Fabian Grolimund und Stefanie Rietzler: Konzentration und Aufmerksamkeit: Was ist das eigentlich?
Kindergarten

Konzentration und Aufmerksamkeit: Was ist das eigentlich?

Spielerisch werden im Kindergarten verschiedenste Kompetenzen geschult, die die Kinder auf die Schule vorbereiten und die für das Leben wichtig sind – unter anderem die Fähigkeit, seine Aufmerksamkeit bewusst auf etwas zu lenken, zuzuhören und sich zu konzentrieren. Doch was ist eigentlich Konzentration? Und wovon hängt es ab, ob sich ein Kind konzentrieren kann?
Text: Fabian Grolimund & Stefanie Rietzler
Bild: Maike und Neele Frisch / frisch-fotografie.de
Der Kognitionspsychologe Michael Posner und sein Team haben jahrzehntelang zur Frage geforscht, wie Aufmerksamkeit funktioniert – und dabei immer wieder bildgebende Verfahren zu Hilfe genommen. Sie entdeckten im Gehirn drei Netz­werke, drei Aufmerksamkeitssys­teme, die jeweils Teilbereiche unserer Aufmerksamkeit steuern:
Dieser Artikel stammt aus dem «Kindergartenheft 2. Jahr/Herbst» mit dem Titel «Fast schon gross» und wendet sich an Eltern von Kindergartenkindern der zweiten Klasse.  Leider ist dieses Heft aktuell vergriffen, jedoch erscheinen die Spezialhefte jeden Frühling und Herbst neu. Die Magazine sind einzeln bestellbar und werden von der Stiftung Elternsein allen Kindergärten in der Deutschschweiz kostenlos zur Verfügung gestellt. 
Dieser Artikel stammt aus dem «Kindergartenheft 2. Jahr/Herbst» mit dem Titel «Fast schon gross» und wendet sich an Eltern von Kindergartenkindern der zweiten Klasse.  Leider ist dieses Heft aktuell vergriffen, jedoch erscheinen die Spezialhefte jeden Frühling und Herbst neu. Die Magazine sind einzeln bestellbar und werden von der Stiftung Elternsein allen Kindergärten in der Deutschschweiz kostenlos zur Verfügung gestellt. 

1. Das Alerting-Netzwerk: «Ich bin wach und bereit» 

Das sogenannte Alerting-Netzwerk hat die Aufgabe, uns in einem wachen, geistig offenen Zustand zu halten. Es bereitet den Körper darauf vor, Informationen aufzunehmen und Warnsignale frühzeitig auszumachen. Wir können uns dieses Netzwerk wie einen grossen Radarschirm vorstellen, der Eindrücke aus der Umgebung einfängt. Wenn wir mit einem Kindergartenkind durch den Wald spazieren und sein Alerting-Netzwerk sehr aktiv ist, wird es kein Rascheln im Busch, keine Regung im Augenwinkel verpassen.

2. Das Orientierungsnetzwerk: «Was ist denn hier los?!» 

Das Orientierungsnetzwerk organisiert alle Informationen, die über unsere Sinneskanäle auf uns einströmen. Blitzschnell nimmt es eine ­erste Bewertung vor: «Wo kommt der Reiz her? Handelt es sich um ein Bild, ein Geräusch, eine Körperempfindung, einen Geruch oder Geschmack? Ist diese Information wichtig oder unwichtig? Soll ich mich ihr zuwenden?» Diese Bewertung läuft unbewusst und innert Sekundenbruchteilen ab. Ein Kindergartenkind hört beispielsweise während des Spiels einen lauten Knall. Sein Orientierungsnetzwerk entscheidet sofort und unbewusst, dass dieser Reiz relevant ist und eine Reaktion erfordert: Das Kind dreht sich instinktiv um, um nachzusehen, was los ist, und stellt fest: Ein Bauklotz ist vom Tisch gefallen. Dieses Netzwerk entscheidet also mitunter darüber, wohin sich unser Aufmerksamkeitsfokus verschiebt.

3. Die exekutive Kontrolle: «Volle Konzentration!» 

Und nun wird es spannend: Müssten wir alle Eindrücke ungefiltert aufnehmen und darauf reagieren, wäre unser Gehirn völlig überlastet. Damit dies nicht geschieht, hat uns die Natur mit einem dritten Netzwerk ausgestattet, das Prioritäten setzt und zwischen verschiedenen Hirnbereichen vermittelt: Es heisst exekutive Kontrolle. Diese kommt unter anderem zum Zug, wenn sich ein Kind konzentrieren soll.
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Unter Konzentration versteht man eine besondere Form von Aufmerksamkeit, bei der wir uns über einen längeren Zeitraum willentlich auf eine bestimmte Aufgabe oder einen Gegenstand fokussieren und dabei mögliche Ablenkungen ausblenden. Ein Beispiel: Ein Kindergartenkind sitzt an einem Gruppentisch und legt ein Perlensteckbild. Dabei konzentriert es sich darauf, das gewünschte Muster abzubilden. Seine exekutive Kontrolle sorgt dafür, dass es die Geräusche aus der Bau- und Puppenecke ausblendet und beharrlich bei der Sache bleibt, bis das Kunstwerk fertig ist. Dabei muss es vielleicht immer wieder dem Impuls widerstehen, aufzustehen und etwas anderes zu tun, und kleine Frustmomente aushalten, wenn ihm etwa eine Perle herunterfällt oder es die Reihe mit der falschen Farbe begonnen hat, wodurch sein Plan durcheinandergekommen ist.
Der Kindergarten ist für manche Kinder der erste Ort, an dem sie ihre Konzentration üben können.
Konzentration benötigt das Kind somit vor allem, wenn die Aufgabe anstrengend wird, das Interesse ­daran nachlässt oder Schwierigkeiten auftreten. Der Kindergarten ist für manche Kinder der erste Ort, wo sie mit solchen Aufträgen konfrontiert werden oder dazu motiviert werden, etwas fertig zu machen oder sich auf etwas einzulassen, das ihnen schwerfällt.
 
Zusätzlich werden dort weitere sogenannte «Exekutivfunktionen» geschult: Die Kinder lernen, zuzuhören und Informationen im Gedächtnis zu behalten, indem sie neue Lieder lernen, auf Fragen zu Geschichten antworten oder kleine Aufträge ausführen. Sie trainieren langsam, sich bei Brettspielen an die Vorgaben zu halten, im Stuhlkreis dem Impuls zu widerstehen, einfach dazwischenzuplappern, sich an Regeln zu halten und mehrstufige Abläufe wie das Anziehen oder Aufräumen zunehmend selbständig zu bewältigen. Bei Aktivitäten wie dem Basteln lernen die Kinder, strukturiert vorzugehen, Pläne zu schmieden, sich auf Neues einzulassen und sich flexibel darauf einzustellen, wenn einmal etwas danebengeht.

Dass im Kindergarten für diese Kompetenzen eine gute Grundlage gelegt wird, ist entscheidend für einen gelungenen Start in die erste Klasse. Allerdings entwickeln sich diese Fähigkeiten bis ins Erwachsenenalter hinein weiter. Wie rasch und wie gut Kinder lernen, sich zu konzentrieren und weitere Exekutiv­funktionen zu nutzen, hängt von mehreren Faktoren ab. Auf einige davon möchten wir kurz eingehen.

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