Angststörung wegen Corona bei Kindern
Psychologie

«Angststörungen bei Kindern haben wegen Corona zugenommen»

Noch nie gab es so viele kinder- und jugendpsychiatrische Notfälle wie seit Beginn der Coronakrise. Dr. Brigitte Contin-Waldvogel, Chefärztin der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Psychiatrie Baselland, erklärt im Interview, wieso die Pandemie Kinder und Jugendliche besonders hart trifft und welche psychischen Langzeitfolgen daraus entstehen können. 
Interview: Irena Ristic
Bild: Pexels & zVg

Frau Dr. Contin-Waldvogel, eine Studie des Bundesamtes für Gesundheit (siehe Box) stuft Kinder und Jugendliche als Risikogruppe ein, dies wegen der psychischen Auswirkungen der Coronakrise. Wie erleben Sie das in Ihrer Praxis? 

Die Anmeldungen bei uns in der Jugend- und Kinderpsychiatrie haben klar zugenommen. Das führen wir direkt auf die Pandemie zurück. Im November und Dezember haben wir normalerweise immer einen grösseren Anstieg an Fällen. Aber letztes Jahr waren es besonders viele, an manchen Tagen verzeichneten wir bis zu 100 Prozent mehr Anmeldungen. 

Was genau stresst die Kinder und Jugendlichen?

Generell haben Angststörungen eindeutig zugenommen. Wir registrieren sehr viel mehr verängstigte oder überängstliche Patientinnen und Patienten als in den Jahren zuvor. Wir haben Kinder, die Zwänge entwickelt haben, wie zum Beispiel Waschzwang oder die Angst, Mami, Papi oder die Grosseltern anzustecken. 
Dr. Brigitte Contin-Waldvogel ist Chefärztin und Direktorin der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Psychiatrie Baselland.
Dr. Brigitte Contin-Waldvogel ist Chefärztin und Direktorin der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Psychiatrie Baselland.

Ist die Corona-Pandemie der einzige Grund für die vermehrten Fälle?

Nur ein Belastungsfaktor reicht in der Regel nicht, um die psychologische Stabilität zu schwächen. Anders gesagt: Wenn ein Kind oder eine jugendliche Person sehr stabil ist, dann wird die jetzige Situation diesem Menschen nicht zwangsläufig mehr schaden. Es braucht immer eine Grund-Disposition und in der Regel mehrere Faktoren, die zusammenkommen, damit das Fass überläuft. 

Gibt es noch andere Krankheitsbilder, die nun verstärkt in Erscheinung treten? 

Ja. Das sind Depressionen, Ohnmachtsgefühle bis hin zu einem Gefühl der Sinnlosigkeit im Extremfall. Aber man muss auch sagen, dass jede Situation, so auch die Coronakrise, zwei Seiten hat. Nicht alle finden die Pandemie schlimm. 
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Was meinen Sie damit? 

Wir haben es in der Kinderpsychiatrie immer mit Extremen zu tun. Und so gibt es auch diejenigen Kinder und Jugendliche, die in dieser Krise regelrecht aufleben, weil sie ohnehin auf dem sozialen Rückzug waren und dieser nun offiziell legitimiert ist. Oder Schulphobiker, also Kinder und Jugendliche, die Angst haben vor der Schule. Die fanden es natürlich im Lockdown toll, zu Hause bleiben zu können. Auch Kinder, die vorher wenig Aufmerksamkeit von Eltern erhielten, weil diese viel weg waren, genossen es im Lockdown, Mami und Papi häufiger um sich zu haben. 

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