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Ernährung

Was unser Essen über uns aussagt

Du bist, was du isst: Das sei keine Binsenweisheit, sondern eine Tatsache, sagt der Wissenschaftler Daniel Kofahl. Er betrachtet durch die Soziologenbrille, was auf unserem Teller landet.
Text: Virginia Nolan
Der Volksmund hat also recht: Wir sind, was wir essen. Die bekannte Lebensweisheit stimme gleich in mehrerer Hinsicht, sagt der Ernährungssoziologe Daniel Kofahl: «Physiologisch betrachtet, ist unser Körper tatsächlich die Nahrung, die er sich einverleibt hat. Auch aus soziokultureller Sicht sind wir mit unserem Essen eins, weil wir uns als Gesellschaft darüber identifizieren – mit bestimmten Tischsitten, Lebensmitteln und Ritualen vom Nachmittagstee bis zum Sonntagsbraten.» Kofahl lehrt an der Universität Wien und der Deutschen Akademie für Kulinaristik, ausserdem leitet er ein wissenschaftliches Büro für Agrarpolitik und Ernährungskultur. 

Wie Ernährung zum Kult wurde

Der Soziologe weiss: Die Art und Weise, wie wir Ernährung auffassen und umsetzen, wird von der Kultur, in der wir aufwachsen und leben, vorstrukturiert. «Das gilt selbst dann, wenn wir von der Tradition abweichen», sagt Kofahl. Denn auch Veränderungen betrachteten wir immer im Kontext der von unserer Gesellschaft legitimierten Ernährungsweise: «Dann wird zum Innovator, Rebellen oder Kranken, wer es anders macht.»

Abweichler gibt es immer mehr, und der Konsens darüber, was und wie gegessen werden soll, bröckelt. Dies sieht Kofahl als natürliche Folge der Tatsache, dass Essen heute nicht mehr allein dazu dient, den Hunger zu stillen.
Es drängt sich der Eindruck auf, das Essen diene nicht mehr der Nahrungsaufnahme, es sei Medizinersatz.
Unsere Beziehung zum Essen sei dadurch einfacher und zugleich komplizierter geworden. «Frühere Generationen hatten Mühe, etwas auf den Tisch zu bringen», sagt Kofahl, «wir in den reichen Industriegesellschaften haben dafür heute ein Entscheidungsproblem.»

Der Überfluss lässt uns die Wahl, und die zwingt uns abzuwägen: Was wollen wir essen?
Und vor allem: was nicht? Im Dschungel der Möglichkeiten, so scheint es, dient uns vor allem das Ideal des vitalen Körpers als Kompass. Wir beurteilen Lebensmittel nach ihrer gesundheitsfördernden Wirkung und geraten dabei in allerlei Verstrickungen. Es drängt sich der Eindruck auf, Essen sei von der Nahrungsaufnahme zum Medizinersatz avanciert.

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