Arztbesuch

Herr Staubli, wie gehen Sie mit Kindesmissbrauch um?

Georg Staubli ist Leiter der Notfallstation des Kinderspitals Zürich und dort auch Leiter der Kinderschutzgruppe. Der Kinderarzt erzählt, was schwere Fälle von Kindsmisshandlungen in ihm auslösen und warum körperliche Züchtigung als Erziehungsmassnahme noch existiert
Text: Claudia Landolt
Bilder: Vera Hartmann / 13 Photo
Federnd sind seine Schritte. In seiner Freizeit tanzt der Kinderarzt Georg Staubli leidenschaftlich gern und oft Rock'n' Roll. Die vielen Stufen der Treppe zu seinem kleinen Büro bewältigt er denn auch energischen Schrittes und grüsst alle, die ihm entgegenkommen, mit einem freundlichen Lächeln. Auf dem Weg nach oben: kein Schweisströpfchen auf seiner Stirn.

Herr Staubli, ständig liest man von Notfallstationen, die von Eltern mit kranken Kindern überrannt werden. Ist das bei Ihnen auch so?

Tatsächlich hat die Notfallstation des Kinderspitals Zürich jährlich 500 bis 2000 Patienten mehr als im Vorjahr. Seit 1995 steigt diese Kurve. 

Was kann der Grund sein? Überbesorgte Eltern? 

Es gibt tatsächlich mehr verunsicherte Eltern, die zu uns kommen, weil das Kind plötzlich 40 Grad Fieber hat. Aber auch Eltern, die ein Zeugnis brauchen für das kranke Kind. Oder die möchten, dass das Kind sofort gesund wird, damit sie anderntags arbeiten können.

Also behandeln Sie und Ihr Team zahlreiche Bagatellfälle. 

Medizinisch gesehen ist das so. Mein Ziel ist immer, das Kind so lange wie nötig und so kurze Zeit wie möglich auf der Notfallstation zu behalten. Es kann ja nichts dafür, dass es bei uns gelandet ist.
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Dr. Georg Staubli ist Leiter der Notfallstation am Kinderspital. Im Winter hat er besonders viel Arbeit. Bild: Vera Hartmann / 13 Photo
Dr. Georg Staubli ist Leiter der Notfallstation am Kinderspital. Im Winter hat er besonders viel Arbeit. Bild: Vera Hartmann / 13 Photo

Kommen vor allem Ersteltern? Mit jedem weiteren Kind wird man ja angeblich gelassener. 

Es macht sicher etwas aus, ob man bereits Erfahrung mit Kindern hat. Ich sehe jedoch auch viele Eltern, die mit dem zweiten oder dritten Kind kommen und sagen: Meine anderen Kinder hatten das nie! 

Kinderärzte sind in den Schweizer Städten Mangelware. Dann bleibt am Wochenende nur das Spital.

Ja, das ist so. Manche Kinderärzte nehmen bereits wochentags ab 17 Uhr ihr Telefon nicht mehr ab. Dann verstehe ich schon, dass man aus Sorge um sein Kind direkt ins Spital geht. Eltern sehen, dass ihr Kind 40 Grad Fieber hat, und wollen genau jetzt eine Lösung. Das hat natürlich den Vorteil, dass die wirklich kranken Kinder zu uns kommen, aber eben auch sehr viele Kinder, die auch einen Tag hätten warten können. 

Über Sie sagt man: Er ist Kinderarzt aus Berufung und Leidenschaft.

Aus meiner Sicht gehört die Berufung unbedingt dazu. Sie ist in jedem Beruf nötig. Und will man zu den Besten gehören, muss man auch bereit sein, mehr zu leisten. Ein Automechaniker, der einfach aufhört, ein Auto zu reparieren, weil er den Fehler nicht findet, wird nicht einer der Besten. Er wird es nur, wenn er so lange sucht, bis er den Fehler auch wirklich gefunden hat. Das ist in der Medizin nicht anders.

Warum wurden Sie Kinderarzt?

Ich habe immer gerne handwerklich gearbeitet und war daher eineinhalb Jahre in der Erwachsenenchirurgie tätig. Danach folgten ein Jahr in der Pädiatrie plus ein Jahr Kinderchirurgie. Ich zog Kinderchirurgie als Spezialisierung in Erwägung, stellte dann aber fest, dass die Ausbildung zum Kinderchirurgen in der Schweiz extrem lange dauert. Ich wollte nicht zehn Jahre lang Assistenzarzt sein. So landete ich in der Notfallmedizin. 
Jungs werden öfters physisch misshandelt als Mädchen, sagt Georg Staubli. Bild: Vera Hartmann / 13 Photo
Jungs werden öfters physisch misshandelt als Mädchen, sagt Georg Staubli. Bild: Vera Hartmann / 13 Photo

Was macht einen guten Kinderarzt aus? 

