Psychotherapeutin Sophia Fischer: «Egal wie blöd ein Kind tut – es hat trotzdem ein Recht, nicht geschlagen zu werden»
Familienleben
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Wie fallen diese Kinder auf? Oder anders gefragt, wie verhält sich ein Kind, das häuslicher Gewalt ausgesetzt ist?

Es gibt keine Indikatoren, bei denen man sagen kann: Das Kind erlebt höchstwahrscheinlich häusliche Gewalt. Es gibt die offensichtlichen blauen Flecken. Dann ist aber schon sehr viel passiert. Wir haben auch manchmal Fälle, in denen Kinder beispielsweise in der Schule ansprechen, was sie zu Hause erleben. Wenn wir unsere Fälle anschauen, auch die schweren, dann ist bei uns zum Zeitpunkt des Vorfalls nur jedes zehnte Kind auffällig, hat Ängste oder nässt wieder ein in der Nacht. Allerdings können die Folgen auch zeitversetzt auftauchen oder wir können in dieser Momentaufnahme nicht alle identifizieren. Deshalb ist die Prävention so wichtig, sei es durch den Aufbau eines guten Aufklärungs- und Unterstützungsangebotes, polizeiliche Intervention oder die Sensibilisierung von Fachstellen.

Anders als in anderen europäischen Ländern ist in der Schweiz das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung nicht im Gesetz verankert.

Die Schweiz hat sich den UN-Kinderrechtskonventionen angeschlossen und darin ist das Recht des Kindes auf eine gewaltfreie Erziehung enthalten. Es gibt in der Schweiz aber kein Gesetz, in dem steht, dass man seine Kinder nicht schlagen darf. Es gibt aber irgendwann in der Gewaltausübung einen Punkt, an dem die Strafverfolgung aktiv wird, dann, wenn das Kindeswohl gefährdet ist. Dies greift nicht bei jeder Ohrfeige, aber auch nicht erst, wenn das Kind grün und blau geschlagen wird. Der Punkt, an dem gehandelt wird, ist stark kontextabhängig. Hat das Kind aus dem Affekt eine Ohrfeige bekommen? Wurde dies mit dem Kind besprochen? Ist es eine systematische Gewalt? Sind Schläge Mittel zur Züchtigung, die ganz bewusst eingesetzt werden?

Also ist eine Ohrfeige aus dem Affekt heraus okay?

Das möchte ich nicht so verstanden wissen. Auch marginale Gewalt hat eine Auswirkung auf Kinder. Aber weil man sein Kind mal fest am Arm gepackt hat, wird es nicht gleich ein Kindesschutzverfahren geben und auch kein Strafverfahren.

Was würde belasteten Familien ­helfen?

Sie bräuchten mehr Unterstützung und Bewältigungsstrategien bei den Stressfaktoren, die sie haben. In Beratungsgesprächen müssten Fragen wie «Was gibt es für Alternativen zu Gewalt in der Erziehung?», «Was passiert da mit mir, wenn ich das tue?», «Was hat mein Verhalten für Auswirkungen?» besprochen werden. Viele Eltern erzählen beispielsweise, dass es mit der Gewalt angefangen hat, als sich die Situation zu Hause geändert habe. Das kann die Geburt des dritten Kindes sein, die die Eltern ans Limit brachte. Trennungsphasen sind in Bezug auf Gewalt auch sehr gefährlich. Dann ist der Stress oder die Belastung sehr gross. Auch die Situation während des Lockdowns und vor allem die Schliessung der Schulen im vergangenen Frühling stellte für viele Eltern eine erhebliche Belastung dar. In dieser Zeit gingen die Fallzahlen nach oben.
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Ist das betroffenen Eltern bewusst?

Die meisten Eltern haben schon ein Gefühl dafür, dass ihr Verhalten für die Kinder nicht gut ist, aber meistens ist dieses Gefühl diffus. Sie sagen uns Sachen wie «Die Kinder sind nicht auffällig, denen macht das nichts» oder «Sie haben geschlafen, als die Gewalt passiert ist, und gar nichts mitbekommen».

Was sagen Sie diesen Eltern?

Wir zeigen diesen Müttern und Vätern auf, was die Gewalt mit einem Kind macht, und versuchen mit ihnen gemeinsam zu erarbeiten, wie man die Kinder stabilisieren oder begleiten kann. Es ist sehr wichtig, das Tabu zu brechen, einfach mal darüber zu reden, ohne ihr Verhalten gleich zu verurteilen, und sie dafür zu sensibilisieren, dass die Kinder oft sehr viel mehr mitbekommen, als wir unmittelbar erkennen können oder sie uns mitteilen.

Nun gibt es Eltern, die aus einer ­Überforderung heraus zuschlagen. Diese Mütter und Väter sind für ein Hilfsangebot sicher empfänglich. Was ist mit den Eltern, die Gewalt als Erziehungsinstrument gutheissen?

Das sind sehr anspruchsvolle Gespräche. Wir haben Eltern, meist aus patriarchalisch geprägten Gesellschaftsstrukturen stammend, die sagen, dass es sie sehr irritiere, wie hoch Kinderrechte in der Schweiz gewertet würden, dass man hier so sehr auf die Kinder schaue. Es gibt aber auch gute Möglichkeiten, diesen Eltern die Folgen ihres Verhaltens aufzuzeigen, ohne ihre Erziehungskompetenzen in Frage zu stellen. Die schulischen Leistungen sind da oft ein guter Ansatz: «Ein Gehirn, das gestresst ist, kann nicht lernen.» Es geht darum, Alternativen mit ihnen zu erarbeiten, ohne ihre guten Absichten in Frage zu stellen.

Aber diese Einstellung betrifft doch nicht nur Migrantenfamilien. Den ­Leitsatz «Ein Klaps hat noch ­niemandem geschadet» würden auch einige Schweizer Mütter und Väter nach wie vor unterschreiben.

Diese Bagatellisierungen sind ein grosses Problem. Werden wir in unseren Gesprächen damit konfrontiert, konzentrieren wir uns auf die Folgen körperlicher Strafen: Auch wenn sie jetzt nicht auffällig scheinen, tragen diese Kinder an jedem Punkt in ihrem Leben ein erhöhtes Risiko, auffällig zu werden, psychische und körperliche Folgeerkrankungen zu entwickeln.

Untersuchungen zeigen, dass viele Babys und Kleinkinder von häuslicher Gewalt betroffen sind, zum einen als Zeugen von Paargewalt, aber auch am eigenen Leib. Warum ist das so?

Weil kleine Kinder die meiste Zeit zu Hause bei ihren Eltern sind. Buben und Mädchen dieses Alters sind massiv abhängig von ihren Eltern, auch körperlich. Die basalen Fertigkeiten, mit denen wir auf Stress reagieren, Kampf oder Flucht, haben diese Kinder überhaupt nicht. Sie haben keine Chance, sich abzuwenden oder irgendwie einen aktiven Einfluss zu nehmen. Viele dieser Kinder reagieren mit einer Art Erstarrung. Sie schalten einen Teil ihrer Wahrnehmung ab, was chronisch werden und in Stress­situationen immer wieder auftreten kann.

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