Psychologie

Susanne Walitza, warum nehmen so viele Schulkinder Ritalin? 

Der Wirkstoff Methylphenidat, enthalten in Ritalin, ist der meistverabreichte
Wirkstoff bei ADHS. Bisher galt, dass er nur in schweren Fällen verschrieben werden soll. Nun empfiehlt eine neue Leitlinie, den Wirkstoff bereits in mittelschweren Fällen zu verabreichen. Susanne Walitza, Professorin für Kinder- und Jugendpsychiatrie, über die richtige Dosierung, alternative Behandlungsmethoden und «Blick-Diagnosen».
Interview: Evelin Hartmann 
Bilder: Daniel Winkler / 13 Photo
Ein Altbau nahe des Hegibachplatzes in Zürich: Knarrende Treppen, grosse Fenster und ein mit Stuck verzierter Raum, in welchem die Direktion der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie beheimatet ist. «Ein Bijou», sagt Susanne Walitza. «Aber ich beanspruche es nicht nur für mich allein. Hier halten wir unsere Sitzungen ab», betont die Professorin für Kinder- und Jugend­psychiatrie und streicht mit der Hand über die weisse Tischplatte. An diesem Tag wird sie hier Fritz+Fränzi ein ­Interview geben. 

Frau Walitza, wie viele Kinder und Jugendliche bekommen hierzulande Ritalin verordnet?

Man geht davon aus, dass in der Schweiz fünf Prozent aller Kinder und Jugendlichen von der sogenannten Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, kurz ADHS, betroffen sind. Etwa die Hälfte von ihnen wird mit dem Wirkstoff Methylphenidat, enthalten beispielsweise im Medikament Ritalin, behandelt. Ritalin ist die erste Wahl bei einer medikamentösen Behandlung dieser Störung. 

2018 nahmen fast doppelt so viele Schulkinder Psychostimulanzien wie 2006. Wie erklären Sie sich diesen rasanten Anstieg?

Die Zunahme an Verschreibungen fand vor allem in den Jahren zwischen 2002 und 2010 statt. Wir gehen davon aus, dass sich in diesen Jahren insbesondere in den Ballungszentren die Versorgungslage verbessert hat, es seither mehr Kinder- und Jugendpsychiater, Psycho-therapeuten und auf ADHS spezialisierte Kinderärzte gibt. Ausserdem wurde vermehrt über die Krankheit informiert.
Susanne Walitza behandelt viele Kinder mit ADHS. Wenn sie Ritalin verschreibt, beginnt sie mit einer geringen Dosis.
Susanne Walitza behandelt viele Kinder mit ADHS. Wenn sie Ritalin verschreibt, beginnt sie mit einer geringen Dosis.

Sie wurde also ein Stück weit ent­stigmatisiert? 

Ja. So, dass mehr Kinder bei Ärzten und Kinder- und Jugendpsycho­therapeuten vorstellig wurden. Nach 2010 kam es zu einer Stagnation der Zahlen. Sie sind sogar leicht rückläufig. Das heisst, wir haben die nö­tige Versorgung meines Erachtens erreicht. Bei ADHS handelt es sich um ein sehr häufig vorkommendes und gut erforschtes Störungsbild.
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Das in 70 bis 80 Prozent der Fälle ­vererbt wurde? 

Richtig. Wir haben aber trotz des Wissens um die hohe Erblichkeit keine biologische Untersuchungsmethode, keine Biomarker, mit denen man die komplexe klinische Untersuchung, die bei einem Verdacht auf ADHS angezeigt ist, ersetzen könnte. Auch wenn bereits einige Anbieter entsprechende Diagnostiktools offerieren: ADHS lässt sich nicht im Blut oder mit einer Hirnstrommessung (Elektroenzephalografie EEG) feststellen.
Bei ADHS handelt es sich um ein sehr gut erforschtes ­Störungsbild.

Sie sprechen von einer Setting­abhängigkeit der Symptomatik. Was heisst das?

Wie gesagt: Wir wissen, dass ADHS erblich ist. Wie ausgeprägt sich die Störung dann im Einzelfall zeigt, ist jedoch sehr stark umwelt- und gesellschaftsabhängig. Je starrer das Schulsystem ist und je heterogener die Klasse, desto schwieriger wird es für das Kind mit ADHS. Da wir die Umweltfaktoren relativ gut beeinflussen können, sind sie einer der wichtigsten Ansatzpunkte in der Behandlung. 

Inwiefern?

Das fängt bei Elternberatung und Elterntraining an und reicht bis zu Interventionen in der Schule. So gibt es mittlerweile eine ADHS-spezifische Weiterbildung für Primarlehrerinnen und Primarlehrer, die Elemente wie Klassenführung sowie den Umgang mit Kindern mit ADHS und deren Eltern umfasst. Heute sind wir viel aufgeklärter, haben engagierte Eltern, Lehrpersonen und somit viel mehr Potenzial, die Möglichkeiten der Behandlung – ohne Medikation – auszuschöpfen. Erst wenn sich die Situation für das Kind in der Schule nicht bessert, das Kind der ständige Sündenbock ist oder depressiv wird, weil es hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt, empfehlen Experten und wählen Eltern die Medikation. 

1 Kommentar

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Von Norbert am 01.07.2019 14:19

Herzlichen Dank für die ADHS Reihe!
Wir sind seit 13 Jahren Pflegeeltern für ein ADHS Kind und stellten dabei fest dass
das sozial Verhalten unserer Tochter ohne Medikamente deutlich besser ist als mit,
allerdings leidet die Konzentration in der Schule schon sehr stark ohne Medikamente.
Bedauerlich finde ich/wir es dass scheinbar Ritalin/Medikinet das Allheilmittel für diese
Erkrankung ist und nicht nach Wegen gesucht wird auf ein Leben der Betroffenen ohne
Psychopharmaka ihr Leben gestalten zu können

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