Corona und Schulstress macht depressiv
Psychologie

«Bildung ist wichtig, aber die psychische Gesundheit ist wichtiger» 

Schulen müssen den Druck auf Jugendliche vermindern, um dem wachsenden psychischen Stress während der Coronakrise entgegenzuwirken, fordert Dominique de Quervain. Der Stressforscher und Neurowissenschaftler über Belastungen in der Pandemie und wie Eltern ihre Kinder durch die Krise begleiten können. 
Interview: Irena Ristic 
Bild: Pexels & zVg

Herr de Quervain, junge Menschen sind derzeit besonders von depressiven Verstimmungen betroffen, wie Ihre Studie belegt. Warum trifft die Krise Kinder und Jugendliche in psychologischer Hinsicht so stark? 

In der Adoleszenz passieren viele Veränderungen auf körperlicher, persönlicher und sozialer Ebene. Es ist eine vulnerable Zeit und jetzt kommen mit der Pandemie gerade mehrere Stressfaktoren zusammen. Die Einschränkungen im sozialen Bereich sind für viele Jugendliche belastend, in vielen Familien ist der Stresspegel gestiegen und der Druck in der Schule hat zugenommen. 

Sie plädieren dafür, dass die Schulen den Druck rausnehmen. Warum? 

Aus der Zeit vor der Pandemie weiss man, dass Schuldruck der Faktor ist, der Kinder und Jugendliche am meisten belastet. Jetzt haben die Schulen vermehrt mit Klassen- oder Schulschliessungen und vielen Quarantänefällen zu kämpfen. Wenn die Schulen nun alles daransetzen, den verpassten Schulstoff aufzuholen, entsteht noch mehr Druck. Es muss daher eine Entlastung herbeigeführt werden. Der Lehrplan sollte an die Umstände angepasst werden. Als Arzt kann ich nur sagen: Bildung ist sehr wichtig, aber die psychische Gesundheit ist noch wichtiger. 
Dominique de Quervain ist Professor für Neurowissenschaften und Direktor der Abteilung für kognitive Neurowissenschaften an der Uni Basel. De Quervains Forschungsarbeit über das Stresshormon Cortisol und dessen Einsatz zur Behandlung von Posttraumatischen Belastungsstörungen und extremen Ängsten wie Phobien gelten als bahnbrechend. Im Rahmen seiner Forschung leitet er zudem die «Swiss Corona Stress Study», welche die psychischen Auswirkungen der Pandemie auf die Schweizer Bevölkerung untersucht. 
Dominique de Quervain ist Professor für Neurowissenschaften und Direktor der Abteilung für kognitive Neurowissenschaften an der Uni Basel. De Quervains Forschungsarbeit über das Stresshormon Cortisol und dessen Einsatz zur Behandlung von Posttraumatischen Belastungsstörungen und extremen Ängsten wie Phobien gelten als bahnbrechend. Im Rahmen seiner Forschung leitet er zudem die «Swiss Corona Stress Study», welche die psychischen Auswirkungen der Pandemie auf die Schweizer Bevölkerung untersucht. 

Sind Jugendliche heute weniger widerstandsfähig, weil sie bislang (und zum Glück) keine echten Krisen durchleben mussten, zumindest nicht in Mittel- und Nordeuropa? Anders gefragt: Sind Ältere krisenresistenter? 

Unsere Daten zeigen, dass die Generation 65 plus tatsächlich die am wenigsten psychisch betroffene Gruppe darstellt. Sie sind finanziell abgesichert, da fällt ein grosser Druck weg. Auch ist der Tagesablauf eines Ü-65 anders, als derjenige eines 17-Jährigen, der zum Beispiel den Ausgang vermisst. Und klar: Ältere Menschen haben mehr Lebenserfahrung, die helfen kann, Krisen anders einzuordnen. Trotzdem dürfen wir nicht vergessen, dass es auch ältere Leute gibt, die psychisch stark unter der Pandemie leiden. 

Aber geht es allen Jugendlichen wirklich so schlecht? 

Unsere Daten zeigen, dass die psychische Belastung im Laufe der Pandemie stark zugenommen hat. Aber ein Blick tiefer in die Studienzahlen zeigt auch, dass nicht alle gleich stark von der Pandemie betroffen sind. Wenn wir sagen, Jugendliche leiden am meisten unter der Pandemie, dann reden wir von einem statistischen Mittelwert und vergleichen ihn mit den Mittelwerten der anderen Altersgruppen. Detaillierter analysiert, offenbart sich folgendes Bild: In der Gruppe der der 14-24-Jährigen beträgt der Anteil mit ausgeprägten depressiven Symptomen 29 Prozent. Dieser Wert hat sich seit dem Lockdown im April verdoppelt. Weitere 24 Prozent der Befragten haben mittelgradige Symptome und rund die Hälfte gab an, milde bis keine Symptome zu verspüren. 
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Von Ihnen stammt der Satz: Wie Stress definiert wird, ist subjektiv. Was meinen Sie damit? 

Ein äusseres Ereignis kann von zwei Menschen ganz unterschiedlich empfunden werden. Stressempfinden und die Fähigkeit mit Stress gut umzugehen, hängen einerseits von den Genen ab, andererseits von der Umwelt und damit von dem, was man erlebt und beobachtet hat. Wenn wichtige Bezugspersonen wie Eltern, Götti oder auch Freunde unbeschwerter oder souverän mit Stress umgehen, dann kann sich das auch auf das Verhalten des Kindes übertragen. 

1 Kommentar

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Von Beatrice am 17.03.2021 09:22

Ich finde nicht das Schüler noch weniger Leistung bringen sollten, eher mehr die Interessen wecken und zur selbstaktivität hin bewegen. Ein eigenes Thema das die verschiedenen Talente überhaupt entdeckt.
Das Kind oder der Jugentliche sollte Mitspracherecht bekommen bei diversen Themen.

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