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Ernährung

Frau Dunitz-Scheer, müssen unsere Kinder mehr Gemüse essen?

Wie vermeidet man Kämpfe am Esstisch? Sollen Ihre Kinder beim Einkaufen mitbestimmen dürfen? Die Kinderärztin und Ernährungsexpertin Marguerite Dunitz-Scheer über schwierige Esser, Kinder, die plötzlich abnehmen möchten, und gesundes Essverhalten.
Interview: Claudia Füssler
Bilder: Regina Hügli / 13 Photo

Frau Dunitz-Scheer, machen wir uns zu viele Gedanken ums Essen?

Auf jeden Fall. Das liegt daran, dass wir unsere Intuition und den Alltag in Sachen Esskultur und Kochkultur verloren haben. Einerseits kochen wir weniger oft als jemals zuvor selbst, andererseits messen wir ein­zelnen Nahrungsmitteln so viel Bedeutung bei wie noch nie. Dieses Pendeln zwischen zwei Extremen zeigt: Uns ist die Normalität beim Essen abhandengekommen.
Marguerite Dunitz-Scheer ist Professorin für Kinderheilkunde und Leiterin der Psychosomatischen Kinder- und Jugendstation an der Universitätsklinik Graz. Die Expertin für Essstörungen und sonderernährte Kinder hat sechs Kinder und sieben Enkelkinder. Gemeinsam mit ihrem Mann hat sie das Buch «Jenseits von dick und dünn: Kochen – Essen – Familie. Der etwas andere Ratgeber. Mit vielen praktischen Beispielen und Rezepten» geschrieben. Mehr dazu: www.notube.com/de
Marguerite Dunitz-Scheer ist Professorin für Kinderheilkunde und Leiterin der Psychosomatischen Kinder- und Jugendstation an der Universitätsklinik Graz. Die Expertin für Essstörungen und sonderernährte Kinder hat sechs Kinder und sieben Enkelkinder. Gemeinsam mit ihrem Mann hat sie das Buch «Jenseits von dick und dünn: Kochen – Essen – Familie. Der etwas andere Ratgeber. Mit vielen praktischen Beispielen und Rezepten» geschrieben. Mehr dazu: www.notube.com/de

Wie konnte das passieren?

Das hat viele Gründe. Schauen Sie sich die vergangenen 70 Jahre seit dem Zweiten Weltkrieg an: Europa hat sich zum ersten Mal in der Ge­schichte der Menschheit in eine Nahrungsüberflussgesellschaft ver­wandelt. Die Nahrungsmittelindus­trie ist notwendigerweise offensiv bis aggressiv. Sie füttert nicht nur die Supermarktregale mit Angeboten, sondern auch unsere Köpfe mit Ideo­logien und viel zu viel Information. Das führt dazu, dass die Menschen Nahrung als Religions-­ und Identi­tätsersatz sehen.

Das klingt, als ob wir uns ziemlich absurd verhalten.

Und ob. Dieses riesige Angebot führt aber auch dazu, dass wir zum ersten Mal in einer Gesellschaft leben, in der die tägliche Beschaffung der Nahrung mit minimalstem Aufwand möglich ist: Tütchen kaufen, aufreis­sen, warm machen, essen – fertig. Wer nicht will, muss sich überhaupt keine Gedanken ums Essen machen. Dahinter steht der Verlust einer gan­zen kulturspezifischen sinnlichen Welt.
«Wer ein gutes Mittelmass bei der Ernährung vorlebt, hat kaum essgestörte Kinder.»
Marguerite Dunitz-Scheer , Kinderärztin und Ernährungsexpertin

Aber daran sind nicht nur die Lebensmittelhersteller schuld, oder?

Nein, natürlich nicht. Es sind zahl­reiche gesellschaftliche Veränderun­gen, welche man keinem Einzelnen oder einer Gruppe allein zum Vor­wurf machen kann. Als ich in den 60er­-Jahren in der Schweiz aufge­wachsen bin, ist keine Mutter arbei­ten gegangen. Heute bleiben viel­leicht zehn Prozent der Mütter daheim. In der Folge hat sich die Kochkultur zu einem Event verän­dert, der oft nur einmal in der Woche stattfindet. Mama steht am Herd und kocht – das ist eine Ausnahme, nichts Normales.
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Wie sieht diese Normalität denn aus? 

Ganz unspektakulär: seinen Kindern ein abwechslungsreiches Essen hin­stellen und mindestens einmal am Tag kochen. So lernen die Kinder nebenbei, was eine lustvolle und gute Esskultur ist. Und natürlich das Kochen. Aber fragen Sie mal Zehn­jährige, wie das bei ihnen zu Hause ist. Die meisten können sich nicht einmal ein Spiegelei braten oder Pas­ta für sich und ein Geschwisterkind kochen. Später schickt man den Nachwuchs in spezielle Kinderkochkurse. Da wird dann künstlich etwas in ihr Leben hineingebracht, was sie ganz automatisch daheim hätten ler­nen können.

1 Kommentar
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Von Annamarie am 28.08.2017 10:45

Ich bin jetzt Grossmami und wieder mit dem Kinderessen konfrontiert. Das heisst... noch einmal die ganze Palette des Themas. Ihr Artikel hat mich sehr angesprochen und gefreut. Unsere Gespräche am Familientisch waren etwas vom Schönsten mit unseren Kindern. Auch die "Entwarnung" betreffend Gemüse ist sehr gut. Mich dünkt, wenn die Kinder sehen, dass das bei uns zur normalen Mahlzeit gehört, wird es auch mit der Zeit für sie normal. Unsere Buben haben sich sehr lange distanziert und heute essen sie alles, ausser bei einem Sohn Broccoli, auf die ist er allergisch. Manchmal hat die Verweigerung einer Speise ja wirklich einen Hinter-Grund.
Vielen Dank für Ihre Bemühungen zu diesem Thema!!!

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