher muss es das Ziel sein, die Eltern so zu informieren, dass Medienbildung für Kinder nicht nur mit Ängsten, sondern auch mit Chancen besetzt ist.»

Informationen und Arbeitsblätter: blogs.phsg.ch/ict-kompetenzen/

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