Einerseits sein Fachwissen. Andererseits muss man Kinder gern haben und mit ihnen umgehen können, auch wenn sie zum Beispiel unkooperativ sind oder weinen. Denn man weiss, dass dies Ausdruck ihres Verhaltens sein kann. Aber fast noch wichtiger ist Kommunikations-fähigkeit. Ein Kinderarzt muss insbesondere mit Eltern umgehen und deren Sorgen und Ängste verstehen können. Hat man diese Fähigkeit nicht, nützt die beste Fachkompetenz nichts. 

Stichwort Empathie? 

Ja. Man weiss aus der Erwachsenenmedizin, dass weniger als 50 Prozent der Patienten das tun, was der Arzt ihnen sagt. Wenn ich also möchte, dass das Kind so behandelt wird, wie ich es empfehle, muss ich die Eltern mit im Boot haben. Sonst funktioniert es nicht.
«Kinder sind ihren Eltern gegenüber sehr loyal, selbst wenn sie geschlagen werden.»

Sie sind Leiter der Kinderschutzgruppe. Da muss man die Eltern auf einer ganz anderen Ebene konfrontieren. 

Viele Missbräuche geschehen aus Überforderung. Die Konfrontation mit den Eltern ist da für uns aber einfacher, denn man erklärt, warum das Kind nicht mehr geschlagen werden soll und was zu tun ist, damit dies nicht mehr passiert. Fälle, in denen Kinder aus ideologischen Gründen geschlagen werden, sind viel schwieriger.

Züchtigung existiert noch? 

Es sind nicht viele Fälle, aber diese sind besonders aufwühlend. Es gibt Eltern, die ihr Kind mittels Schlägen und Angst gefügig machen wollen. Oft liegen dahinter ideologische Überzeugungen, manchmal aber auch krankhafte Persönlichkeitsstrukturen. Solchen Eltern klarzumachen, dass das nicht geht, ist sehr schwer. Eine unserer zentralen Aufgaben ist, abzuschätzen, ob es uns möglich ist, gemeinsam mit den Eltern einen Weg zu finden, um das Kind zu schützen.

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Von Andrea am 25.05.2016 23:15

Dass Kinder nach wie vor gesetzlich schlechter geschützt sind als der stärkere
Erwachsene, gibt mir schon sehr zu denken und darf nicht sein. Berichte über
geschlagene, misshandelte und missbrauchte Kinder machen mich, eine zweifache Mutter, enorm traurig und wütend zugleich. Was für Erwachsene Tabu ist, muss erst recht und zwingend auch für die Jüngsten sein. Alles andere fühlt sich für mich falsch und verkehrt an. Wehr-, hilf- und schutzlose Kinder zu schlagen und ihnen so Schmerzen zuzufügen - egal ob aus Frust, Wut, Überforderung oder gar als Straf-/Erziehungsmassnahme - ist schlecht, feige, schäbig, erniedrigend und demütigend. Kinder möglichst gewaltlos zu erziehen, hat nichts zu tun mit antiautoritärer laisser faire Kuschelerziehung, sondern mit Respekt und Anstand gegenüber den Kindern und Einsicht und Vernunft seitens der Eltern. Wie sollen Kinder lernen, andere, vor allem Schwächere, nicht zu schlagen, wenn sie vom xfach stärkeren, überlegenen Erwachsenen geohrfeigt werden? Wie sollen sie Respekt lernen und haben vor den "Grossen", wenn diese ihnen respektlos begegnen und sie schlagen? Wie sollen sie Regeln und Grenzen respektieren, wenn deren Eltern die körperlichen Grenzen überschreiten und ihre Kinder schlagen? Schläge fördern keinen Respekt, sondern Angst! Und Angst sollen unsere Kinder vor uns nie haben, im Gegenteil! Sie sollen aus Angst vor uns und möglichen Prügelstrafen nicht zu Lügnern werden, sondern uns stets vertrauen und alles anvertrauen dürfen, egal was sie plagt, sie auf dem Gewissen und angestellt haben. Wir Eltern haben eine grosse Vorbildsfunktion. Wir müssen als gute Vorbilder und gute Beispiele voran. Denn uns und unser Verhalten, gutes wie schlechtes, ahmen die Kinder nach. Es ist an uns Erwachsenen, Kinder vor körperlicher, seelischer und sexueller Gewalt zu bewahren und zu beschützen – das ist das Mindeste, das sind wir ihnen schuldig! Deshalb müssen Menschen, die Kindern Gewalt antun, bestraft werden. Belangt werden müssten aber auch all jene, die trotz Wissen und Kenntnis von Misshandlungen und Übergriffen, jedoch mangels Zivilcourage lieber feige und tatenlos weg- bzw hinschauen, statt frühzeitig einschreiten, um einem Kind in Not zu helfen – und zwar wegen unterlassener Hilfeleistung!

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