So kommt Ihr Kind auf den gesunden Geschmack

Wie «Nudging» das Essverhalten von Kindern und Jugendlichen zwanglos in eine positive Richtung lenken kann – und welche Rolle Sie als Eltern dabei spielen.
Wir Menschen sind keine rein rational entscheidenden Wesen. Obwohl wir wissen, dass manche Dinge ungesund sind, essen wir diese trotzdem, und das immer wieder. Dieses Verhalten hat viele Gründe. Setzt man sich eine gesündere Ernährung zum Ziel, um fitter und schlanker zu werden, kann dies anfangs einen grossen Verzicht bedeuten, ohne dass man die posi­tiven Auswirkungen unmittelbar spürt. Da eben diese Auswirkungen nicht sofort spürbar sind, kommt es ganz oft vor, dass wir kurzfristig unsere Vorsätze vergessen und die Lust nach dem «Verbotenen» doch grösser ist und gewinnt. Das Bedürfnis, dem Jetzt zu gehorchen und dem Später weniger Gewichtung zu geben, ist dabei sehr typisch und menschlich. Da ist der Genuss einer Schokoladenglace im Hier und Jetzt mehr wert als die angestrebte schlankere Linie, die sich erst viele Verzichtsmomente später bemerkbar macht. Zahlreiche weitere Beobachtungen zeigen, wie oft wir Menschen von aussen betrachtet nicht immer die vernünftigste Entscheidung treffen. In diesem Zusammenhang kommt der Begriff «Nudging» ins Spiel. Beim Nudging geht es da­rum, Menschen durch sanftes «Anstupsen» oder Beeinflussung dazu zu bewegen, für sich selbst oder für die Umwelt und Mitmenschen positive Entscheidungen zu treffen oder eben das eigene Ver­halten zu verbessern. Dies soll unbedingt ohne Zwang, Verbote und Regeln geschehen. Denn wie Sie bestimmt auch schon erfahren haben, führen Verbote dazu, dass Kinder wie auch Erwachsene das Verbotene nur noch spannender ­finden.
Die Nudging-Methode kann in verschiedenen Bereichen angewendet werden. In Bezug auf gesunde Ernährung hat sie folgendes Ziel: Die Entscheidung für das Gesunde soll die einfachere Entscheidung sein. Es sollen möglichst alle Steine aus dem Weg geräumt werden, um sich für die gesunde Variante entscheiden zu können, ohne dass die ungesunde Variante aktiv schlecht gemacht wurde.

Auf die Stimmung kommt es an

Auch Ihre Familie kann sanft in Richtung gesunder und ausgewogener Ernährung gelenkt werden. Farbenfrohe Gerichte, welche auch noch schön oder spielerisch angerichtet werden, machen Lust auf mehr. Gibts den Salat als Vorspeise, wird dieser eher gegessen, als wenn der zum Hauptgang serviert wird. Sehen die Gerichte abwechslungsreich und interessant aus, werden sie beispielsweise mit einer Sauce zum Dippen serviert, greifen auch die jüngsten Familienmitglieder eher zu. Zudem spielt auch die Portionsgrösse eine entscheidende Rolle. Je grösser die Portion ist, desto mehr wird davon gegessen, obwohl das Sättigungs­gefühl schon eingetreten ist. Mit kleineren Dessertportionen servieren sie automatisch weniger Zucker und Fett – ohne darüber ein Wort verlieren zu müssen. Auch die Atmosphäre während der Mahlzeiten spielt eine Rolle. Wird unter Stress oder bei Streit gegessen, essen die Emotionen mit, welche das Hunger- und Sättigungsgefühl stark beeinflussen können. Dasselbe gilt für Essen mit Ablenkung durch TV oder Smartphone. Herrscht eine entspannte und wohlwollende Stimmung am Familientisch, wirkt sich das wiederum positiv aus. Es zeigt sich also, dass die Qualität, sprich wie beziehungsweise unter welchen Umständen miteinander gegessen wird, viel entscheidender ist als die Quantität, also wie oft zusammen gegessen wird. 

Was Schulkantinen tun können

Auch in öffentlichen Räumen wie Schulen wird die Nudging-Methode angewendet. Das Essverhalten von Kindern wird in den ersten Lebensjahren stark durch die eigenen Familienmitglieder und das nahe Umfeld geprägt. Sobald Kinder in die Schule gehen und nicht mehr alle Mahlzeiten zu Hause essen, nimmt der Einfluss von aussen zu. Mit Nudging-Instrumenten können Schulkantinen Kindern gezielt dazu verhelfen, sich für die gesündere, nährstoffreichere Mahlzeit zu entscheiden. Dafür ist entscheidend, dass die Mahlzeiten unsere Sinne ansprechen. Sie sollen schön angerichtet und farbenfroh zusammengestellt sein, angenehm riechen und zu guter Letzt gut und frisch schmecken. Die gesünderen Speisen können beispielsweise als «To go»-­Variante oder auch vergünstigt angeboten werden: So kostet das Vegimenü 3 Franken weniger – denn auch der Preis kann darüber entscheiden, dass sich Kinder und insbesondere Jugendliche für oder gegen ein Gericht entscheiden. Die zu wählenden Gerichte könnten sogar noch in besserem Licht – und das wortwörtlich – platziert werden, während die anderen Speisen im gewohnten Licht ihren Platz haben. Eine weitere wichtige Entscheidungshilfe sind auch die Wartezeiten. Gesündere Speisen sollten schnell verfügbar sein, ohne mühsames Anstehen. Zum Teil sind es sehr kleine Veränderungen, zum Teil etwas grössere, aber alle können dazu beitragen, dass sich Kinder, Jugendliche und Erwachsene für das gesündere Essen entscheiden.
Das Nudging kann und wird selbstverständlich auch für andere Zwecke genutzt. Nicht immer steht die Gesundheit an erster Stelle. In Einkaufsläden wird alles mit hohem Gewinn auf Augenhöhe der Zielgruppe aufgestellt, sodass die Produkte mehr gekauft werden.

Nudging im Familienalltag – so funktionierts

  • Die Sinne wecken: farbenfrohe, ­abwechslungsreiche und ­geschmackvolle Menüs zusammen kochen und geniessen.
  • Kleinere Portionen schöpfen ­(insbesondere Dessertportionen), dazu können auch kleinere Teller genutzt werden.
  • Eltern als Vorbilder: positiv über das Essen sprechen, den Koch beziehungsweise die Köchin loben.
  • Gemüse nicht als gesund anpreisen, sondern als knackig, frisch und geschmackvoll.
  • Salat/Gemüsesticks vor dem Hauptgang essen und nicht zusammen, dann ist die Chance grösser, dass etwas vom Grünzeug gegessen wird.

Vera Kessens ist BSc Ernährungsberaterin  SVDE und arbeitet als frei-schaffende Ernährungs-beraterin bei Betty Bossi.
Vera Kessens ist BSc Ernährungsberaterin  SVDE und arbeitet als frei-schaffende Ernährungs-beraterin bei Betty Bossi.