Empathie ist kein Geschenk, ­sondern eine Verpflichtung
Entwicklung

Empathie ist kein Geschenk, ­sondern eine Verpflichtung

Verständnisvoll und einfühlsam zu sein, wurde mit dem Lockdown zu einer alltäglichen ­Herausforderung. Wie sich gezeigt hat, lohnt es sich in so einer Ausnahmesituation, ganz rational an der Empathie zu arbeiten.
Text: Julia Meyer-Hermann
Bild: rawpixel
Die letzten Wochen, das weiss ich jetzt, waren ein Lehrstück im empathischen Miteinander. Eine ziemlich herausfordernde Übung, bei der man vorab gar nicht ahnte, welchen Stoff man da eigentlich zu bewältigen hatte.

Kurz nach dem Ausbruch der Pandemie hiess es in vielen Medien, die Ausnahmesituation sei auch eine Chance für mehr Empathie. Meine zwölfjährige Tochter, die ohnehin sehr idealistisch denkt, las die Schlag­zeilen und sagte: «Die Menschheit muss sich jetzt beweisen.» Als ich ihr die Massnahmen konkret erklärte, schrumpfte ihr Enthusiasmus ein wenig. Keine Treffen mit Freun­dinnen. Kein Schwimmverein. Auch kein Eis in der ersten Frühlings­sonne. Obwohl ihr die Krankheit doch vermutlich nichts anhaben würde! Ich erklärte meinen beiden Kindern, dass es auch in unserem Umfeld Menschen gebe, die wir schützen müssen: Ihre Omi, meine Mutter, ist fast 80 Jahre alt. Die Mutter einer Kindergartenfreundin hat soeben eine Krebserkrankung überwunden. Eine Freundin von mir, gerade erst 40, gilt wegen einer Autoimmunkrankheit als Hochrisikopatientin. Das Fazit fiel den Kindern nicht leicht, war aber eindeutig: Wir müssen unsere Bedürfnisse zurückstellen. Rücksicht auf Schwächere nehmen. Solidarität zeigen. 

Wie soll das nur weitergehen?

Wenn ich Freundinnen in den ­ersten Tagen anrief, um zu fragen, wie es ihnen während des Lockdowns ging, klangen die Antworten ähnlich: «Wir gehen es ganz ruhig an. Wir konzentrieren uns gerade aufeinander. Ist irgendwie entspannt.» Schon eine Woche später hörte sich das ganz anders an. «Es ist schwierig», hiess es da schon. «Herausfordernd», nannte es meine Schwester. «Hier kracht es oft», ­sagte eine Kollegin.
Seit Beginn der ­Pandemie fragte ich mich manches Mal, ob so eine Zeit ­Egoismus fördert.
Ich kenne viele Freiberufler, die diese Krise nicht unbeschadet überstehen werden. In den sozialen Netzwerken las ich zunehmend mehr Kommentare, dass «Alte beieinander in der Sonne sässen, während man selbst für diese Menschen seine Zukunft riskiere». Der Hashtag #staythefuckathome wurde von #fuckcorona abgelöst.

Auch ich konnte die wachsende An­spannung aus unserem häuslichen Miteinander bestätigen. In meinem Hinterkopf summte wie ein ständiger Störton die Angst, wie das denn weitergehen solle. Was würde das für unsere berufliche Zukunft und unsere Wirtschaft bedeuten? Mein Mann ist Redaktor, ich bin freiberufliche Autorin. Wir sind seit dem Lockdown im Homeoffice. 

Unsere Grosse geht in die 7. Klas­se eines Gymnasiums, unser Sohn in den Kinder­garten. Latein und Physik im Homeschooling neben einem bewegungshungrigen Sechsjährigen? Telefonkonferenzen, während die Kinder streiten? Als ich einem mir bis dahin unbekannten Chefredaktor am Telefon ein ­Thema vorschlug, brüllte der Sohn im Hintergrund nach Klopapier. Im Nachhinein ist das eine witzige Geschichte, weil der Mann wahnsinnig lachte und den Artikel trotzdem kaufte. Aber wie hätte ich reagiert, wenn mich das den Auftrag gekostet hätte? Empathisch? Mit Verständnis für den Jüngsten in unserer Familie? Vermutlich nicht.

Online-Dossier:

<div>Dieser Artikel gehört zum <a href="https://www.fritzundfraenzi.ch/dossiers/empathie"><strong>Online-Dossier Empathie </strong></a>Lesen Sie mehr zu Fragen, wie: Was können Eltern tun, damit Kinder die grundlegende Fähigkeit der Empathie entwickeln?</div>
Dieser Artikel gehört zum Online-Dossier Empathie Lesen Sie mehr zu Fragen, wie: Was können Eltern tun, damit Kinder die grundlegende Fähigkeit der Empathie entwickeln?

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